Jahresrückblick 2011 Anke Brügmann

Das verheerende Erdbeben in Haiti jährte sich am 12. Januar 2012 zum zweiten Mal. Was ist seitdem geschehen in Haiti, um das Leid der Menschen zu lindern? Hier schildert die Vereinsvorsitzende Anke Brügmann, was Pwoje Men kontre unternehmen konnte und weiter unternimmt, um den Menschen zu helfen. Im Namen des Vereins möchte sie an dieser Stelle allen Spendern ein großes Dankeschön aussprechen für die riesige Unterstützung und Anteilnahme in den letzten zwei Jahren. Anke Brügmann: „Wir konnten dadurch vielen Menschen helfen.“

Erdbeben noch immer präsent im Leben der Menschen in Haiti

Für die Menschen in Haiti ist das Erdbeben immer noch sehr präsent, denn es gibt praktisch niemanden, der nicht Verwandte oder Freunde verloren hat. Die Überlebenden, auch die Kinder, haben Furchtbares gesehen. Viele wurden schwer verletzt. Bei uns auf dem Lande sind die Folgen des Erdbebens nicht mehr unmittelbar sichtbar. Immer mehr Familien, die nach dem Erdbeben in ihre Heimatorte auf dem Land geflüchtet waren, kehren nun in die Hauptstadt zurück, weil es in der Peripherie keine Arbeitsplätze gibt. Das tägliche Leben hat sich weitgehend normalisiert.

Erdbeben-Spendengelder komplett ausgegeben

Wir haben das für die Erdbebenhilfe gespendete Geld komplett ausgegeben. Da wir zufällig während des Erdbebens in der Nähe der Hauptstadt waren, konnten wir ab dem ersten Tag mit der Hilfe beginnen, wenn wir nicht die Mittel der großen Organisationen hatten. Wir haben ja selbst obdachlos auf der Straße gelebt. Verletzte erhielten erste Hilfe, und wurden im Krankenhaus mit Mahlzeiten versorgt. Über 16 000 Obdachlose haben wir in ihre Heimatorte in ganz Haiti evakuiert. Im Departement Grande Anse wurden bis Ende April 2011 täglich ca. 200 Lebensmittelpakete über 19 Verteilungsposten an Flüchtlingsfamilien abgegeben. Mit Verteilungen von Werkzeugen und Saatgut haben wir mehreren hundert Flüchtlingsfamilien der Region die Reintegration in die heimatliche Landwirtschaft ermöglicht. In unserer kurzfristig improvisierten Flüchtlingsschule konnten etwa 200 Schüler nach dem Erdbeben bis Anfang Juli 2010 den Unterricht fortsetzen, und teilweise sogar den Schulabschluss machen. Andere Schulen unterstützten wir mit Material, Lehrergehältern und Lebensmitteln bei der Aufnahme von Flüchtlingen. 17 Familien leben in unseren neu erbauten Flüchtlingshäusern in Beaumont und Pestel. Viele Flüchtlinge haben Matratzen, Decken und warme Kleidung bekommen. Unser Erdbebenprogramm ist zum 1. Januar 2012 ausgelaufen. Die Flüchtlinge, die noch weiter von Hilfe abhängig sind, werden in andere Programme übernommen. Hierzu gehören einige Sekundarschüler, die wir noch beim Schulbesuch unterstützen, Flüchtlingsfamilien, die unsere Sozialwohnungen bewohnen, und alte und kranke Menschen, die weiter regelmäßig Lebensmittel bekommen. Eine Gruppe von Bauern, denen wir beim Neuaufbau ihrer Landwirtschaft geholfen haben, werden nun gezielt Lebensmittel anbauen, die wir ihnen zu fairen Preisen für unsere Weiterverarbeitung abkaufen. In der ersten Phase sollen vor allem Maniok und Erdnüsse produziert werden.

Probleme beim richtigen Einsatz der Spendengelder

Unmittelbar nach dem Erdbeben, war es für extrem schwierig, die Hilfe zu organisieren. Das gesamte Telefonsystem war zusammengebrochen, Kommunikation und damit Koordination war nur über persönliche Besuche möglich. Dabei war alle Fortbewegung im Erdbebengebiet eine Geduldsprobe. Viele Straßen waren durch Trümmer blockiert, auf den wenigen freien Wegen stand man im Stau. Um ein paar Liter Benzin aufzutreiben, war man fast einen Tag lang unterwegs. Das öffentliche Personal, das eigentlich dringend gebraucht wurde, um für Ordnung zu sorgen und die Hilfe koordinieren zu helfen, wie Ärzte, Polizei, Politiker, stand nicht zur Verfügung, da diese Leute selber tot oder verletzt waren, oder sich um verletzte Angehörige kümmern mussten, oder aber nicht bis zu ihrem Arbeitsplatz durchkamen. Jede Hilfsaktion war mit einem hohen Risiko für Gewalt und Plünderung verbunden. Trotzdem wurde gerade in der ersten Zeit viel geleistet, sowohl von den Hilfsorganisationen, als auch von haitianischen Helfern, die oft rund um die Uhr gearbeitet haben, obwohl sie selbst Opfer waren. Der schleppende “Wiederaufbau” wurde viel kritisiert, aber da möchte ich mir kein Urteil erlauben, da wir uns nach der Anfangsphase auf die Flüchtlingshilfe in der Peripherie konzentriert haben. Ein Grund für die Schwierigkeiten war, dass die Hauptstadt Port-au-Prince auch schon vor dem Erdbeben in keinem guten Zustand war. In vielen Fällen handelt es sich also gar nicht um einen “Wiederaufbau”, sondern um einen “Aufbau”. Viele der Menschen, die auch heute noch in Zelten leben, hatten auch früher keine menschenwürdige Unterkunft. Wo soll man Häuser für sie bauen? In der Stadt ist es schwierig freien Grund mit geklärten Eigentümerverhältnissen zu finden und aus der Stadt raus wollen die Leute nicht, weil sie nur in der Stadt eine Arbeit finden. Es mussten auch erst einmal viele Trümmer beseitigt werden, die verbliebenen Häuser auf Sicherheit überprüft, und Regeln für erdbebensicheres Bauen definiert werden.

Erdbeben brachte dem Verein viele regelmässige Spender

Wir erhalten natürlich nicht mehr so viele Spenden wie im Erdbebenjahr, aber es haben doch viele Erdbebenspender Haiti besser kennengelernt und unterstützen uns nun regelmäßig. Unsere Spenden im Jahr 2011 liegen etwas höher als im letzten Jahr vor dem Erdbeben. Wir sind immer noch von der großen, sehr persönlichen Anteilnahme und Hilfsbereitschaft der Menschen in Deutschland überwältigt.

Cholera-Gefahr noch immer nicht gebannt

Wir haben immer wieder Cholerafälle in unserer Region und auch unter unseren eigenen Kindern. Manchmal sind die Choleracamps leer, aber die Epidemie flammt immer wieder auf. Ohne Hilfe können die Patienten innerhalb von drei Stunden sterben. Viele Kranke aus den abgelegenen Dörfern schaffen es nicht bis zum Krankenhaus. Da auch gesunde Menschen den Keim in sich tragen und somit andere anstecken können, wird die Cholera auch in den nächsten Jahren nicht auszurotten sein in Haiti.

Beste Hilfe sind Ausbildungs- und Arbeitsplätze

Der beste Weg der Menschen zu helfen ist eindeutig die Schaffung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen im Produktionssektor. Viele Basisprodukte des täglichen Lebens kommen in Haiti nach wie vor aus dem Ausland. In unserer Organisation setzen wir vor allem auf die Weiterverarbeitung von landwirtschaftlichen Produkten. Wir wollen mit den vor Ort angebauten Rohstoffen vor Ort etwas herstellen, was auch vor Ort für das tägliche Leben gebraucht wird.