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Politische Situation auf Haiti und Berichte – Dezember 2019

Politische Situation auf Haiti – Dezember 2019

Auf Haiti erschweren die politischen Unruhen das tägliche Leben. Es gibt Demonstrationen, Straßenbarrikaden, Überfälle, geschlossene Geschäfte, Plünderungen, Knappheit von Benzin und bestimmten Lebensmitteln, entsprechend hohe Preise. Die Großimporteure halten gezielt Ware wie z.B. Mehl zurück, um die Preise hochzutreiben. Der Verkehr zwischen den Städten ist immer wieder ganz eingestellt. Entführungen haben in PauP (Port au Prince) wieder zugenommen. Bis Ende November wurden während eines Monats offiziell 49 Todesopfer der Unruhen gezählt, meist sind es Aktivisten. Nur einmal flog eine Handgranate auf einen vollbesetzten Bus, der komplett ausbrannte. Mehrere wichtige Krankenhäuser sind geschlossen, was Verlegungen unmöglich macht. So z.B. das große staatliche Krankenhaus in Les Cayes, das Krankenhaus La Paix in PauP, und das Bonne Fin in Cavaillon, das die wichtigste unfallchirurgische Anlaufstelle war. Ein Beispiel beschreibt Frau Brügmann: „Bei einem Neugeborenen, Sohn eines unserer Lehrer, bei mir entbunden, hatte ich den Verdacht auf eine schwere angeborene Fehlbildung, an der auch in Europa Kinder sterben, nämlich eine Ösophagusatresie, bei der ein Teil der Speiseröhre nur als Bindegewebsstrang angelegt und nicht durchgängig ist. Mit meinen einfachen Mitteln konnte ich natürlich nicht sicher sein. Der Weg nach Les Cayes war wegen der Unruhen nicht befahrbar, und das wichtigste Krankenhaus sowieso zu. Daher hatte ich Hugo gebeten, das Baby auf seiner Wochenendfahrt mit dem Auto seiner Familie mit nach Jeremie mitzunehmen, um erst einmal eine Diagnose zu stellen. Bei der Einfahrt in Jeremie flogen dann Steine auf das Auto, die Insassen haben es am Straßenrand stehen lassen und sind in ein fremdes Haus geflohen. Erst viel später konnten sie ohne Auto zum Krankenhaus durchkommen. Dort haben sie erst einmal mehrere Tage keinen Arzt gesehen, und als dann einer zur Verfügung war, wurde meine Diagnose leider bestätigt. Eine letzte Hoffnung war die Verlegung in ein Kinderkrankenhaus in Tabarre bei PauP, wo Amerikaner arbeiten, die schwierige Fälle auch mal in die USA mitnehmen. Die Inlandflüge waren aber über Wochen ausgebucht und bis wir eine Ambulanz bekommen konnten, war der Kleine tot.“

„Was wir besonders zu spüren bekommen ist, dass alle Ausbildungsstätten in den größeren Städten geschlossen blieben, Schulen, Berufsschulen und Universitäten. Einige Institutionen haben jetzt Ende November angefangen, andere sind weiterhin zu. Auch unsere eigenen Jugendlichen hingen dadurch in der Luft. Sie haben mindestens drei Monate verloren. Andere werden wohl ein Jahr verlieren. In PauP ist es noch schlimmer. Einige wenige Schulen machen dort jetzt auf, aber die Kinder und Studenten müssen unterwegs an Schießereien vorbei,“ berichtet Frau Brügmann.

Die Ingenieure der EWB Karlsruhe konnten nicht nach Haiti kommen. Es wäre sehr schwierig und gefährlich gewesen, eine Gruppe vom Flughafen die 150 km nach Beuamont durch die Barrikaden zu schleusen. Abgesehen davon gab es auch kein Baumaterial zu kaufen.  

Es gab internationale Verhandlungen, Haiti unter ein internationales Protektorat zu stellen. Da aber dabei der jetzige Präsident nominell an der Macht geblieben wäre, hat die Opposition diese Lösung abgelehnt und angekündigt, die Unruhen trotzdem fortzusetzen.  

Ein eindrucksvolles Bild kann man sich machen, wenn man die Reisebeschreibung von Frau Dr. Brügmann liest. Sie berichtet was sie von Beaumont bis zum Flughafen erlebt hat: „An den Tagen vor der Abreise hieß es, im Viertel Martissant werde wieder vermehrt geschossen, ich könne evtuell nicht durchkommen. Schließlich hieß es am Tag davor, es sei wieder ruhiger. Hugo [ein Vorstandsmitglied in Haiti – Anm. der Verf.], brachte mich früh morgens nach Les Cayes, dort war aber kein Bus zu bekommen, auch nicht einer der Kleinbusse, die sonst immer verkehren. Die Erkundigungen  ergaben, dass die Strecke vor Miragoane blockiert sei. Um weiter zu kommen mussten wir auf dem Schwarzmarkt Diesel für den doppelten Preis kaufen, denn alle Tankstellen waren geschlossen. Wir fuhren dann also mit dem eigenen Auto, bis wir bei Fond des Nègres auf die Schlangen von festsitzenden Lastern und Bussen stießen. Dort bin ich dann auf ein Motorradtaxi umgestiegen. Ich habe etwa 20 Barrikaden gezählt. Meist hatten sie einen Laster auf der Straße quergestellt und rechts und links mit Felsbrocken und Baumstämmen ergänzt. Wenn sich hier ein Auto durchzwängt, ist es zwischen den Barrikaden gefangen und man kann es bequem ausnehmen. Manchmal konnte sich das Motorrad vorbeizwängen, manchmal gab es Umwege auf schmalen Pfaden. Während der ganzen Fahrt betonte der Fahrer, dass das ja jetzt viel schwieriger als geplant sei und dass ich noch was auf den gezahlten Preis drauflegen müsse. Weit und breit kein Polizist. In Miragoane habe ich dann einen Kleinbus bekommen, der ziemlich kriminell nach PauP raste, nur noch einmal durch eine Unfallstelle aufgehalten, und Martissant war absolut friedlich. Als mein bestellter Helfer in PauP am Morgen des Abfluges nicht pünktlich kam, wollte ich schon mal loslaufen. Da gab es bei meinen Gastgebern einen Aufschrei, weil gerade an diesem Morgen wieder viele Passanten in diesem Viertel mit Waffen bedroht und ausgeraubt wurden. Als der Helfer dann doch kam, habe ich ihn mit dem Koffer vorauslaufen lassen, so dass nicht zu sehen war, dass wir zusammengehören. Ein Bandit hätte sich dann eher den weißen Passanten ausgesucht und nichts bei mir gefunden.

Aber wir hatten Glück. In der Wartehalle am Flughafen habe ich dann das Gespräch von anderen Reisenden mitbekommen, die sich gegenseitig erzählten, dass sie regelmäßig auf dem Arbeitsweg von bewaffneten Dieben abgefangen werden, und es satt haben, jedes Mal für den Nachhauseweg zu bezahlen. Wer es sich leisten kann, setzt sich ins Ausland ab.    

Neues von der Arbeit vor Ort:  

Landwirtschaft:

Bei der Wiederaufforstung sind Erfolge zu verzeichnen. Letztes Jahr wurden 2000 Setzlinge gepflanzt: Fruchtbäume: Papayas, Stachelannone. Diese Bäume sind sehr wichtig als Erosionsschutz, Feuchtigkeitsspeicher und Umwandler von Kohlenstoffdioxid in Sauerstoff. Außerdem sind ihre Früchte wichtige Nahrungs- und Vitaminquellen.

Das Schwein Flavi wurde im November unruhig und kam auf Frau Brügmann zu. Sie wollte signalisieren, dass sie empfangsbereit sei. Schnell wurde ein Eber geholt und Flavi wurde gedeckt.

Auch bei den Hunden gibt es erfreulichen Zuwachs: zwei Welpen wurden zwischen den Felsen geboren, werden gut versorgt und sind wohlauf. Das Mädchen heißt Mila, der Junge Buki. Buki ist eine Figur aus einem Haitianischen Märchen. Die Hunde sind wichtig als Spielkameraden, aber auch als Wachhunde gegen Einbrecher.

Zwei Katzen wurden gestohlen. Katzen werden gebraucht, weil sie die Ratten bekämpfen. Es sind schon wieder zwei neue Katzen da. Sie heißen Tim und Cinderella. Tim ist nach einer Haitianischen Redensart genannt und Cinderella hat ihren Namen bekommen, weil sie so gerne in der warmen Asche liegt.

Medizin:

Nach wie vor kommen viele, viele Frauen, um zu entbinden oder zur Kontrolle bei Schwangerschaften. Ansonsten kommen vor allem Unfallverletzte und Kranke, die an Infektionskrankheiten leiden.

Es stehen täglich große Menschentrauben vor dem Tor. Bald ist Bürgermeisterwahl. Ein Kandidat meinte: der beste Platz für eine Wahlkampfveranstaltung sei das Tor von menkontre. Da würde man am meisten Menschen erreichen, weil hier immer Trauben von Menschen sich versammeln, die medizinische Hilfe benötigen.  

Schule:

Die Schule ist geöffnet. Wegen der Unruhen können einige Schulen nicht besucht werden.

Kinder und Jugendliche in Schule und Waisenhaus:

Viele Schüler*innen helfen mit: Ein Schüler, der vor dem Abitur steht, hilft z.B. mit Noten bei den Examen in Excel einzugeben. Die Schüler*innen helfen auch viel mit, Dinge zwischen den beiden Standorten hin- und herzutransportieren. Essen wird an einem Standort gekocht und muss auch zum anderen Standort gebracht werden. Samstags sind die Schüler*innen in der Landwirtschaft tätig. Natürlich waschen sie auch ihre Wäsche selbst. Auch die Betreuung von jüngeren Kindern wird oft von älteren mitübernommen. In der Baumschule sind Schüler*innen ebenfalls eingebunden. Manche sammeln auch die Kerne der Tomaten, trocknen sie und geben sie ab, damit man Tomatensetzlinge ziehen kann.  

Bauen:

Sozialwohnungen in der Stadt sind teilrenoviert. Dort leben ehemalige Schüler*innen, um eine Ausbildung zu machen. Kantine: Der Speisesaal ist fast fertig. Es gibt zwar noch keine Möbel, aber Platz! Der Platz bedeutet, eine große Entlastung. Auch die Regale sind in der Kantine eingebaut. Jetzt können Lebensmittel in größeren eingekauft werden, wenn es welche gibt. Es gibt nun genug Lagerkapazität. Momentan wäre es für die Ingenieure aus Karlsruhe aufgrund der Unruhen viel zu gefährlich nach Haiti zu fliegen. Aber es können auch Arbeiten ohne die Ingenieure verrichtet werden. Die Jugendlichen tragen z.B. Geröll vom Aushub in Handarbeit weg. Im kommenden Jahr stehen folgende Arbeiten an, wenn die Ingenieure wieder kommen können: Die Wasserversorgung muss in Angriff genommen werden. Die Zisterne muss fertig gebaut werden. Die Kantine braucht Gasanschlüsse, Gaskocher und die Wasserversorgung. Im Moment wird jemand gesucht, der ein oder mehrere Wohnhäuser in Holzbauweise in Fontrankil, dem zweiten Standort bauen kann. Dort werden dringend Wohnhäuser für die Kinder und Jugendlichen benötigt, die noch am alten, gefährlichen Standort wohnen. gebaut wird.

Neuigkeiten von Dr. Anke Brügmann

Lage auf Haiti:

Wir haben sehr mit dem Klimawandel zu kämpfen. Lange Trockenzeiten wechseln sich mit kurzen Überschwemmungen ab, die aber nicht reichen, die Wasserreserven wieder aufzubauen. Oft haben wir tagelang kein Wasser, in Nan Ginen, unserem ersten Standort noch schlimmer als in Fontrankil, unserem zweiten Standort. Die letzte Ernte ist ziemlich misslungen.

Bericht aus der Schule:

Die ersten Examen sind bereits geschrieben und korrigiert! Viele Schülerinnen und Schüler haben gut abgeschnitten. Die anderen bekommen noch Zeit zum Üben. Frau Dr. Brügmann konnte in den letzten Monaten drei weitere Lehrerfortbildungen halten. Je besser die Lehrerinnen und Lehrer fortgebildet sind, um so besser wird auch der Unterricht.

Der Bau in Fontrankil schreitet voran. Immer mehr Klassen können dort angesiedelt werden.

Im Moment bekommen unsere Schulkinder 5 Mahlzeiten pro Woche. Allerdings wurden uns die Subventionen für unsere Schulkantine gestrichen. Wir versuchen so gut es geht zu sparen.

Was uns noch fehlt sind Schulmöbel und Schulbücher. Unser Direktor Valleur und die Sozialarbeiterin Guerline konnten die vorhandenen Bücher sehr gut reparieren. So dass wir diese weiter verwenden können. Wir freuen uns, wenn der Container aus Deutschland mit den gebrauchten Schulmöbeln ankommt. Sie sind fest einkalkuliert.

Zu Weihnachten wird wieder jeder Schüler ein Lebensmittelpaket mit nach Hause bekommen. Damit ist sichergestellt, dass die Kinder über Weihnachten genug zu essen haben.

Der Vorstandssprecher der Volksbank Kinzigtal, Martin Heinzmann, und der Leiter des Kompetenz-Centers Wolfach, Stefan Burger, überreichten den Spendenscheck an die Vereinsvorsitzende Anke Brügmann.

Erfolgreiche Sammelaktion für neues Klassenzimmer in Haiti

Juni 2016 – Am 5. Juni 2016 erfolgte die offizielle Spendenübergabe zum Abschluss des Crowdfunding-Projektes zur Finanzierung eines Vorschul-Klassenzimmers im neugebauten Heim in Haiti. Über die Spendensammelplattform der Volksbank Kinzigtal gingen dabei von 182 Spendern insgesamt 10095 Euro ein. In dieser Summe enthalten sind 880 Euro, die die Volksbank im Rahmen ihrer Aktion „Viele schaffen mehr“ dem Projekt spendete. Der Vorstandssprecher der Bank, Martin Heinzmann, und der Leiter des Kompetenz-Centers Wolfach, Stefan Burger, überreichten den Spendenscheck an die Vereinsvorsitzende Anke Brügmann.

Die Waisenkinder und Lohnarbeiter haben das Gelände für den Naubau von Felsbrocken freigeräumt. Viel Arbeit, denn viele große Felsen mussten mit dem Vorschlaghammer zertrümmert werden. Wir sind unendlich froh, dass wir die sehr engagierten jungen Ingenieure von Engineers Without Borders aus Karlsruhe für unser Projekt gewinnen konnten. Bis zum Dezember werden sich immer wieder neue Ingenieure im Bauteam abwechseln. Bei der Bauplanung legen sie besonderen Wert auf Erdbebensicherheit. Ein Teil des Grundstücks grenzt an einen öffentlichen Weg, dort bauen wir eine Steinmauer, um das Gelände zu schützen.

Mühsame Vorbereitungen für Neubau von Waisenhaus und Schule

August 2015 – Nach langer mühsamer Vorbereitungszeit haben nun die Arbeiten auf der Baustelle begonnen. Im Viertel Fontrankil werden nun das neue Waisenhaus und die neue Schule entstehen. In der ersten Bauphase soll der große Saal mit den angrenzenden Funktionsräumen errichtet werden, denn das Dach des Saales soll uns Wasser und Strom für die weiteren Bauarbeiten liefern. Dann kommen die drei Klassenzimmer für die Vorschule. So sollen zuerst die kleinsten Kinder vor der neuen Nationalstraße in Sicherheit gebracht werden. Es ist sehr eilig, weil am 7. September 72 Vorschüler ab 4 Jahren auf der Baustelle stehen werden. Möglicherweise werden wir uns weiter mit Zelten und anderen Provisorien behelfen müssen.

Felsbrocken müssen mit dem Vorschlaghammer zerschlagen werden
Seit Mitte Juli bearbeiten wir das sehr felsige Gelände. Unsere Waisenkinder und Lohnarbeiter haben das Gelände von Felsbrocken freigeräumt. Das war viel Arbeit. Viele große Felsen mussten mit dem Vorschlaghammer zerschlagen werden. Junge Erwachsene verdienen sich so in den Ferien ihr Schulgeld. Jeden Morgen ist der Andrang an Jobsuchenden groß, wir können aber nicht alle beschäftigen.
Es ist besonders dringend das Gelände einzuzäunen, denn ständig werden nachts unsere Schnüre und Vermessungsmarkierungen abgeräumt, Bäume gefällt, Früchte gestohlen oder Hecken weggeschnitten. Der vordere, an den öffentlichen Weg grenzende Teil wird eingemauert, für den Rest der 630 Meter Umfang haben wir stabilen Maschendraht im Container, der noch zusätzlich mit Stacheldraht gesichert werden muss.

Tolle Zusammenarbeit mit den Karlsruher Ingenieuren von Engineers Without Borders
Besonders schwierig war es eine kompetente Bauleitung zu finden. Seit letztem Jahr arbeiten wir sehr fruchtbar mit den Engineers Without Borders aus Karlsruhe zusammen. Wir sind unendlich froh, dass wir diese sehr engagierten jungen Ingenieure für unser Projekt gewinnen konnten. Ein Team der Ingenieure hat im Frühjahr bereits geplant und vermessen. Am 10. August ist jetzt das erste Bauteam angekommen. Seither wird sehr intensiv gearbeitet. Bis zum Dezember werden sich immer wieder neue Ingenieure im Bauteam abwechseln und so eine Kontinuität bei der Bauleitung gewährleisten. Die Ingenieure haben bei der Bauplanung besonderen Wert auf Erdbebensicherheit gelegt. So müssen z.B. im Erdbebenfall die einzelnen Gebäudeteile getrennt voneinander schwingen können.
Gestern waren wir in Les Cayes, um Baumaterial für die Fundamente und die Bodenplatte einzukaufen. Das meiste ist nicht billig, weil alles nach Haiti importiert werden muss. Bisher läuft noch alles von Hand, aber wir verhandeln mit der Straßenbaufirma um Hilfe bei der Einebnung des Geländes mit Maschinen. Einen Zufahrtsweg haben wir zu diesem Zweck bereits gebaut. Ob das klappt, ist noch nicht sicher.

Startfinanzierung aus Reserven – Sponsoren dringend gesucht
Die Finanzierung dieses riesigen Bauprojekts ist noch weitgehend offen. Wir können nur den Anfang aus Reserven decken. Wir suchen weiter dringend nach Sponsoren, die einzelne Gebäude oder Gebäudeteile übernehmen könnten. Auch Materialspenden oder ehrenamtliche Mitarbeit ist willkommen.

Die Schule von Menkontre ist bekannt für ihre gute Ausbildung, wie dieses Bild von der Zeugnisvergabe mit den Eltern zeigt. Entsprechend groß ist jedes Jahr der Andrang von Eltern, die ihre Kinder hier unterrichten lassen wollen. Die Finanzierung des Unterrichts für inzwischen 284 Schüler sorgt für große Probleme.

Großer Andrang an Men-kontre-Schule

August 2015 – Jedes Jahr in den Sommerferien sind die Neueinschreibungen für das neue Schuljahr. Jedes mal müssen wir von Menkontre viele Schüler zurückweisen, weil die Klassen überfüllt sind. Hier der Bericht der Vereinsvorsitzenden Anke Brügmann zum Schulbeginn in diesem Jahr.

Manchmal sitzen die Eltern weinend vor mir, wenn sie keinen Platz bekommen. Einige Kinder sind verwahrlost oder unterernährt. Bei einigen muss ich erst einmal eine Krätze behandeln, bevor ich sie zu den anderen Kindern lassen kann. Viele Schüler werden viel zu spät eingeschult. So haben wir zum Beispiel auch in der ersten Klasse einige 14-jährige. Oft kommen Kinder aus entfernten Dörfern und haben einen Schulweg von über zwei Stunden.
Die Men-Kontre-Schule wird auch von vielen Schulversagern aus anderen Schulen angesteuert, weil wir den Ruf haben, doch noch passable Schüler aus ihnen machen zu können. Manchmal ist das ganz einfach: Radikal zurückstufen, weil die Schüler offenbar versetzt wurden, ohne irgendetwas im Unterricht verstanden zu haben. Dieses Jahr hatte ich zum Beispiel einen 14-jährigen Jungen, der in einer anderen Schule die 5. Klasse abgeschlossen hatte. Der Test ergab, dass er keinen einzigen Buchstaben erkannte. Alle neuen Schüler werden bei der Aufnahme geprüft und nach unseren Kriterien in die richtige Klasse eingestuft, egal, welche Klasse sie zuvor besucht haben, egal wie alt sie sind.
Es werden vor allem Schüler aufgenommen, die sich keine andere Schule leisten können. Auch in den wenigen so genannten Gratis-Schulen gibt es eine Einschreibegebühr, eine Examensgebühr sowie Kosten für Uniformen, Bücher, Hefte und anderes Material, und ab und zu mal eine Sondergebühr für ein Fest. Unsere Schüler können aber meist noch nicht einmal einen Kugelschreiber bezahlen. Von uns bekommen sie all diese Dinge gratis gestellt.

Eine Chance für zwei schwangere 14-jährige Mädchen
Ich habe auch zwei junge Mädchen aufgenommen, die ihre Schule verlassen hatten, weil sie schwanger sind. Men-Kontre ist die einzige Schule, die diesen jungen Müttern ab 14 Jahren noch mal eine Chance gibt. Geistig oder körperlich Behinderte werden so gut es geht integriert, auch wenn es bei den großen Klassen und der fehlenden Spezialausbildung der Lehrer nicht einfach ist. Viele Schüler bekommen außerdem in den Ferien nicht genug zu essen und brauchen dringend unsere Kantine.
Jedes Jahr nehmen wir uns vor, weniger Schüler einzuschreiben, weil die Finanzierung wirklich schwierig geworden ist. Die Lehrergehälter und die Lebensmittelpreise steigen ständig. Es ist schwierig gute Lehrer zu bekommen und es fehlt uns an Klassenzimmern. Und dann sitzen diese Kinder bei uns im Hof, jedes mit einem anderen schweren Problem, und es ist unendlich schwierig, sie abzulehnen.
Gestern waren es drei Kinder. Die Oma bat eigentlich darum, die Kinder ins Waisenhaus aufzunehmen, weil sie nicht mehr in der Lage ist, sie zu ernähren. Die Väter sind nicht auffindbar und die Mutter ist seit drei Monaten im Krankenhaus. Sie wird vermutlich sterben. Leider ist eine Waisenhausaufnahme unmöglich, aber wir mussten ihnen wenigstens einen Platz in der Schule geben. Im Moment sind wir bei 284 Schülern, davon 72 in der Vorschule, aber es werden noch einige dazu kommen. Während des Jahres bleiben dann immer einige junge Mädchen weg, weil sie als unbezahlte Dienstboten in die Hauptstadt geschickt werden.

Anerkannte Pilotschule des Erziehungsministeriums
Die Men-kontre-Schule ist vom Erziehungsministerium als Pilotschule ausgewählt und erhält dafür jährlich eine kleine Subvention. Wir unterhalten sehr gute Beziehungen zum Erziehungsministerium, weil wir uns wirklich Mühe geben, alle staatlichen Vorgaben zu berücksichtigen. Bei einem Lesewettbewerb im Vergleich mit den anderen Schulen unserer Stadt haben unsere Erstklässler besonders gut abgeschnitten.

Dringend Hilfe zur Finanzierung der Schule nötig
Wir brauchen dringend Hilfe bei der Finanzierung unserer Schule, vor allem für die Lehrergehälter, damit wir überfüllte Klassen teilen können. Mit dem Platz und dem Material können wir uns irgendwie arrangieren. Ein Lehrer mit drei Jahren Lehrerausbildung kostet uns etwa 190 Euro im Monat. Für das neue Schuljahr haben wir theoretisch ein Budget für neun Lehrer, vorgesehen haben wir elf, und eigentlich bräuchten wir 14.
Gerade jetzt, während ich dies schreibe, sitzt wieder eine Familie im Hof: Eine alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern, arbeitslos, keine Wohnung. Ich muss sie zurückweisen, weil die Vorschule hoffnungslos überfüllt ist. Ich müsste die Gruppen teilen, aber ich habe kein Geld, um noch einen Lehrer bezahlen zu können.

Besonders die Kleinen sind immer sehr stolz, wenn sie ihre Zeugnisse erhalten. Für unser Team in Haiti sind die Prüfungsarbeiten eine anstrengende Angelegenheit. Tagsüber nehmen sie die Prüfungen ab, nachts korrigieren sie die Arbeiten.

Aufwendige Examensarbeiten mit gemischten Ergebnissen

Januar 2015 – Ende Januar war in unserer Schule die zweite Zwischenprüfung. Das ist immer eine besonders schwierige Zeit für uns. Tagsüber sind die Examensarbeiten und die mündliche Prüfungen, und nachts korrigieren wir die Arbeiten, nur unterbrochen durch die vielen medizinischen Notfälle. Die Lehrer sind meist noch nicht in der Lage, die Arbeiten gerecht zu beurteilen, und sie sind leider auch nicht bereit, dies außerhalb der Unterrichtszeit am Nachmittag zu tun. Die Ergebnisse waren diesmal gemischt.
In den Klassen, deren Lehrer schon längere Zeit bei uns sind und die viele Fortbildungen mitgemacht haben, sind die Durchschnittsnoten recht gut ausgefallen, aber in den Klassen mit den neuen Lehrern haben manchmal nur wenige Schüler eine ausreichende Punktzahl erreicht. Da haben wir noch viel zu tun.
Besonders die kleinen Kinder waren wieder sehr stolz, ihre Zeugnishefte zu bekommen. Wir nutzen bei der Zeugnisvergabe auch die Gelegenheit, mit den Eltern oder mit den Verwandten zu reden. Einige Schüler sind in ihren Familien stark vernachlässigt und werden nur unregelmäßig zur Schule geschickt. Gerade aus solchen Problemfamilien kommt selten jemand zur Zeugnisausgabe. Manchmal versuchen wir es mit Hausbesuchen, aber das ist zeitlich kaum zu schaffen.

Über Schülerbriefe halten die haitianischen Kinder Kontakt zu ihren Patenklassen in Deutschland. Dazu haben die Kinder aus dem Heim dieses Bild gemalt.

In Schülerbriefen erzählen die Kinder von ihrem Leben in Haiti

Januar 2015 – Die Kinder aus dem Heim halten über Schülerbriefe den Kontakt zu den Kindern ihrer Patenklassen in Deutschland. In diesen Schülerbriefen schreiben sich die Kinder etwa, wie sie in ihrer Heimat leben und was sie erleben, im Alltag und in der Schule.
Hier ein paar Ausschnitte aus Schülerbriefen, die haitianische Kinder im Jahr 2014 ihren Patenklassen in Deutschland geschickt haben. Zusätzlich haben die Kinder das Bild gemalt, das hier zu sehen ist.

Rose-Genchelle: Mein Land Haiti ist ein schönes kleines Land, das viele gute Bäume hat, die Schatten geben. Es gibt viele Flüsse, die fließen. Ich liebe es im Meer zu baden und mit meinen Freunden Fußball zu spielen.

Thame-Ernadin: Bei uns wird eine Straße gebaut. Sie zerstören alle Felder an der Straße. Sie zerstören die Häuser der Leute, die an der Straße wohnen und alle Bäume. Sie sprengen mit Dynamit. Die Steine fliegen auf die Häuser der Leute und zerschlagen das Dach. Würdest du gerne die Straße sehen? Wenn du sie sehen willst, komm her und sieh sie dir an!

Israel: Das Fach, das ich am liebsten mag ist Wissenschaften, weil ich da die meisten Punkte bekomme. Ich habe einen Freund in meiner Klasse, der heißt Guichard. Das ist mein bester Freund in der Klasse. Alles was wir haben, teilen wir. Wir haben einen guten Direktor, der heißt Valleur Noèl, er behandelt uns sehr gut. Er gibt uns alles, was wir brauchen. Er lässt die Schüler nicht mit einem kleinen Bleistiftstummel schreiben. Wir haben Kugelschreiber. Unsere Schule hat 6 Klassen. Das ist eine besonders gute Schule.

Gerald:  Jetzt haben ja die Fußballweltmeisterschaften angefangen. Ich freue mich, dass die deutsche Mannschaft immer dabei ist. Ich bin Fan von Deutschland und Spanien.

Dukene: Bei uns zu Hause geht es gerade nicht so gut, weil unsere Felder zerstört werden. Unsere Häuser werden zerstört die Quellen versiegen. Wo wir immer Quellen  gesehen haben, sehen wir sie nicht mehr. Dass kommt daher, dass die Leute alles kaputt machen. Das ist ein großes Unternehmen, das die Straße baut.

Peterson: Bist du dick? Ich bin nicht dick!

Sibila: Bei uns hier, wenn ein Kind nicht versetzt wird, wird es geschlagen, besonders von den Eltern.  Mein Direktor heißt Valleur Noel. Die Sekretärin heißt Marie-Claude. Sie schlägt die Kinder nie und der Direktor auch nicht.

Mirtha: Ich grüße euch, weil ich gerne hätte, dass ihr die Ferien mit uns verbringt!

Judson: Mein Lehrer heißt Lidger. Er ist nicht so dick sondern eher dünn, aber er hat einen sehr guten Charakter. Er ist anständig. Er liebt es, zusammen mit seinen Schülern Witze zu erzählen.

Widnerline: Bist du nicht manchmal ungezogen? Lernst du immer, machst deine Hausaufgaben und hörst auf den Lehrer, wenn er dir was zum Arbeiten gibt? Wenn du das immer so machst, beglückwünsche ich dich sehr!

Gèdèon: Ich sage euch danke für das, was ihr für mich tut, weil ich dank euch hier in die Schule gehen kann. Ihr habt diese Schule gegründet und ihr gebt die Mittel, dass wir darin etwas zu essen bekommen!

Auch in Haiti hat nun das neue Schuljahr begonnen. Im vergangenen Schuljahr haben wieder alle Schüler die Prüfungen bestanden.

Alle Schüler bestehen die Prüfung – Start ins neue Schuljahr

Auch in unserem Heim in Haiti geht nun wieder die Schule los. Unsere Vereinsvorsitzende Anke Brügmann hatte im Vorfeld des neuen Schuljahres wieder mit einem großen Andrang an Neueinschreibungen zu kämpfen, obwohl sie allen Leuten gesagt hatte, dass wir in Haiti ein Jahr der Provisorien vor uns haben, etwa mit Unterricht im Zelt. Verantwortlich für den großen Andrang ist sicher, dass unsere Schule bereits  zum fünften Mal in Folge eine Bestehquote von 100 Prozent geschafft hat. Das ist ein großer Erfolg, der in Haiti ganz entscheidend zu unserem guten Ruf beiträgt. Schön ist auch zu erleben, wie motiviert die Kinder sind. Viele schwache Schüler kommen oft noch spät abends zu Anke Brügmann, um sich eine Lektion abzuholen.

Notwendige Gehaltserhöhungen für die Lehrer, aufwendige Ausflüge für die Kinder
Bei den Lehrern lassen sich nun Gehaltserhöhungen nicht mehr vermeiden, denn der Staat hat kräftig aufgeschlagen. Damit uns nicht alle Lehrer weglaufen, müssen wir bei der Bezahlung mithalten. In den Ferien lief wie immer die Ferienschule, in diesem Jahr mit einem etwas reduzierten Programm. Leider haben wir nur in den Ferien Zeit, um mit den Kindern Ausflüge zu unternehmen. Das bedeutet, dass jede Gruppe nur einmal im Jahr drankommen kann. Zur Zeit kommt jeden Mittwoch eine andere Gruppe dran. Leider gibt es oft Autopannen oder es sind stundenlange Wartezeiten nötig, etwa wegen blockierter Straßen. Das bedeutet, wie Anke Brügmann aus Haiti berichtet, Stress für sie als Fahrerer, aber trotzdem ist es immer ein großes Erlebnis für die Kinder. Bei den meisten Ausflüge gehört ein Abstecher zum Baden im Meer dazu, aber auch die Städte üben eine ungeheure Anziehungskraft auf die Kinder aus. Wegen des hohen Aufwandes für solche Unternehmungen konnte in diesem Jahr leider nur ein Teil des Ferienplans mit Freizeitaktivitäten umgesetzt werden. Immerhin klappt es aber, jeden Abend einer anderen Gruppe von Kindern einen Film zu zeigen, außerdem gab es ein paar interessante Chorproben. Nur die Bässe tun sich noch etwas schwer. Auch die Angebote für Englisch und Botanik stießen bei den Kindern auf großes Interesse.

Strenge Regeln für die Ausleihe in der Bibliothek
In den letzten Wochen war Anke Brügmann wieder ganz viel in der Bibliothek beschäftigt, in der es viele schöne Bücher gibt. Jedes Jahr bringt Brügmann alles prima in Ordnung und erlässt strenge Regeln, um Unordnung zu vermeiden. Nach ein paar Monaten, so musste sie leider feststellen, herrscht dann wieder Chaos und leider verschwinden auch immer wieder einige der schönsten Bücher. Es dauert auch immer lange, die Schulbücher für das neue Schuljahr wieder in Form zu bringen.

 

Die Schule des Vereins.

Die Schule

Die öffentlichen Schulen haben meist ein niedriges Niveau, unregelmäßigen Unterricht, unausgebildete Lehrer und Klassen mit bis zu 70 Schülern. Deshalb haben wir im Jahr 2005 eine eigene Schule eröffnet, in die ausschließlich bedürftige Kinder aufgenommen werden. Unter dem Dach einer Halle begonnen, haben wir mittlerweile vier helle, freundliche Schulgebäude erbaut. Die drei Vorschulklassen sowie die Klassen 1 bis 5 besuchen insgesamt 250 Schüler.

Die auswärtigen Schüler erhalten dreimal in der Woche ein Mittagessen. Für viele der Kinder sind dies die einzigen warmen Mahlzeiten. Da die Mamas des Waisenhauses mit der zusätzlichen Zubereitung des Essens überlastet sind, müssen wir weiteres Personal finden und eine neue Küche einrichten.

Besonders schwierig ist es, gute Lehrer für das abgelegene Beaumont zu bekommen. Wir unterstützen deshalb Lehrerstudenten in der Ausbildung, um sie für unsere Schule zu gewinnen.