Ein Land, das einen staunen lässt: In Haiti spielt sich das Leben an der Strasse ab. Wie im Paradies: Ein Ausflug ans Meer zeigt die Schönheit der Natur in Haiti. Die Anreise nach Beaumont ist schwierig und langwierig. Nach Regenfällen sind die Straßen kaum zu befahren.

Reisebericht von Suso Engelhardt und Stefan Oexle-Ewert

Vom 1. bis 7. Juli 2013 waren der Solar-Ingenieur Stefan Oexle-Ewert und sein Freund Suso Engelhardt in Haiti, um in Beaumont eine Solaranlage zu installieren. Hier ihr Reisebericht über ihre erste Begegnung mit Haiti.

Das große Staunen über die Schönheit und das Leid dieses Landes
Nach der Landung in Port au Prince spielt am Ende der Gangway eine Musikkapelle kreolisch- südamerikanische Weisen. Vielleicht für uns! Etwas aufgeregt suchen wir unser Gepäck. Einen Koffer mit Werkzeug, Schrauben und Elektromaterial. Nach einer gefühlten halben Stunde taucht er auf. Er liegt auf dem Deckel. Stefan versucht ihn aus dem Gepäckband heraus zu heben doch der Zoll war offensichtlich nicht in der Lage, ihn nach der Kontrolle wieder vernünftig zu verschließen und so ergießt sich der Inhalt auf das Gepäckband. Nach 10 Minuten und der dritten Runde haben wir und die Umstehenden das Meiste aus dem Band herausgefischt. Noch im Flughafen der erste Nepp, wir rufen Hugo, unseren ersten Gastgeber und Chauffeur, an und bezahlen 5 US-Dollar für ein Telefonat im Handyladen. Draußen finden wir Hugo, wie vereinbart. Ein ungewollter Helfer hält sich gleich gegen unseren Willen an unseren Koffern fest und will dafür auch noch 20 US-Dollar haben. Stefan gibt ihm 6 US-Dollar.

Beklemmende Fahrt durch Haitis Hauptstadt Port au Prince
Die Fahrt durch Port au Prince ist mehr als beklemmend. Wir fahren auf einer breiten Straße Richtung Süden. Der Dieselruß aus den alten Lastern und die Abgase der kaputten Autos schnüren uns die Kehlen zu. Man hat den Eindruck, die ganze Stadt lebt auf dem Trottoir und daneben. Die Straßenränder sind eine einzige Autowerkstatt. Alle paar hundert Meter stehen defekte Autos und Lastwagen in einem unbeschreiblich schlechten Zustand, die zum Teil auf abenteuerliche Art und Weise repariert werden. Zwischen Müll und Lastwagen-Leichen ist die Hauptstraße gesäumt mit Händlern, die Essen und Gebrauchsgegenstände anbieten.

Allmählich kommen wir in die Ausläufer der Stadt und übernachten in einem Haus, das Bekannten von Hugo gehört, die in Amerika arbeiten. Zwei Jugendliche, die ebenfalls hier übernachten, haben ein Notstromaggregat besorgt und dank Frischgezapftem aus dem Tank vom Geländewagen kommen wir als Zaungäste in den Genuss, das Fußballspiel Brasilien gegen Spanien zu sehen. Dass wir den Kommentarton nicht verstehen, ist nicht so schlimm. Denn das Aggregat ist draußen vor dem offenen Fenster direkt neben dem Fernseher platziert Wir würden sowieso nichts verstehen.

Am nächsten Morgen fahren wir weiter nach Beaumont, mit ein paar Zwischenstopps, um weitere Fahrgäste aufzusammeln. Wir merken: Hier fährt niemand einfach nur so spazieren. In fast allen Fahrzeugen, die wir sehen, drängeln und quetschen sich mehr Fahrgäste zusammen, als Luft zum Atmen bleibt. Auf einem Moped fahren die Haitianer selten allein, oft zu zweit, meistens zu dritt, manchmal zu viert und gelegentlich auch zu fünft. Und das auf Straßen, die streckenweise eher an ein Flussbett erinnern.

Zur Begrüßung ein Schlagzeugständchen und ein geschlachtetes Schwein
Wir fahren die Küste entlang, queren einmal den Süden der Insel, um dann wieder die Küste entlang in den Westen zu fahren und von dort in die Berge, auf abenteuerlichen Straßen und durch verlassene Baustellen nach Beaumont, unserem Ziel. Hier werden wir freudig empfangen und begrüßt. Wir beziehen unser Zimmer im Gästehaus und bekommen gleich noch ein unglaublich lässiges Schlagzeugständchen dargeboten. Gespielt auf einem völlig zerknitterten Aluminiumblech und zwei kaputten Kunststoffkanistern. Nach einer ersten Lagebesprechung erleben wir in der Schule und auf dem Schulhof Schulabschluss und Zeugnisausgabe. Abends wird dann zu Hause ein großes Jubiläum gefeiert: 11 Jahre Waisenhaus. Erst gibt es einen kurzen Gottesdienst mit einer Ansprache von Schulleiter Valere. Dann folgt ein Festessen, für das eigens ein Schwein geschlachtet wurde. Danach gibt es wieder Schlagzeug vom Feinsten sowie Gesänge und Tänze.

Die Nacht ist ruhig, bis auf ein paar Grillen, Frösche, weit entferntes Hundegebell und mein Lieblingsgeräusch der Nacht: Wie Wassertropfen in einer Höhle. Vermutlich Wassertropfenvögel. Morgens um 4 Uhr fahren die ersten Lastwagen am Haus vorbei. Die Luft wird dick wie in einer Lastwagen-Garage in den 60er Jahren. Erstes Geklapper von Blechtüren, Kübeln und das uns schon bald vertraute Fauchen der Kerosinkocher, die sich allmorgendlich anhören wie ein Flugzeugstart aus der Ferne. Das Glöcklein schlägt drei Mal: Es ist 6 Uhr.

Nach dem Frühstück fangen wir an, die Montage der Solaranlage vorzubereiten und sichten das Material. Die Kinder sind begeistert von Akkuschrauber, Lampen und Werkzeug. Das Werkzeug und Material beisammenzuhalten gestaltet sich schwieriger, als einen Sack Flöhe zu hüten. Unsere Sprachkenntnisse in technischem Französisch bzw. Kreolisch sind so erbärmlich, dass es für eine Ausbildung von einem halben Duzend jungen Erwachsenen Heimbewohnern zu Elektrofachkräften in dieser Woche wahrscheinlich nicht mehr ganz reichen wird. Aber wir kommen voran.

Anke Brügmann, die Vereinsvorsitzende, hat noch ein paar Wünsche, die unsere materiellen Möglichkeiten aber übersteigen. Wir finden einen Kompromiss. Hugo besorgt noch Kabel und lässt auf unseren Wunsch hin die Unterkonstruktion des Daches, auf das wir die Module schrauben wollen, noch etwas verstärken. Nach zwei Tagen sind die Module in einem diebstahlsicheren Rahmen auf der Hilfsküche und der Wechselrichter mit Akkumulatoren im Hinterzimmer montiert. Es ist höchste Zeit zum Laden der Akkumulatoren, die schon über ein halbes Jahr unterwegs und gelagert waren.

Wir hatten mit allem gerechnet – aber nicht mit knallharten Betondecken
Wir elektrifizieren derweil die Ambulanz, das Büro und bringen Licht in die Hallen, die Küchen, die „Bäder“, in alle Zimmern und auch in den großen Hof in der Mitte. Die größten Schwierigkeiten bereitet uns der Beton. Wir hatten mit fast allem gerechnet, aber nicht damit, Kabel und Lampen zum Teil auf knallharte Betondecken montieren zu müssen. Hugo besorgt eine Bohrmaschine, leider ohne Steinbohrer und so wird das Aufhängen des Verteilerkastens ein fast nachmittagsfüllendes Programm. Weil Dübeln nicht möglich ist müssen viele Lampen und Verteilungen auf Holzbretter geschraubt werden, die wir zuvor mit 70er Betonnägeln an die Decke nageln. Eine für uns völlig neue Technik. Für einen Nagel braucht man rund eine viertel Stunde. Danach müsste man eigentlich in Kur weil man seine Arme nicht mehr spürt, nichts mehr hört und jede Menge Deckendreck in den Augen hat.

Richa, einer der großen Jungs, hilft uns, aber immer nur für einen Nagel, dann muss er stets noch kurz was erledigen. Unseren Zeitplan fanden wir schon bei der Anreise äußerst ambitioniert, doch hier erscheint er uns nach einer halben Woche kaum haltbar, so dass wir auf den einzigen Ausflug, den wir machen können, schon verzichten wollen. Anke Brügmann besteht jedoch darauf und sie hat Recht. Sie fährt mit uns beiden auf dem Beifahrersitz und einem Auto voller Kinder durch die Berge ans Meer. Nach einer kurzen Unterbrechung durch eine Autopanne

  • Die Panne – oder: „The interruptions are the Journey“
    Auf halber Strecke, noch in den Bergen, hat das Auto plötzlich keinen Antrieb mehr, der Motor dreht hoch wie im Leerlauf. Wir rollen noch ein paar Meter, dann ist Schluss. Die Mutter des Radlagers hat sich gelöst, die Antriebswelle sich mit dem Rad selbständig gemacht, bis die Verzahnung aus der Gelenkwelle war. Außer dem Wagenheber finden wir kein Werkzeug im Auto. Wir bocken den Wagen kurz auf, um die Antriebswelle wieder auf die Verzahnung und auf das Lager zu schieben, damit Anke Brügmann das Auto aus den großen Schlaglöchern und etwas weiter weg von der Hauptfahrspur fahren kann. Die Schlaglöcher sind voll mit Wasser. Sie haben eine Größe und Tiefe wie bei uns ein veritabler Gartenteich. Gelegentlich nehmen sie auch die Größe eines Fischweihers an; je nach Wetterlage. Anke telefoniert mit Hugo, der schickt uns dann einen Mechaniker. Stefan erzählt mir von einem Buch mit dem Titel: „The interruptions are the Journey“. Ungefähr im Sinne von „Der Weg ist das Ziel“. Meines Erachtens entwickelt sich unsere Situation aber eher in Richtung „…weg ist das Ziel“. Wir genießen derweil Landschaft und Natur und studieren den Verkehr. Von Anke bekommen wir einen Crashkurs über Blumenwelt, Pflanzen und Nutztierhaltung in den Bergen. Nach einer halben Stunde kommt der Mechaniker. Mit dem Moped und einem Rucksack. Wir sind beeindruckt: Er hat alles dabei, was er braucht, um die Felge abzuschrauben, die Nabe aufzumachen, ein neues altes Lager einzubauen (das ungefähr so aussieht, als ob es seit einem halben Jahr am Straßenrand gelegen hätte), das Lager wieder zu verschrauben, alles wieder zu montieren und die Bremsleitung, die wahrscheinlich schon länger abgerissen war, zu verschließen. Dazu braucht man in Haiti: Zwei Gabelschlüssel, einen 500-Gramm-Hammer, einen Flachmeißel, eine Zange und eine Dose Lithiumfett. Nur die fehlende Bremsflüssigkeit hatte er nicht dabei, weil er ja nichts von der abgerissenen Bremsleitung wusste. Die vorderen Bremsen gehen ja noch. Wir fahren weiter in die nächste Ortschaft, in der schon jemand mit einer Flasche Bremsflüssigkeit auf uns wartet. Ich lag mit meiner Einschätzung vom Scheitern unserer Unternehmung völlig falsch. Jetzt geht es endlich, nach Einnahme eines köstlichen Kaltgetränkes, Richtung Meer

kommen wir an die Küste. Der Ort, an den uns Anke jetzt führt, kommt unserer Vorstellung vom Paradies ziemlich nahe. Zwischen Felsen eine Bucht mit Booten und Sandstrand. Warmes glasklares Wasser, ein Fischer, der mit einem Einbaum zum Fischen in See sticht. Karibik wie im Bilderbuch. Nach ein paar Stunden Paradies mit Strandwanderung fahren wir zurück nach Beaumont.

Karibik wie im Bilderbuch – so ähnlich muss es im Paradies aussehen
Hier sind alle weiblichen Bewohner mit Frisieren beschäftigt. Die Großen frisieren die Kleinen und sich gegenseitig, die Kleinen machen ihren Puppen die Haare. Eine Puppe, die keine Haare hat, ist keine richtige Puppe. Wenn Arme und Beine fehlen egal, aber ohne Haare ist sie nicht zu gebrauchen. Die Frisuren, die hier gemacht werden, sind so kunst- fantasievoll und filigran, dass einem jede einzelne preiswürdig erscheint. Wir arbeiten weiter, so lange es Tag ist und fangen an, unsere Sachen zusammenzupacken. Am Sonntag erledigen wir noch letzte Anschlüsse und schaffen es auch noch, die Ölpresse für die Landwirtschaft aus ihrem Dornröschenschlaf wachzuküssen.

Das bedeutet: elektrische Inbetriebnahme mit Alfred Barkow, dem Landwirtschaftsexperten, mit dem wir fast eine Woche gewohnt, gegessen, gelitten und gelacht haben. Jeden Abend saßen wir nach Sonnenuntergang gemeinsam auf unserer kleinen Terrasse, um den vergangenen Tag ausklingen zu lassen und den nächsten zu planen. Danke dafür, Alfred, und für alles, was wir sonst noch von dir gelernt und erfahren haben. Um 12 Uhr kommt Valere mit den festlich gekleideten Kindern vom Gottesdienst, den wir leider schwänzen mussten. Gerne hätten wir noch den Strom für den Computer und das Licht im Büro der Schule installiert, aber dafür hatten wir weder Zeit noch Material übrig. Um 14 Uhr verabschieden wir uns für die Abreise nach Port au Prince, zur Übernachtung vor dem Flug am nächsten Tag.

Rückreise in die Hauptstadt Port au Prince – Die Schönheit und das Leid dieses Landes
Ohne Zwischenfälle kommen wir in Port au Prince an. Die Fahrt ist wie ein Ritt durch eine Welt, die uns so unwirklich vorkommt, dass wir keine Sekunde die Anspannung verlieren, die sich aus dem Staunen über die Schönheit und das Leid dieses Landes speist. Wir übernachten im selben Haus wie bei unserer Ankunft.

Das laute Knattern eines gequälten Dieselmotors und seine Rauchentwicklung wecken mich um 3 Uhr morgens. Die Luft ist geschwängert von Dieselruß und Schlagermusik aus einem plärrenden Radio. Der Hof des Nachbarhauses ist hell erleuchtet. Meine beginnende Atemnot legt sich wieder zugunsten von ein- zwei Stunden Schlaf. Am nächsten Tag führt Hugo uns kurz zum Nachbarhaus, als wir ankommen, sind wir baff: Der Dieselmotor steht mitten im(!) Haus, ohne Auspuff.

Ein paar Männer stehen auf dem Hof, umgeben von ein paar Hühnern und Schrott. Es ist eine Bäckerei. Im Gebäude läuft der Dieselmotor wieder an und füllt Haus und Hof mit Rauch. Drinnen steht vor dem Motor im beißenden Rauch ein Mann vor zwei laufenden Walzen aus Stahl und knetet damit Manjokfladen, was sonst wohl eine ziemliche Knochenarbeit ist. Der Motor jedenfalls geht mit jedem größeren Stück Teig in die Knie. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn der Mann an den Walzen, der damit beschäftigt ist mit bloßen Händen Teig zwischen die Walzen zu stopfen, einmal zu weit hineinfasst. Neben dem Mann mit den Walzen steht ein großer Steinofen. Er hat keine Tür, sondern wird mit einem Stapel Ziegeln verschlossen. In der Wand neben dem Motor ist ein kleines Loch, durch das die Abgase raus ins Freie sollen, aber sie tun es natürlich nicht. Wir sind entsetzt!

War was? Im Flugzeug über Haiti kommt uns die vergangene Woche sehr unwirklich vor
Um 10 Uhr fahren wir los Richtung Flughafen. Wieder verspüren wir Beklemmungen bei der Fahrt durch Port au Prince. Wir fühlen uns wie Voyeure, die mitten in einer rostigen Blechlawine durch das Elend der „Straßenbewohner“ treiben. Auf dem Flughafen läuft dann fast alles nach Plan. Das Flugzeug steigt auf, ich schaue zu Stefan rüber, frage ihn: War was? Die vergangene Woche kommt uns ziemlich unwirklich vor.

Schon im Flugzeug erscheint uns die zurückliegende Woche wie eine Ewigkeit und daran hat sich im Dezember 2013, ein halbes Jahr später, nicht viel geändert. Obwohl wir in erster Linie mit Arbeiten beschäftigt waren, haben wir beide das Gefühl, in dieser Woche mehr erlebt zu haben als sonst in einem ganzen Jahr. Was wir jetzt darüber hinaus wissen: Es lässt uns nicht mehr los. Vieles ist traurig und bedrückend in Haiti, aber es ist auch wunderschön.

Wir hatten zu keiner Zeit das Gefühl, durch irgendetwas bedroht zu sein. Dies haben wir sicher Anke und Hugo zu verdanken, durch deren umsichtvolle Begleitung wir zu keiner Zeit einer größeren Gefahr ausgesetzt waren. Wir fühlten uns in ihrer Hand zu jeder Zeit sicher. Sie wissen genau, wo und wann Probleme auftauchen könnten und vermeiden jede Gefährdung.

Wir finden spontan keine kurze Antwort,wenn wir uns vorstellen, zu Hause gefragt zu werden wie es war. Wir hatten selber viel gehört und gelesen und uns doch keine annähernd realistische Vorstellung machen können. Wer sich in Deutschland mit RTL-Problemen herumschlägt oder Irritationen im eher feinstofflichen Bereich hat (wie etwa Erdstrahlen, die einem das Leben schwer machen oder andere Einflussmangelerscheinungen), der könnte zur Desensibilisierung eine Pilgerfahrt nach Haiti machen und eine Haitianerin fragen, die gerade 50 Liter Wasser nach Hause schleppt (verteilt auf Kopf und Arme, mehrere Kilometer eine mörderische Straße entlang), was für ein Wellnesstyp sie ist.