Das Erdbeben

Auch sechs Jahre nach dem verheerenden Erdbeben vom 12. Januar 2010 leiden die Menschen in Haiti weiterhin unter den Folgen.

Sechster Jahrestag des Erdbebens in Haiti

12. Januar 2010, 16.53 Uhr.

Erdbeben der Stärke 7,0.

220 000 Tote.

300 000 Verletzte.

2,3 Millionen Obdachlose.

5,4 Milliarden Euro Schaden.

Am 12. Januar 2010 um 16.53 Uhr Ortszeit erschütterte in Haiti ein Erdbeben der Stärke 7,0 Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. Das schlimmste Beben in der Geschichte des Kontinents. Die Zahl der Opfer liegt vermutlich bei über 200 000 Menschen, sie kann nur geschätzt werden. Rund 300 000 Menschen wurden bei dieser Naturkatastrophe verletzt, etwa 2,3 Millionen Menschen wurden in der Folge obdachlos. Der wirtschaftliche Schaden für das Land beträgt rund 5,4 Milliarden Euro.
Im Oktober 2010 brach im Erdbebengebiet zudem die Cholera aus, die in der Folge tausende von Todesopfern forderte und rund 500 000 Cholera-Erkrankte.
Schon vor dem Erdbeben war Haiti eines der ärmsten Länder der Welt. Weitere Naturkatastrophen wie die Hurrikane Isaac und Sandy, der über 40 Prozent der Getreideernte zerstörte, werfen die Bemühungen des Staates und der Hilfsorganisationen vor Ort immer wieder zurück.
Hier einige Hinweise auf Artikel, die der Frage nachgehen, wie die Situation für die Menschen in Haiti sechs Jahre nach dem Erdbeben ist.

Die Zeit: Haiti erinnert an Opfer von Erdbeben vor sechs Jahren.

TAZ: Entscheidung im Hinterzimmer

Tagesschau: Keine Wahl in Haiti

Bauhaus-Universität Weimar: Bemerkungen zum Erdbeben von Port-au-Prince

 

Auch fünf Jahre nach dem verheerenden Erdbeben vom 12. Januar 2010 leiden die Menschen in Haiti weiterhin unter den Folgen. Wie die Lage heute in Haiti ist, beleuchten einige Zeitungen und TV-Sender anlässlich des Jahrestages der Katastrophe.

Fünfter Jahrestag des Erdbebens vom 12. Januar 2010

12. Januar 2010, 16.53 Uhr.

Erdbeben der Stärke 7,0.

220 000 Tote.

300 000 Verletzte.

2,3 Millionen Obdachlose.

5,4 Milliarden Euro Schaden.

Am 12. Januar 2010 um 16.53 Uhr Ortszeit erschütterte in Haiti ein Erdbeben der Stärke 7,0 Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. Das schlimmste Beben in der Geschichte des Kontinents. Die Zahl der Opfer liegt vermutlich bei über 200 000 Menschen, sie kann nur geschätzt werden. Rund 300 000 Menschen wurden bei dieser Naturkatastrophe verletzt, etwa 2,3 Millionen Menschen wurden in der Folge obdachlos. Der wirtschaftliche Schaden für das Land beträgt rund 5,4 Milliarden Euro.
Im Oktober 2010 brach im Erdbebengebiet zudem die Cholera aus, die in der Folge tausende von Todesopfern forderte und rund 500 000 Cholera-Erkrankte.
Fünf Jahre nach dem Beben leben noch heute tausende Menschen in Zeltlagern im Großraum der Hauptstadt Port-au-Prince.

Schon vor dem Erdbeben war Haiti eines der ärmsten Länder der Welt. Weitere Naturkatastrophen wie die Hurrikane Isaac und Sandy, der über 40 Prozent der Getreideernte zerstörte, werfen die Bemühungen des Staates und der Hilfsorganisationen vor Ort immer wieder zurück.

Hier einige Hinweise auf Presseartikel, die der Frage nachgehen, wie die Situation für die Menschen in Haiti fünf Jahre nach dem Erdbeben ist.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet in dem Artikel „Auf Sand gebaut“, warum Haiti fünf Jahre nach der Erdbebenkatastrophe noch immer gelähmt sei. Hilfsgelder erreichten nur wenige. Vor den Toren der Hauptstadt bauten die Übersehenen eine riesige ungeplante Siedlung. Sie könnte der nächste Slum Haitis werden. Die Stuttgarter Zeitung kommt in dem Bericht „Der Fluch der Karibik“ zu dem Ergebnis, dass Haiti fünf Jahre nach dem verheerenden Erdbeben kaum besser dasteht als zuvor. Das Land bleibe eines der ärmsten der Welt. Die Frankfurter Rundschau beleuchtet in dem kritischen Artikel „Die Katastrophe nach der Katastrophe“ die Verwendung von Spendengeldern, etwa für eine Textilfabrik, die nach dem Erdbeben in einem neu aufgebauten Industriepark im Norden Haitis entstand. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) lässt in einem Interview „Haiti: Fünf Jahre nach dem Beben“ den freien Journalisten und Haiti-Experten Klaus Ehringfeld zu Wort kommen, der sagt, dass Haiti auch fünf Jahre nach dem Erdbeben nur sehr zaghafte Schritte in Richtung Eigenverantwortung schaffe. Das ZDF geht in dem TV-Bericht „Haiti – Hilfe, Hoffnung, Wut. Fünf Jahre nach dem Beben“ der Frage nach, was aus der Hilfe im Gegenwert von 15 Milliarden Dollar geworden ist, die nach dem Erdbeben von einer eigens einberufenen UNO-Geberkonferenz zugesagt worden war.

Bei dem Erdbeben am 12. Januar 2010 kamen über 200 000 Menschen ums Leben.

Das Erdbeben

In den frühen Morgenstunden des 1. Februar 2010 erhielten wir per E-Mail einen ausführlichen Bericht sowie eine große Anzahl Fotos von der Vereinsvorsitzenden Anke Brügmann.

Dieser Bericht ist die unkorrigierte Originalfassung, die sie inmitten der Ereignisse vor Ort und unter Zeitdruck erstellt hat. Wir wollen die von ihr geschilderten Eindrücke unverändert wiedergeben. Anke Brügmann schildert darin die Erlebnisse in der Zeit vom 12. Januar bis 31. Januar 2010.

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Das Erdbeben in Haiti.
Bericht von Dr. Anke Brügmann vom 12.01. bis 31.01.2010, gesendet am 1.2.2010 per E-Mail.

Am Dienstag den 12.01. waren wir im Auto nach Port-au-Prince unterwegs, weil ich unseren behinderten Silvens zum Operieren nach Kuba begleiten wollte. In TiGoave kurz vor dem Morne Tapiola saßen wir fest, da die Straße durch Steinschlag verschüttet wurde. Wir haben die Nacht zu sechst im Auto verbracht, es hat die ganze Nacht immer wieder derart geschüttelt, dass man den Eindruck hatte, das Auto kippe um. Die ganze Bevölkerung verbrachte die Nacht auf der Straße. Am nächsten Morgen waren eingestürzte Häuser zu sehen, Verletzte wurden zu einem Verbandsposten gebracht, aber insgesamt war der Schaden in Ti Goâve begrenzt. Hugos Frau mit dem Baby und eine Verwandte habe ich mit einem Bus gleich wieder Richtung Les Cayes geschickt. Im Laufe des Vormittags wurde die Straße notdürftig geräumt und wir konnten nach Paup weiterfahren: Von Steinen zerschlagene Autos, zerrissene oder aufgeworfene Straßen, zusammengestürzte Häuser. Bei der Einfahrt in Paup begriffen wir erst das ganze Ausmaß. Ein Großteil der Häuser zerstört, teilweise nur noch Trümmerhaufen. Leichen auf der Straße, die Bevölkerung auf Plätzen oder auf dem Mittelstreifen campierend. Wir haben mehrere Stunden gebraucht, um uns in das Viertel von Hugos Bruder durchzukämpfen, weil die Straßen durch Trümmer versperrt waren, und wir immer wieder andere Umwege versuchten. Da das Telefonnetz zusammengebrochen war, konnten wir weder mit Leuten aus PauP noch mit der Aussenwelt Kontakt aufnehmen. Schließlich fanden wir Hugos Bruder Jude vor den Trümmern seiner vollkommen zerstörten Wohnung im 1. Stock. Im Erdgeschoß war ein Baby gestorben, Judes Sohn war leicht verletzt, aber sonst konnte sich die 4-köpfige Familie gerade noch retten. Wir haben dann unser Lager auf dem Marktplatz aufgeschlagen, auf den auch Judes Familie mit vielen anderen Familien gezogen war. Unsere erste Sorge galt Lovelie, die seit einer Woche in einem Port-au-Princer Krankenhaus stationär lag, und von ihrer Oma begleitet wurde. Wir fanden alle Patienten in den Hof evakuiert aber unverletzt. Am Flughafen konnte ich mich kaum durch die Menge von Ausländern schlagen, die auf ihre Evakuierung warteten, alle kommerziellen Flüge waren gestrichen. Wir kämpften uns also wieder bis zu unserem Marktplatz durch. An manchen Stellen ragten leblose Körperteile aus den Trümmern, ich erinnere mich zum Beispiel an die untere Hälfte einer Frau in Krankenschwesternuniform, und unter ihr sahen die Füße eines kleinen Kindes hervor, das sie offensichtlich im Arm hatte und retten wollte. Port-au-Prince ist kaum wiederzuerkennen, manchmal fehlte mir jede Orientierung weil alle großen Gebäude eingestürzt sind, alle Kirchen, Regierungs- und Geschäftsgebäude. Eine Frau wurde in ein Auto getragen, sie schrie immer nur „ich sehe sie nie wieder.“ Als ich auf der Suche nach einer offenen Apotheke durch die Straßen lief, stolperte ich fast über einen Kinderfuß, der einzeln auf der Straße lag, noch in den Söckchen von der Schuluniform. Alle Geschäftigkeit

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war von der Straße verschwunden, die wenigen intakten Läden geschlossen, keine Händler auf der Straße, es gab noch nicht einmal Trinkwasser zu kaufen.Am Abend bin ich in das Krankenhaus Lapaix gegangen. Vor dem Krankenhaus drängen sich die Schwerverletzten. Im Innenhof lag alles durcheinander, Leichen und schreiende, stöhnende Schwerverletzte, die Leute mit abgerissenen oder zermalmten Gliedmassen hielten mich an meinen Kleidern fest, um irgendwie Hilfe zu bekommen, und dabei hatte ich absolut nichts in der Hand. Erst dachte ich, dass mich das Personal wohl hochkant rausschmeißen würde, aber ich bemerkte bald, dass die Situation eine ganz andere war: ein junger unerfahrener Arzt, der auch nur zufällig da war, versuchte ganz alleine, erste Hilfe zu leisten. Viele der offiziellen Ärzte waren wahrscheinlich selbst Opfer. Das Materiallager und die Apotheke waren fast leer, ganz zu schweigen von sterilisierten Instrumenten, und der OP war abgeschlossen.Der Arzt war heilfroh, Hilfe zu haben. Viel konnten wir nicht tun, Notverbände und Infusionen anlegen, Antibiotika und Schmerzmittel spritzen, oft nur von einem Händidisplay beleuchtet. Am Anfang wurden die Toten noch aussortiert zugedeckt und auf dem Parkplatz aufgereiht. Im Laufe der Nacht, wurden sie aus Zeitmangel nur irgendwo abgedeckt, wo sie zufällig gestorben waren. Schließlich war auch das nicht mehr möglich, man ließ sie einfach offen zwischen den Patienten liegen, teilweise nackt, teilweise mehrere übereinander. Auf dem Weg in den Kreißsaal bin ich im halbdunklen Gang ständig über Kinderleichen gestolpert, denn gleichzeitig lief noch eine sehr schwierige Entbindung, die die ganze Nacht dauerte und in Deutschland längst mit Kaiserschnitt geendet hätte. Erst nachts um 4 kam ein großer Bagger und lud alle Leichen auf die Schaufel auf, es müssen alleine bis dahin etwa 50 Menschen in diesem Krankenhaus gestorben sein, aber es kamen in den nächsten Tagen immer wieder weitere Fälle dazu. Die Wunden, die ich auf dem schmutzigen Steinfußboden kniend vernäht habe, waren voller Schuttreste. Obwohl fast jeder Patient offene Trümmerbrüche hatte, hatten wir nur ein paar Pappkartonstreifen zum Schienen. Manchmal gab es wieder kleinere Erdstöße, dann wurden die Patienten von ihren Angehörigen unter lautem Schreien in den Hof gezerrt. Alles fehlte, statt Infusionsnadeln gab es nur noch einfache Spritzennadeln, es war unendlich schmutzig, aber das Personal hat sich viel Mühe gegeben, mir alle Wünsche zu erfüllen. Ich war froh, als am frühen Morgen zwei Ärzte zur Ablösung eintrafen.Wir hatten ja noch keinerlei Überblick über das Ausmaß der Katastrophe, und so bin ich mit unserem Silvens zum Flughafen gefahren, falls unser Flug doch stattfinden sollte: keine Chance. Ich schickte ihn mit einem unserer ersten Transporte nach Hause. Dann lernte ich auch die Leute in unserem Flüchtlingslager besser kennen. Auch hier waren Leute mit schlimmen Wunden und offenen Knochenbrüchen, die im Krankenhaus nicht behandelt werden konnten.Gleich bei der Einfahrt in Port-au-Prince waren uns die Menschenmengen aufgefallen, die versuchten aus PauP rauszukommen. Tag und Nacht befanden sich Familien mit Kindern im Arm und ihren geretteten Habseligkeiten auf dem Weg zu

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den überfüllten Busstationen, von denen keine Transporte mehr abgingen. Dortsaßen Hunderte fest. Port-au-Prince ist durch die Landflucht eine künstliche Stadt,wo sich ein Großteil der Einwohner nicht heimisch fühlt, sondern mehr Bindungen zuden Familien auf dem Lande hat. Wenn wir diesen Leuten heute etwas zu essengeben, sind sie morgen wieder hungrig. Wenn wir sie aber nach Hause zu ihrenFamilien bringen, können sie irgendwie selbst zurechtkommen. Wir haben gleich amersten Tag Hugos Lastwagen nach PauP bestellt und versucht, weitere Busse undLastwagen dazuzumieten. Als das schwierig wurde, habe ich kurzerhand einen Busdazugekauft. Am Donnerstagmorgen gingen unsere ersten Evakuierungstransporteaus PauP ab. Zuerst haben wir die Leute aufgeladen, die an den Busstationenfestsaßen, auch aus Cité soleil gingen Transporte ab. Dann verlegten wir unsereBasis in das Viertel, in dem wir auch übernachteten, wo mehrere große Lageraufgeschlagen wurden. Die Leute haben wie die Löwen um einen Platz in unserenTransporten gekämpft. Hugo und ich mussten viel schreien, schlagen und treten,damit die Massen beim Einsteigen niemanden tottrampelten. Später hatten wir dannmehr System und haben versucht, Passagierlisten aufzurufen. Aber auch das warnicht ganz einfach, manche stiegen unter falschem Namen ein oder brachten vielmehr Leute mit, als sie angegeben hatten. Unsere Transporte gingen in alleRichtungen, Port-de-Paix, Cap-Haitien, Les Cayes, Jérémie und mehrere kleinereOrte. Die Leute, die einen Platz erobert hatten sangen und jubelten. In einigenTransporten haben wir Verletzte und behinderte Kinder aus einer befreundetenEinrichtung mitgenommen. Oft waren Neugeborene oder Schwangere dabei. Wirsind systematisch die großen Lager angefahren und haben Leute eingeladen.Gegenüber unseres Marktplatzes, auf einem streng bewachten Gelände, begannen Belgier und Canadier ein Notkrankenhaus aufzubauen. Das sah zunächst sehrvielversprechend aus. Für mich war das eine Hoffnung für die vielen Patienten, dienoch unbehandelt in den Flüchtlingslagern lagen oder die im Krankenhaus nur einenNotverband bekommen hatten. Ich hatte mich beim Leiter vorgestellt und meine Hilfeangeboten. Er versprach mir auch, daß alle meine Patienten ab dem folgendenMorgen behandelt werden würden. Am nächsten Morgen sah es dann doch anders aus. Etwa 50-60 Schwerverletzte lagen auf der Straße vor dem Eingang, meistoffene und bereits faulende Knochenbrüche, aber auch große Fleischwunden,Lungenverletzungen, Kopfverletzungen, viele Kinder. Die meisten davon hatte ich dorthin bringen lassen. Sie wurden einer nach dem anderen hereingelassen, aber nach den ersten 20 Patienten waren alle Tragen belegt. Man hatte sich aufambulante Verbände und Wundversorgungen eingestellt. Für größere Operationenoder auch nur Röntgen war man nicht ausgerüstet. Ich habe einen halben Tag dortmitgeholfen, aber es war für alle Helfer unbefriedigend. Da war z.B. eine schwangerePatientin mit einem offenen, vereiterten Trümmerbruch am Unterschenkel, jede Bewegung war extrem schmerzhaft, sie konnte nur auf einem Brett liegend getragenwerden. All ihre Habe und ihre Bleibe hatte sie verloren, die Familie schlief auf derStraße. Sie bekam ein Antibiotikum, eine Wundreinigung und einen provisorischenVerband. Dann wurde ihr gesagt sie solle NACH HAUSE GEHEN und in zwei Tagen wiederkommen, wenn man vielleicht für Amputationen eingerichtet sei. Das ist keine Kritik an den Belgiern, man war davon ausgegangen, dass Schwerverletzte vom

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Krankenhaus aufgefangen würden, dessen Kapazität um ein vielfaches überschrittenwar. In anderen Fällen musste ich erst die Würmer aus den Wunden sammeln, bevorein Verband angelegt werden konnte. Bis zur zweiten Tageshälfte waren mehr Helferals Behandlungsplätze da, deshalb beschloss ich, mich draußen um die Leute zukümmern, die nicht hereingelassen werden konnten. Immerhin kannte ich inzwischendie Leute im alten Krankenhaus und im Notbehandlungslager und bekam allesMaterial, was ich brauchte kostenlos. Mit meiner Kiste zog ich über dasFlüchtlingslager, verteilte Medikamente und wechselte die Verbände. Es warenunmögliche Bedingungen, teilweise konnten die auf dem Boden liegenden Patientennoch nicht einmal gedreht werden, es gab keine saubere Wäsche, aus denVerbänden tropfte der Eiter und die Angehörigen mussten irgendwie mit Urin undStuhlgang zurechtkommen.Das Krankenhaus war immer noch eine Katastrophe. Teams aus Spanien, Cuba undColumbien waren angekündigt, aber bisher waren die meisten Patienten gerade maleben mit einem Verband versorgt. Das durch die Katastrophe dezimierte Personalwar hoffnungslos überlastet, viele Patienten hatten aus der Apotheke Infusionen,Schmerzmittel, Antibiotika und Verbandmaterial bekommen, fanden aber keinen Arzt,der Infusionsnadeln legen und Medikamente spritzen konnte. Alle Angehörigenversuchten gleichzeitig, mich an das Lager ihres Patienten zu ziehen, ich tat was ichkonnte, aber es war viel zu wenig. Ein junger Mann flehte mich verzweifelt an, seinenBruder zu operieren, und dabei hätte ich noch nicht einmal ein Taschenmesser,geschweige denn eine Anästhesie gehabt. Sein Bruder hatte wegen seinesfaulenden Armes hohes Fieber und war schon halb bewusstlos. Der junge Mannsagte: Von allen meinen Verwandten konnte ich nur diesen einen unter denTrümmern herausziehen, und jetzt stirbt er mir auch noch. Einige Patienten warenohne Angehörige da und somit praktisch nicht versorgt. Es gab weder Wasser nochNahrungsmittel.In den ersten Tagen hatten die Notkrankenhäuser keine ausreichende Kapazität. AmAbend brachten aufgeregte Leute ein 20-jähriges Mädchen, das noch nach 3 Tagen aus den Trümmern einer Kirche gezogen worden war. Im Notkrankenhaus war keinPlatz mehr, sie solle morgen wiederkommen. Dabei hatte sie keine Bleibe, war schonin 2 Krankenhäusern abgelehnt worden, war durch ihre Verletzungenquerschnittsgelähmt, hatte seit 3 Tagen nichts gegessen und getrunken, war bis aufdie Haut durchnässt und unterkühlt. Ich habe sie mit zu uns auf den Marktplatzgenommen und erst einmal eine Infusion angelegt. Die Untersuchung ergab, dassdie Blase bis zum Nabel stand, weil das Mädchen wegen der Lähmung kein Wasserlassen konnte. Glücklicherweise hatte ich inzwischen im KrankenhausSelbstbedienungsrecht und konnte sie hinter zwei vorgehaltenen Betttüchernkatheterisieren. Die Wunden auf meinem Verbandsrundgang wurden immerschmutziger. Überall waren eitrige Verbände zu wechseln. Inzwischen hatten wir uns überlegt, wie wir Nahrung und Wasser beschaffen können.Unten in der Stadt gab es inzwischen wieder Trinkwasser in kleinen Plastiktütchen zukaufen. Hugo mobilisierte eine seiner Tanten, eine Krankenschwester, die bereit war,

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für uns Essen zu kochen. Gegen Geld waren wieder Zutaten zu haben. Seitherhaben wir auf drei kleinen Holzkohlefeuern täglich 60-80, zuletzt 100 Mahlzeitengekocht. Die ersten zwei Tage haben wir diese bevorzugt an Kinder imFlüchtlingslager verteilt, dann merkten wir, dass viele Leute dort sich irgendwiearrangiert hatten und selber Essen kochten, während die Patienten im Krankenhauswirklich hungerten. Die Angehörigen waren oft in großer Eile und Angst mit ihrengeretteten Schwerverletzten ins Krankenhaus gekommen, ohne sich auf mehrereWochen Krankenhaus einzustellen. Manche lagen praktisch nackt im Krankenhaus.Wir haben einen Teil unserer Kleider verschenkt. Jeden Tag haben sich diePatienten um das sehr bescheidene Essen und um das Trinkwasser gerissen. JedenTag versuchte ich, in einer anderen Ecke anzufangen, weil immer viele leerausgingen. Insbesondere haben wir einige Patienten betreut, die keine Angehörigenhatten. Auch im Hof vor dem Krankenhaus hatte sich ein richtiges Camp vonPatienten mit ihren Angehörigen gebildet. Am dritten Tag war das Krankenhaus von Spaniern, Columbianern und Cubanernübernommen worden, soweit ich das richtig identifiziert habe. Einige spanischeNonnen haben mich immer wieder auf besonders Bedürftige aufmerksam gemacht.Ich war glücklich, als die internationale Hilfe eintraf, ich hoffte, dass nun endlichrichtige Operationen durchgeführt werden könnten. Tatsächlich wurden vieleVerletzte mit Bussen in auswärtige Krankenhäuser oder in die Dominikanische Republik gebracht. Für die meisten kam aber die Hilfe zu spät, es konnte nur nochamputiert werden. Alle Patienten für die ich eigentlich auf eine Knochenoperationgehofft hatte, hatten nun einen sauber verbundenen Stumpf; auch viele Babys undKleinkinder waren darunter. Die zur Operation vorgesehenen Patienten lagen ineinem langen Gang in einer Reihe, die täglich kürzer wurde.Eine der Nonnen zeigte mir ein knapp 11-jähriges Mädchen, das seit 3 Tagen alleine nackt auf einem Brett gelegen hatte. Sie hatte bei ihrer Tante gewohnt und als einzige aus diesem Haushalt überlebt. Fremde hatten sie aus einem Loch gezogen,in das sie sich im Moment des Einsturzes gerettet hatte, und im Krankenhausabgeladen. Ich fand sie mit einem Gips am Fuß aus dem der Eiter triefte. Wir fanden einen verantwortlichen Arzt, der bereit war, sie mit dem Verbandswechsel vorzuziehen, und dabei entstand der Film, der wohl im BBC zu sehen war. Das Ergebnis war, dass soviel Gewebe am Fuß abgestorben war, das ein Ausschneidenin Narkose notwendig wurde. Nach der Operation konnte ich sie gleich mitnehmen.Nach einigen sehr kurzen und beengten Nächten im Auto auf unserem Marktplatz,haben wir die verlassene Wohnung eines anderen Bruders von Hugo übernommen,wenn sich auch außer mir niemand traute, im Haus zu schlafen. Obwohl dort weder Wasser noch Licht war, empfand ich es als richtigen Luxus. Draußen war einderartiger Lärm, dass an Schlafen nicht zu denken war. Außerdem hatte ich ja nunein schwerverletztes Kind bei mir, das im Straßenstaub schwer zu betreuen war. AmAnfang waren die Verbandswechsel sehr schmerzhaft, aber mittlerweile ist dieWunde ganz sauber und wird täglich kleiner. Mit Zukunftsplänen gelang es immer

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wieder, das Kind zu trösten. Vanessa ist noch nie zur Schule gegangen und freutsich auf ihre Einschulung und die anderen Kinder im Waisenhaus.Wir konnten uns keinesfalls nur auf die Betreuung der Obdachlosen und Verletztenkonzentrieren. Einen Großteil des Tages verbrachten wir im Auto im Stau, denn esgab in den ersten Tagen weder Telefon noch Internet. Alles musste persönlicherledigt werden. Erst nach 3 Tagen war es uns gelungen, mit unseren Leuten inBeaumont zu reden. Wir waren erleichtert, dass dort nichts passiert war.Um von Straßenhändlern ein paar Gallonen Diesel zu kaufen, mussten wir weitfahren, alle Tankstellen waren geschlossen. Wir versuchten, uns so oft wie möglichzu trennen, damit wir mehr erledigen konnten. Hugo fuhr zum Busbahnhof, umLastwagen und Busse zu organisieren, ich fuhr unsere Lovelie im Krankenhausbesuchen und holte das Essen für unsere Patienten ab. Es war außerdem schwierig Bargeld zu organisieren, denn es nahmen nicht alle Schecks von uns an, und dieBanken waren geschlossen. Ständig war irgendetwas zu organisieren. Aus demKrankenhaus brachten wir schwer zu transportierende Patienten mit dicken Gipsenzurück in ihre Lager, in anderen Fällen haben wir Benzin zur Verfügung gestellt,damit Patienten ins Krankenhaus gebracht werden konnten. Zwischendurchversuchte ich, Bekannte in PauP zu finden, nicht alle haben überlebt. Immerhin sindalle 3 Familien, die ich im Slum Cité soleil betreue, mit einem beschädigten Hausdavon gekommen. Inzwischen dehnten sich unsere Kontakte auf immer mehr Lager aus, wo dieMenschen vor allem vergeblich auf Lebensmittel warteten. Manchmal wurde eine Artvon Keksen verteilt. Während es in den ersten Tagen mehr um die Verletzungenging, klagten die Leute jetzt immer mehr über Erbrechen und Durchfall. Auf unseremMarktplatz waren die Leute mittlerweile fast böse auf uns, weil sie meinten, durch unsere Anwesenheit würden sich die großen Organisationen mit ihrenLebensmittelverteilungen nicht mehr um sie kümmern, was nicht stimmte, denn dieanderen Lager hatten auch noch nichts bekommen. Wir planen zwar auchNahrungsmittelverteilungen in einem der großen Flüchtlingslager, aber unserVertrauensmann, der versprochen hatte, die Bedürftigen zu ermitteln, hat noch keineErgebnisse geliefert. Wir hoffen immer noch, daß die großen Organisationen baldflächendeckend für Nahrungsmittel sorgen.In der ganzen Stadt gingen die Rettungsaktionen weiter, auch noch nach einerWoche wurden Lebende aus den Trümmern geborgen, darunter auch viele Kinder.Aber die Aufräumarbeiten förderten auch immer wieder verstümmelte und halbverweste Leichen zu Tage. Den Leichengeruch über der ganzen Stadt werden wohlviele nicht vergessen. Alle liefen mit Mundschutz durch die Straßen, denn der feineZementstaub setzt sich auf die Schleimhäute. Hugos Brüder waren z.T. nach PauP zurückgekehrt, nachdem sie ihre Familien inSicherheit gebracht hatten. Dadurch kam eine wertvolle Hilfe bei der Organisationder Flüchtlingstransporte. Ein 13-jähriges Mädchen habe ich noch aufgelesen, das

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von der Tante aus einer Misshandlungssituation weggelaufen war. Sie hatte micherst belogen und sich als Erdbebenopfer ausgegeben, ich habe das aber schnellaufgedeckt. Schließlich haben wir es doch nicht fertig gebracht, sie bei Prügel,Kinderarbeit und ohne Schulbesuch zurückzulassen, als sie uns anflehte, sie dochmitzunehmen. Wenigstens konnten wir das offiziell mit ihrer Tante abklären. Loveliewar inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen worden, ohne daß man ihr richtighelfen konnte. Wir fanden sie und ihre Oma vor der Tür wieder. Nachdem derFlughafen weiterhin geschlossen blieb und eine Ausreise nach Kuba vorerst nichtmöglich war, beschlossen wir, unsere Aktionen in den Händen von Hugos Brüdernzu lassen, und unsere 3 Kinder erst einmal in Beaumont in Sicherheit zu bringen undunserem Direktor Valleur bei den Zwischenprüfungen in unserer Schule zu helfen.Zudem hatte sich schon lange ein Teil unserer Aktionen in die Provinz verlagert.Überall saßen Flüchtlinge fest. Zum Teil hatten sie sich mit Kleinbussen von einerStadt in die nächste durchgeschlagen, bis sie irgendwo erschöpft und mittellosfesthingen. Hunderte waren mit dem Boot auf dem Quai in Jeremie ausgeladenworden, und außerdem hatte auch der Staat nach einigen Tagen große Busseangeheuert, die aber nur soweit kamen, wie die Straßen gut befahrbar sind. UnsereFreunde in Beaumont, Pestel, Les Cayes und Jérémie helfen, diese Leute zuverpflegen und dann mit gemieteten Fahrzeugen weiterzutransportieren. DieReisenden machten ein Riesenfest um ein paar Spaghetti. Insgesamt haben wir bisheute aus Paup und verschiedenen Zwischenstationen 10 696 Menschen nachHause gebracht. Unsere Schule scheint die einzige in unserem Departement zu sein, die ihre Arbeitnicht eingestellt hat, vom Erziehungsministerium nur mit Mühe geduldet. UnsereGebäude sind von den Behörden eingehend auf Erdbebenschäden untersuchtworden, aber man konnte nichts finden, von unserem Stempel bis zu unseren Tafelnwaren die Inspektoren mal wieder restlos begeistert. Dann wurden wir vomErziehungsministerium gefragt, ob wir nicht die Flüchtlingskinder in unsere Schulemit aufnehmen können. Das geht nun nicht, wir sind bis zum Rand voll. Valleur undich haben in einer halbstündigen Krisensitzung ein Alternativprojekt entworfen: EineNotschule für Flüchtlingskinder, begrenzt bis zum Schuljahresende. EinGemeinschaftsprojekt des Erziehungsministeriums, der katholischen Kirche undunserem Verein. Die Kirche stellt uns ein leerstehendes, etwas reparaturbedürftigesSchulgebäude am Ortsrand zur Verfügung, das vor ca. 1 Jahr aufgegeben wurde.Der Staat hat uns versprochen, uns mit Büchern auszuhelfen, und wir machen denRest. Wir rekrutieren Lehrer unter den Flüchtlingen, und stellen 5 Klassenzusammen, das gesamte System, von den Stundenplänen bis zum Pausenvesperkann aus unserer eigenen Schule übernommen werden. Natürlich kostet das auchviel Geld, insbesondere, wenn wir es schaffen, eine warme Mahlezeit anzubieten.Wir sind im Moment dabei, die Notschule mit Möbeln einzurichten.Die Situation in den Provinzorten wird nun richtig kritisch, obwohl es im Vergleich zuPaup immer noch ein Paradies ist. Manche Familien haben bis zu 20 Verwandte ausPaup aufgenommen, fast in jeder Familie gibt es Todesfälle. Jeder kleine baufällige8/8Unterstand wird bewohnt. Die Nahrungsmittelvorräte aus der eigenen Landwirtschaftsind aufgebraucht und auf dem Markt gibt es immer weniger zu kaufen. Alle dieseLeute haben keine Arbeit und keine Einkommensquelle und sind ganz auf dieMitversorgung durch ihre Angehörigen angewiesen, die selbst oft arme Leute sind. Inzwischen besuche ich viele Familien, auch in den Dörfern. Von überall hererreichen uns Hilferufe, denn Pwojè men kontre war schon immer eine Art Sozialamtin Beaumont. Teilweise haben die Leute erschütternde Geschichten zu erzählen, z.B.von Kindern, die an ihrer Seite in den Trümmern gestorben sind. Viele stehen nochunter dem Schock und haben allen Tatendrang verloren. Es wird mir auch ständigberichtet, daß viele der Angehörigen noch in PauP festsitzen. Die Stadt ist zur Fallegeworden. Alle Reserven sind aufgebraucht, die Leute können den Bus nicht mehrbezahlen, der sie aus der Stadt bringen könnte. In PauP ist es kaum mehrauszuhalten, Hunger, Durst, Krankheiten, kein Dach über dem Kopf und viel Dreck.Es ist langfristig nicht zu erwarten, daß man irgendwie Geld verdienen kann. Da seheich erst, wie sehr wir mit unserer Aktion richtig lagen. In den Gemeinden unsererUmgebung planen wir eine wöchentliche Lebensmittelverteilung mit Hilfe einer ArtLebensmittelkarte, die ich anhand meiner Notizen ausgebe. In anderen Orten wiez.B. Pestel übernehmen gute Freunde die Ermittlung der besonders Bedürftigen.Heute Nachmittag ist Hugo nach Les Cayes gefahren. Er will versuchen, 500 SackReis en gros zu kaufen, dazu Bohnen und andere Grundnahrungsmittel. Paralleldazu werde ich mich erkundigen, ob wir Lebensmittel aus der internationalen Hilfeder großen Organisationen bekommen können, habe aber hier wenig Hoffnung. Vonder belgischen Hilfsorganisation aus PauP habe ich einige Decken bekommen, denndie Januarnächte bei uns in den Bergen sind ziemlich kalt. Ich erwarte auch aus denbelgischen Beständen ein Paket Basismedikamente, da waren die bisher sehrgroßzügig. Falls es unser Budget erlaubt, planen wir langfristig, Familien bei der Reintegration inder Provinz zu helfen. Schon in PauP bin ich ständig gebeten worden, denWiederaufbau von Häusern zu finanzieren, aber das überfordert uns. PauP ist nichtunser Gebiet, da kennen wir uns nicht so gut aus. Es wird auch sehr lange dauern,bis dort ein normales Leben mit Schulen und Arbeit möglich ist. Aber hier inBeaumont kann ich mir durchaus vorstellen, auch Wohnraum für Leute zu schaffen,die nun endgültig hierbleiben wollen. Die Angst vor PauP wird den Flüchtlingen nochlange bleiben.