Zahnarzt Sebastian Engelhardt behandelte zusammen mit seiner Kollegin Nina Schondelmaier die Kinder von Men Kontre Ein umgebauter Autositz diente als provisorischer Zahnarztstuhl Damit alle drankommen konnten wurden die Kinder beinahe rund um die Uhr behandelt

Reisebericht von Zahnarzt Sebastian Engelhardt

Beaumont, Haiti – 11. bis 26. Januar 2013

Haïti – was war da nochmal? Eine Insel, wahrscheinlich sehr arm, Erdbeben, Port-au-Prince, Präsidentenpalast, Baby Doc – soweit meine ersten Gedanken zu dem Land Haiti, als meine Kollegin Nina Schondelmaier mich im Spätsommer letzten Jahres fragte, ob ich eventuell Interesse hätte, ihr dort bei einem humanitärem Projekt zu helfen, das ihr Vater organisierte. Ein Waisenhaus mit angeschlossener Schule, von einer deutschen Ärztin gegründet und verwaltet. Die Kinder dort würden wahrscheinlich nicht das komfortabelste Leben führen und für uns Besucher würde es wahrscheinlich auch nicht unbedingt ein Erholungsurlaub werden…
Hm, muss mal drüber nachdenken.
Drei Wochen später dann die Entscheidung: Ich bin dabei. Meine Reise nach Indien hat damals wahnsinnig Spass gemacht, vielleicht kann man das ja wieder ähnlich aufziehen, arbeiten und ein bisschen rumreisen. Ausserdem ist es mal ‘ne Abwechslung, bisschen Abenteuer – gegenüber einem normalen Urlaub, bei dem es in erster Linie um Entspannung und Genuss geht. Also zugesagt und das Thema dann erst mal wieder vergessen.
Im November überfiel es mich dann und mir wurde klar, dass nur noch zwei Monate blieben und ich ja mal mentale und praktische Vorbereitungen starten könnte. Also mal im Internet gesucht: Haiti.
Folgende Infos kamen unter den vorderen Trefferm zu Tage:

  • CIA-World Factbook: Eines der ärmsten und kriminellsten Länder der Welt
  • Auswärtiges Amt: Reisewarnung
  • U.S. Department of State: “The Department of State strongly urges U.S. citizens to consider carefully all travel to Haiti.”
  • Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten: „Von Touristen- und anderen nicht dringenden Reisen nach Haiti wird abgeraten, einschließlich individuelle humanitäre Reisen ohne lokale…“

Hm… So was hatte ich jetzt nicht unbedingt erwartet. Mal Nina anrufen, ob sie sich darüber im klaren ist – nö, ist sie nicht. Aber egal, die Flüge sind gebucht, der Urlaub ist bewilligt, also fliegen wir nach Haiti.

70 Kilo Zahnarztmaterial und ein öliges Sicherheitsproblem mit den Franzosen
Nina und ihr Vater hatten Spenden für unser zahnärztliches Hilfsprojekt organisiert und der Verein „Pwojè Men Kontre“ eine mobile Behandlungseinheit gekauft. Noch ein bisschen Kleinkram hier und da in den Praxen abgestaubt, und schon hatten wir 70 Kilo Material zusammen. Zum Mitnehmen ein bisschen viel, außerdem kann man das eh nicht alles verbrauchen, also kam erst mal die Hälfte davon in den Container, der irgendwann mit dem Schiff zusammen mit Klamotten und sonstigen Spenden auf die Reise nach Haiti geht. Blieben noch dreieinhalb volle Reisekoffer mit Dentalmaterial, darunter „hochgefährliche“ Güter wie Ölspray, um die zahnärztlichen Motoren zu ölen. Vereinsvorstand Fritz Schondelmaier verbrachte wohl insgesamt mehrere Tage mit der Organisation des Transportes dieser Bedrohung der internationalen Flugsicherheit, und ich telefonierte zweimal mit der Zentrale von Air France in Paris, allerdings konnte uns niemand sagen, ob wir dieses Zeug transportieren durften.
Am Vorabend der Abreise hatten wir dann nochmal alle Szenarien durchgespielt, wie wir uns am Flughafen verhalten sollten, falls jemand unseren Koffer kontrolliert und das Spray findet. Am nächsten Morgen ging es dann um 5 Uhr los nach Straßburg, wo wir auf unseren vierten Mitreisenden, den Men-Kontre-Vereinsvorstand Günther Stuffler trafen, ein Architekt aus Karlsruhe, der sich um die Vermessung von Grundstücken des Waisenhauses kümmern wollte.
Die Reisegruppe war damit vollständig und schien sehr angenehm zu sein. Dann also los zum Check-In, und voilà: Im Computer stand, dass wir Gefahrgut transportieren wollten. Also wurden alle sicherheitskompetenten Mitarbeiter des Straßburger Flughafens zusammen gerufen, um das Problem zu erörtern. Ging nicht, die Zentrale in Paris musste entscheiden, die öffnet aber erst um 8 Uhr. Also abwarten und Kaffee trinken. Um 8 Uhr dann die Entscheidung: Non! Der Spray bleibt hier, und die Handstück-Werkzeuge müssen sich mit Nähmaschinenöl begnügen. Tja.
Der Flug erstreckte sich über Paris-Orly und Pointe-à-Pitre auf Guadeloupe nach Port-au-Prince (und von da aus noch weiter nach Miami, weil keine Airline ein Flugzeug über Nacht auf dem Flughafen von Port-au-Prince parkt, wie wir erfahren haben…) und war sehr angenehm (zu essen gab es ein komplettes Menü mit Rotwein, man ist schließlich in Frankreich).

Ein mulmiges Gefühl am Flughafen von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince
In Port-au-Prince (Flughafenkürzel PAP) wurde uns dann allen ein bisschen mulmig, weil wir keine Ahnung hatten, was der haitianische Zoll sich so für uns ausgedacht hatte. Die Reise nach Indien hatte da bei mir noch ihre Spuren hinterlassen. Als wir dann in der nagelneuen Ankunftshalle am Kofferband standen, tippte mir auf einmal ein Einheimischer auf die Schulter und streckte mir ein selbstgemaltes Pappschild hin: „Fritz Günther“. Diese lästigen Taxifahrer und Kofferträger dachte ich, ich kenne keinen Fritz Günther. Als ich gerade dabei war, den Schnorrer wegzuschicken, dämmerte mir, dass vielleicht meine Mitreisenden Fritz und Günther gemeint sein könnten… Wie man sich irren kann. Der Mann war ein Bekannter unseres Waisenhaus-„Managers“.
Wir kamen unbehelligt durch den haitianischen Zoll mit unserem Material. Wir wurden dann im LandCruiser-Geländewagen erst mal für zwei Stunden durch Port-au-Prince chauffiert, um zu unserem Nachtquartier zu kommen. Der Anblick: Verfallene Wellblechhütten, mit Planen von USAid und Oxfam behängt, brennender Müll, massig Leute auf der Straße. Händler, die irgendwelche Armseligkeiten verkaufen, Gestank, Lärm. Uralte Busse und Lkw, in der Regel amerikanische Modelle, beladen bis aufs Dach mit Gütern und Menschen, verstopfen die Straßen, tauchen alles in tiefschwarzen Ruß und preschen mit Dauerhupe (der stärkere hat immer Recht) durch Pfützen und Müllhaufen am Straßenrand. Einen Meter weiter spielen kleine Kinder und Leute versuchen, den „Bürgersteig“ zu benutzen, um nach Hause zu kommen.
Anscheinend das klassische Stadtbild eines Entwicklungslandes. Der Unterschied zu anderen Städten sind die halb eingestürzten Häuser und Gebäude mit Rissen überall. Zwar ist der meiste Schutt vom Erdbeben laut unseren Mitreisenden mittlerweile beseitigt, aber man sieht immer noch die Auswirkungen. Auf Brachflächen, auf denen früher wahrscheinlich große Gebäude standen, findet man jetzt Zeltstädte, die aber mittlerweile drei Jahre alt sind und dementsprechend aussehen. Man möchte nicht wissen, wie es innerhalb eines solchen Zeltghettos aussieht (aber laut Silvio Berlusconi soll man es ja nehmen wie einen Campingurlaub). Es leben immer noch 350 000 Haitianer in solchen Camps. Das Ghetto Cité-Soleil gilt als gefährlichster Ort der Welt. Trotz allem kommen wir unbehelligt in unserem Nachtlager an, einem Haus haitianischer Auswanderer aus Miami, wo wir die Nacht auf Matratzen unter Moskitonetzen verbringen.

Ein Tag Fahrzeit für die 160-Kilometer-Strecke ins Waisenhaus nach Beaumont
Am nächsten Morgen ging‘s dann los Richtung Beaumont, einer Stadt im bergigen Süden der Insel. Für die Strecke von 160 Kilometern wird routinemäßig ein Tag eingeplant, und den brauchten wir auch. Nicht nur, weil wir unterwegs mehrere andere Projekte besichtigten, sondern auch, weil die Nationalstraße mittlerweile zwar großenteils, aber eben noch nicht vollständig ausgebaut ist.
„Nicht vollständig ausgebaut“ heißt: Schotterpiste, vielleicht vier Meter breit, durchs Gebirge führend, auf der einen Seite geht’s steil bergab ins Tal. Die Schlaglöcher vom Regen sind teilweise einen halben Meter tief und überall gucken spitze Steine raus. Das würde in Deutschland nicht mal als Feldweg anerkannt, in Haiti ist es die Nationalstraße von Port-au-Prince nach Jérémie. Zugegebenermaßen ist der größte Teil der Strecke mittlerweile geteert und sieht richtig gut aus (von Kanada bezahlt), aber die 50 Kilometer auf dem Feldweg vermasseln einem die ganze Tour. Der Klassiker: ein buntbemalter Lkw, Baujahr 1967, Ladefläche voll beladen mit Säcken und Kisten und oben drauf noch 20 Personen (in fünf Metern Höhe) kommt entgegen, und jetzt muss einer von beiden ausweichen und so lange rückwärtsfahren, bis die Straße breit genug ist zum Passieren. Kann schon mal passieren, dass dabei einer von der Straße runterfällt, besonders nachts und während der Monsunzeit.
Wir kamen dann in Beaumont an, einer Provinzhauptstadt im Département Grand-Anse. Die üblichen Bretter- und Wellblechhütten, aber drum herum Berge und Urwald, also viel besser als die Hauptstadt. Urwald heisst das, was davon übrig geblieben ist, weil eigentlich alles (!) abgerodet ist. Man sieht so gut wie keine bewaldete Fläche mehr, egal wohin man guckt. Das Problem ist, dass die Haitianer weder Öl, noch Gas noch sonst irgendwas zum Kochen haben, also verfeuern sie ihre Wälder. In der Folge ist alles kahl, weshalb es bei Regen ständig zu Erdrutschen kommt, und danach sind auf den Bergen nur noch nackte Felsen übrig. Da, wo vorher dichter Urwald war. Auf den noch grünen Flächen sieht man immer wieder irgendwo Rauch aufsteigen, weil irgendwer sich ein Stück „Wald“ brandrodet, um darauf wenigstens ein paar Bohnen anbauen zu können für eine Saison. Aber was will man machen, wenn man sonst nichts zu essen hat?

Zur Begrüßung hören wir Jubel und Gesang – als wären wir Popstars
Dann kamen wir im Waisenhaus an, einem Komplex etwas außerhalb von Beaumont. Von außen muss man an einer Blechtür in der Umzäunungsmauer klopfen, dann geht das Spektakel los: Ungefähr 70 schwarze Kinder stehen dichtgedrängt im Hof des Hauses und empfangen uns mit Jubel und Gesang als wären wir Popstars. Jeder bekommt ein Küsschen auf die Wange, haitianische Begrüßung. Dann geht’s zwischen den Gebäuden durch zu unserem Schlafquartier: Ein Doppel- und zwei Einzelzimmer, immerhin. Das Bad ist eine Betonkammer mit zwei Eimern Wasser, die man sich als „Dusche“ überschütten oder als Klospülung benutzen kann. In der Wand der Betonkammer ist an einer Seite ein Loch, wo dann das Abwasser rausfließen soll.
Unser „Bad“ ist übrigens die de-Luxe-Version verglichen mit den Löchern, in denen die Kinder sich waschen müssen (von ihren Latrinen ganz zu schweigen). Apropos Wasser: Ist meistens Mangelware, weil die Leitungen zur Zisterne oft verstopft sind oder von irgendwelchen Leuten angezapft werden. Essen gibt’s mit den Kindern zusammen im Jungs-Trakt, wir sitzen mit den Kleinen am Tisch. Vor und nach jedem Essen wird gebetet, mit einem Lied und einem Gebet. Das Essen ist erstaunlich gut (natürlich für uns ein bisschen modifiziert): Viel Reis, Gemüse, Hähnchen, und Fruchtsäfte. Oft gibt’s aber auch nur ein Brötchen, entweder mit Margarine oder mit frisch gepresster Erdnussbutter. Einfach, aber gut.
Nach einem halben Tag Akklimatisation fangen wir an, unsere „Praxis“ einzurichten: Erst mal stellen wir fest, dass wir keinen Zahnarztstuhl haben. Hugo, der Mann für alles, besorgt einen alten Autositz und schraubt ihn auf normale Stuhlbeine, damit er etwas höher steht. Immerhin kann man die Rückenlehne etwas nach hinten verstellen. Wir bauen unsere mobile Einheit auf dem zentralen überdachten Platz auf, wo normalerweise der Speisesaal für die Mädchen ist sowie tagsüber der Schulunterricht und ansonsten allgemeine Feste etc. stattfinden. Strom gibt es natürlich nicht, aber einen Generator: Der ist ordentlich laut und produziert Dieselqualm en masse den ganzen Tag… Es gibt angenehmere Arbeitsplätze.

Einfachste Zahnbehandlung: Entweder der Zahn bekommt eine Füllung oder er wird gezogen
Aber dann geht’s los: Wir checken die Kinder vom Waisenhaus durch, plus einige Kinder der angeschlossenen Schule, plus Personal, plus manche Dorfbewohner, die von uns Wind bekommen haben. Die Versorgung beschränkt sich wirklich auf das einfachste: Entweder ein Zahn bekommt eine Füllung oder er wird gezogen. Dazwischen gibt’s nichts. Schon frustrierend, bei Teenagern Frontzähne ziehen zu müssen… Die Arbeit ist echt hart: Wegen des provisorischen Stuhls müssen wir die ganze Zeit gebückt stehen, wir können die Stellen mit den kaputten Zähnen deshalb nicht so toll erkennen, die Kinder haben teilweise überhaupt keinen Bock und der Generator nervt. Zusätzlich finden die anderen Kinder, die gerade nicht dran sind, alles aber so interessant, dass sie die ganze Zeit um uns herum stehen oder aber fünf Meter weiter anfangen Trommel zu spielen und zu singen. Das ist eigentlich ganz nett, aber den ganzen Tag kann es echt anstrengend werden.
Wir sehen es irgendwann nur noch als Arbeitseinsatz und nicht mehr als Spaßveranstaltung, und dann muss man halt einfach durch und das Pensum durchziehen, damit wenigstens alle drankommen. Im Endeffekt klappt es ganz gut, wir werden immer effizienter und schaffen es wirklich, fast alles Behandlungsbedürftige zu behandeln, trotz aller widrigen Umstände. Uns fällt auf, dass die Kinder, die im Waisenhaus leben im allgemeinen bessere Zähne haben als die Kinder, die bei ihren Eltern leben: Im Waisenhaus gibt es eine halbwegs gesunde Ernährung mit insgesamt wenig Zucker, anscheinend etwas, das die meisten Eltern in Haiti ihren Kindern nicht bieten können. Zucker ist halt immer noch am billigsten und er macht schnell satt…

Die Schule von Pwojè Men Kontre ist die beste in der ganzen Gegend
Apropos Waisenhaus: Es ist vor elf Jahren von Dr. Anke Brügmann gegründet worden, einer Chirurgin aus Wolfach im Schwarzwald. Betrieben und finanziert wird es vom Verein „Pwojè Men Kontre“ (französisch: „projet des mains rencontrées“, Projekt der sich begegnenden Hände) und das ausschließlich mit Spenden. Das Haus wurde mit wenigen Kindern gegründet, mittlerweile leben dort über 70 Kinder und Jugendliche und es könnte immer grösser werden. Inzwischen gibt es eine Schule im Waisenhaus, in die auch externe Kinder gehen. Die Schule ist qualitativ allen anderen haitianischen Schulen in der Gegend weit überlegen, abzulesen an den staatlichen Abschlussprüfungen. Das Waisenhaus hat eine eigene Landwirtschaft, eine Wäscherei und eine medizinische Grundversorgung. Das Erdbeben im Januar 2010 hat viele Kinder elternlos gemacht, und anschließend kamen noch viele Cholerawaisen dazu. Manche Kinder haben noch Eltern, allerdings sind diese oft nicht in der Lage, ihre Kinder zu ernähren, weshalb sie sie weggeben (in der Regel werden sie als Haussklaven an wohlhabende Familien in den Städten gegeben, dagegen ist das Waisenhaus natürlich ein 6er im Lotto!).
Die Bedingungen im Waisenhaus sind sowieso top: Es gibt drei mal am Tag etwas zu essen, eine absolute Rarität in Haiti. Die Kinder können zur Schule gehen, sie bekommen zusätzlich noch Hausaufgabenbetreuung und sie werden medizinisch versorgt. Es klingt zwar makaber, aber vielen Kindern geht es materiell besser, als wenn sie bei ihren Eltern leben würden.
Die Kinder sind total nett, sie finden es super interessant, dass wir da sind und belagern uns fast die ganze Zeit. Sie wollen mit uns spielen, singen, seilspringen, Fußball spielen oder Fotos mit uns machen. Man kann nicht 20 Meter von A nach B laufen, ohne mindestens drei Kinder als Eskorte um sich herum zu haben. Die Kinder tragen fast ausschließlich gespendete Kleidung aus Deutschland, viele mit deutschen Aufschriften. Sonntags machen sich alle schick oder werden schick gemacht, dann geht’s in die Kirche: Die Messe fängt um 8 Uhr morgens an und dauert drei Stunden. Was bei uns wahrscheinlich niemand aushalten würde ist für sie das Highlight der Woche. Der Glaube ist für viele wahrscheinlich das einzige, das sie über Wasser hält, und die Kirche wahrscheinlich eine der wenigen Institutionen in Haiti, die funktionieren und Autorität haben.

Warum kommt dieses Land nicht auf die Beine?
Wir machen dann zur Ablenkung auch noch zwei Ausflüge: Einmal geht’s ans Meer. Haiti ist ja eine Karibikinsel, und das Klima ist so warm wie man sich das in der Karibik vorstellt: Türkisblaues Wasser, immer warm (wir waren im Winter da), Palmen und „Strände“. Leider gibt es keinen Strand, der als solcher benutzbar wäre. Entweder ist alles zugewachsen oder vermüllt.
Es gibt keinen Tourismus in Haiti (im Gegensatz zur Dominikanischen Republik, die auf der östlichen Hälfte der gleichen Insel gelegen ist), weil es keine Infrastruktur gibt, weil es viel zu gefährlich ist für Touristen und außerdem die oben genannte Umweltzerstörung nicht unbedingt attraktiv ist. Ich frage mich immer noch, wie es sein kann, dass das Land überhaupt nicht auf die Beine kommt!
Nach knapp zwei Wochen nähert sich unser Einsatz dann dem Ende. Wir haben alle eine ordentliche Erkältung durchgemacht, alle mit mehr oder weniger Durchfall zu kämpfen gehabt, und alle Kinder zahntechnisch mehr oder weniger durchsaniert. Zeit für den Abschied: Es gibt noch eine große Abschiedsfeier mit einem Festessen (wirklich ein Schmaus), vielen Danksagungen an uns, vielen Gebeten und Gesang. Günther Stuffler hat gleich noch seinen Geburtstag an dem Abend mitgefeiert (wenigstens ein angemessener Rahmen), dann war der Zauber fast schon vorbei. Wir haben uns morgens von allen Verantwortlichen verabschiedet, leider nicht von den Kindern, weil die alle in der Schule waren.
Dann ging‘s mit Hugo im LandCruiser wieder zurück auf den Weg nach Port-au-Prince. Auf dem Feldweg passierte dann noch ein kleiner Zwischenfall: Vor uns befand sich ein Lkw, beladen (oder überladen) auf die übliche Art und Weise. Von weitem sah man schon einen zweiten Lkw entgegen kommen. Beide warnten sich gegenseitig mit Lichthupe dass der andere Platz machen solle. Doch beide entschieden sich, nicht nachzugeben, weshalb sie sich dann irgendwann Schnauze an Schnauze gegenüber standen. Also ging gar nichts mehr.
Die Besatzungen der beiden Lkw inklusive der jeweiligen Passagiere bekamen sich dann erst mal in die Wolle, und hinter beiden Seiten bildete sich ein langer Stau. Nach einer halben Stunde einigten sie sich dann irgendwie darauf, dass der in unsere Richtung fahrende Lkw 30 Meter zurück fahren sollte, damit der andere vorbei kann. Hätte er direkt an der breiten Stelle angehalten, wäre die Sache in 30 Sekunden über die Bühne gegangen, aber auf Haitis Straßen gilt offenbar immer das Recht des Stärkeren, und beide mussten rausfinden, wer jetzt stärker ist.
Kurz vor der Hauptstadt Port-au-Prince, auf dem geteerten Teil der Nationalstraße, sahen wir dann am Straßenrand einen auf der Seite liegenden Lkw, mit einer aufgebrachten Meute drum herum (genau die Art von Situation, vor der alle Reisenden in Haiti gewarnt werden, man sollte sich unbedingt von solchen Aufläufen fernhalten!). Unser Fahrer Hugo musste dann aber schauen, was passiert war, weil er selber ein Transportunternehmen mit drei Lkw besitzt und Angst hatte, dass es vielleicht einen seiner Lkw erwischt hatte. Hatte es nicht, aber er erzählte uns, dass der Fahrer des Unfall-Lkw eine Mutter mit drei Kindern am Straßenrand überfahren hatte und dann aus seinem Lkw geklettert und geflüchtet war.
Wir kamen jedenfalls sicher in Port-au-Prince an, verbrachten die Nacht vor dem Abflug wieder im selben Haus wie bei der Ankunft und wurden am nächsten Morgen zum Flughafen gebracht. Auch da lief wieder alles reibungslos: Einchecken, Passkontrolle, fertig. Wenn sonst auch wenig funktioniert, der Flughafen läuft mittlerweile wieder. In Straßburg war die Reise dann zu Ende, wir verabschiedeten Günther, er fuhr nach Karlsruhe, wir nach Freiburg bzw. weiter nach Genf. Mit dem üblichen Jetlag ging‘s dann zu Hause weiter im Arbeitstrott…

Auch wenn es wirklich kein Urlaub war – Bis zum nächsten Mal, Haiti!
Insgesamt war es eine positive Sache und es hat Spaß gemacht. Allerdings muss ich auch sagen, dass es wirklich kein Urlaub war. Ich bewundere jetzt die Leute noch mehr, die regelmäßig ehrenamtlich Entwicklungshilfe leisten, so wie Anke zum Beispiel. Man muss wirklich robust gebaut sein und ein dickes Fell haben, um die ganzen widrigen Umstände zu verkraften. Aber ich bin froh, es gemacht zu haben. Falls jemand Lust darauf hat: Jede Hilfe ist willkommen! Bis zum nächsten Mal, Haïti!

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Vorstandsmitglied Ute Arndt bedankte sich in einem Schreiben an die beiden Zahnärzte sowie ihre Vorstandskollegen Fritz Schondelmaier, Günther Stuffler und Vereinsgründerin Anke Brügmann ausdrücklich für ihr besonderes Engagement bei dieser Haiti-Reise:

„Vor diesem Hintergrund möchte ich Euch nochmal ein riesengroßes Danke sagen für Euren Einsatz in Beaumont. Und an Anke ein noch größeres Danke – und Respekt und Hochachtung für ihre Einsatzbereitschaft, ihre Energie und Kraft, mit denen sie jederzeit alle auch unlösbar erscheinenden Probleme in Beaumont bewältigt! Wir hier im gemütlichen Europa haben, so glaube ich, nur sehr vage Vorstellungen von den vielen alltäglichen Schwierigkeiten, denen Anke immer wieder mutig die Stirn bietet.”