Reiseberichte

Bericht Waisenhaus Menkontre August 2017

Bericht Waisenhaus Menkontre

August 2017

Wir haben heute den 14. August 2017 und es liegt jetzt genau zwei Wochen zurück, dass Stefan Willeitner und ich in Beaumont angekommen sind. Ein besonderes Ereignis habe ich zum Anlass genommen, gerade heute diesen Bericht zu schreiben. Es ist die Geburt von zwei Mädchen, also Zwillingen, deren Mutter aus einem sehr entfernten Dorf stammt. Ja, es hat sich weit herumgesprochen, dass unsere Vereinsvorsitzende Dr. Anke Brügmann sich als Medizinerin verantwortlich fühlt, Menschen in medizinischen Notlagen die am Tor des Waisenhauses anklopfen, zu helfen.

Derzeit haben wir eigentlich genügend anderes zu tun. Zum Beispiel mit dem Bau weiterer Gebäude auf unserem neuen Gelände in Fontrankil (es steht jetzt der Neubau des ersten Kinderwohnhauses für Mädchen kurz bevor, zusätzlich zu der großen Halle und den ersten vier Klassenzimmer-Gebäuden, die bereits im letzten und vorletzen Jahr gebaut wurden), oder mit den Anmeldungen zu unserer Schule. Diese Anträge auf Schulanmeldung haben sich weiter erhöht, auch durch den Zuzug von Familien aus entlegenen Bergdörfern, die durch den Hurrikan Matthew ihr Dach über dem Kopf verloren haben. Eine Ablehnung dieser Anträge hat oft zur Folge, dass die Kinder dieser in der Regel ärmeren Familien aufgrund des deutlich höheren Schulgeldes anderer Schulen überhaupt nicht zu Schule gehen können und ein Leben lang Analphabeten bleiben.

Wie immer im Sommer geht es bei den aktuellen Sitzungen und Besprechungen zu einem großen Teil um die älteren Waisenkinder, die den Schulbesuch jetzt beendet haben und nun eine Berufsausbildung anstreben. Je nach Neigung, Fähigkeiten und zu erwartenden Lernerfolgen versuchen wir hierbei für die Jugendlichen das Richtige zu finden. Da es in Beaumont selbst nicht viele Ausbildungsplätze gibt, ist das oft nicht ganz einfach.

Die derzeitigen Ferien werden auch genutzt um mit einem Teil der Kinder Ausflüge zu unternehmen. Stefan und ich fuhren hierbei letzte Woche mit den etwas älteren Jungs an einen tollen Strand an das karibische Meer und mit den kleineren Mädchen an einen flachen Kiesstrand an einem Fluß. Beide Touren haben den Kindern großen Spaß gemacht.

Am Tag ihrer Geburt, dem 14. August 2017 fotografiert: Klara (unten) und Nora haben wir sie mal genannt, zur Welt gekommen auf unserem neuen Gelände in Fontrankil. Da ihre Mutter psychisch behindert und mit der Versorgung der beiden wohl überfordert ist, war bei der Abreise von Stefan Willeitner und mir einige Tage später noch nicht ganz klar, wie sich das mit den beiden weiter entwickelt.

Vorstandsmitglied Stefan Willeitner unternahm bei seinem Besuch mit den Waisenkindern einen der seltenen Ausflüge ans Meer. Obwohl das Meer kaum 15 Kilometer Luftline entfernt vom Heim liegt, haben etliche der Kinder das karibische Meer noch nie gesehen. Bei einem Ausflug nach Jeremie hatten die Kinder ein ganz besonderes Erlebnis: Sie durften einen UN-Hubschrauber von innen besichtigen.

Ausflug ans Meer mit Vorstandsmitglied Stefan Willeitner

August 2016 – Stefan Willeitner flog Anfang August 2016 für 5 Wochen nach Haiti. Der Lehrer, der auch Vorstandsmitglied des Vereins ist, unterstützt die Vereinsvorsitzende Anke Brügmann vor Ort bei ihren vielfältigen Aufgaben. Aufgrund seiner pädagogischen Erfahrung kümmert er sich besonders um die Kinder des Waisenhauses. So hat er kurz nach seiner Ankunft in Beaumont mit einem Teil der größeren Jungs einen Ausflug nach Jeremie unternommen. Dort hatten sie ein ganz besonderes Erlebnis: Sie durften einen UN-Hubschrauber von innen besichtigen. Anschließend gab es viel Spaß bei einem Bad im Meer.

Der haitianische Vereinsvorstand tagt mit Anke Brügmann in der Baustelle der großen Halle. Thema sind vorrangig Probleme einzelner Kinder. Angesichts des steigenden Durchschnittsalters der Kinder zeigt sich auch in Haiti: Kleine Kinder kleine Sorgen, große Kinder große Sorgen. Die neue Schulhalle dient bereits als provisorischer Unterrichtsraum.

Große Kinder, große Sorgen – Vorstandsmitglied Jörg Wulle zum dritten Mal in Haiti

Juli 2016 – Es ist Freitag, der 8. Juli 2016 und ich sitze am Schreibtisch in der großen Halle, deren Richtfest ich im letzten Dezember miterlebt habe. An diesem Tisch nimmt unsere Vereinsvorsitzende Anke Brügmann in diesen Tagen die Anmeldungen von Schülern an unsere Schule für das demnächst beginnende neue Schuljahr entgegen. Die Nachfrage ist riesengroß und längst dient die Schule nicht mehr nur den Kindern des Waisenhauses. In einem benachbarten Dorf wurde die einzige Schule geschlossen. Weil sie mit den Lernerfolgen in anderen Schulen nicht zufrieden sind, versuchen Eltern ihre Kinder an der Schule unseres Vereins anzumelden. Oder die Familie mit fünf Kindern, von denen bislang kein einziges eine Schule besucht hat. Wenigstens das kleinste Kind soll lesen und schreiben lernen, auch wenn das Elterngeld für die Vorschule zusammengekratzt werden muss, obwohl diese Gebühren für unsere Schule eher symbolhaft sind.
Es gibt eine Menge Gründe, warum Anke Brügmann derzeit vom frühen Morgen bis in den Abend mit Schulanmeldungen beschäftigt ist. Die Folge ist, dass, so wie das jetzt aussieht im kommenden Schuljahr wohl nahezu alle Klassen zweizügig gefahren werden müssten, aber es fehlen die Lehrer…

Heute ist ein besonderer Tag, kurz vor 8 Uhr wurden die Schulanmeldungen unterbrochen, weil Anke Brügmann mit einer Kindergruppe des Waisenhauses einen der seltenen Ausflüge unternimmt. Nicht jedes Jahr kommen dabei alle Gruppen dran, aber immer in den Sommerferien wird einem Teil der Kinder ein solches Erlebnis geboten. Die Kleinen, die heute unterwegs sind, wollten zum Baden ans Meer. Obwohl es kaum mehr als 15 Kilometer Luftline Entfernung sind, haben etliche der Kinder das karibische Meer noch nie gesehen.

Hier auf der Baustelle in Fontrankil gehen unterdessen die Arbeiten weiter. Rund um die große Halle sind seit Beginn dieses Jahres Nebenräume entstanden, die teilweise schon in den letzten Monaten zur Unterbringung der Vorschulgruppen dienten. Mit Beginn des neuen Schuljahres soll auch die erste Wohngruppe des Waisenhauses hier einziehen.
In den nächsten Tagen werden mit Hilfe eines geliehenen Baggers (unser Verein zahlt nur den Baggerfahrer und die Kraftstoffkosten) noch etliche Vorarbeiten für Grundmauern weiterer Gebäude und Wegearbeiten vorgenommen. Bei dem steinigen und felsigen Gelände hat es sich gezeigt, dass der Einsatz schweren Geräts unbedingt notwendig ist.

Neben alldem geht der tägliche Betrieb des Waisenhauses weiter. Das Foto zeigt eine Sitzung des haitianischen Vereinsvorstandes in der Baustelle der großen Halle, unmittelbar vor der Türe, hinter der Anke Brügmann seit einigen Monaten wohnt bzw. als erste Bewohnerin in Fontrankil eingezogen ist. Thema der Sitzung sind vorrangig die Probleme einzelner Kinder. Angesichts des sich in letzter Zeit erhöhenden Durchschnittsalters der Kinder zeigt sich hierbei die Wahrheit der auch in Haiti geltende Regel: Kleine Kinder kleine Sorgen, große Kinder große Sorgen.

Den Kindern beim Lernen zu helfen und bei den Hausaufgaben war eine der Hauptaufgaben von Stefan Willeitner. Die Kinder sprechen kreolisch und lernen erst in der Schule allmählich französisch. Wegen des Ausbaus der Nationalstrasse ist ein Neubau des Heimes und der Schule auf einem ruhigeren Gelände unumgänglich. Dort haben wir erste Vermessungen durchgeführt. Das war auf dem steinigen Gelände nicht ganz einfach. Mit einfachen Aktiviäten wie dem Basteln von Weihnachtssternen ließen sich die Kinder und selbst die Jugendlichen begeistern. Auf dem Bild sieht man ein Mädchen, das sich nach einem Sturz im Gesicht verletzt hatte und dann gut versorgt wieder nach Hause gehen konnte. Während der Regenzeit kann es ganz ordentlich schütten. Alles ist klamm und auch die gewaschene Wäsche wird nicht richtig trocken. Meine Schuhe waren feucht und haben Schimmel angesetzt. Mit einfachen Aktivitäten wie dem Suchen von Bonbons, Basteln und allen Arten von Spielen ließen sich die Kinder und Jugendlichen begeistern. Ein beliebtes Spiel bei den Kindern ist es, mit den Deckeln von Plastikflaschen zu schnipsen oder einen Plastikring mit einem Stock anzutreiben.

Verletzte Polizisten behandeln und ein Auftritt als Nikolaus – Was der Lehrer Stefan Willeitner bei seinem mehrmonatigen Aufenthalt in Haiti erlebte

Der Lehrer Stefan Willeitner verbrachte ab Oktober 2014 rund ein halbes Jahr in Haiti. Hier berichtet er über seine Eindrücke und Erfahrungen von diesem Aufenthalt im Heim von Pwojè men kontre:
Nach langem Flug sind Anke Brügmann und ich planmäßig in Port-au-Prince, der Hauptstadt von Haiti, gelandet. Mein Gepäck kam erst mit dem nächsten Flugzeug aus Miami, die Unterlagen für meine Aufenthaltserlaubnis reichten der zuständigen Behörde nicht. Ich bekam die Aufenthaltserlaubnis erstmal nicht, sondern musste erst mal mit dem dreimonatigen Touristenvisum vorlieb nehmen. Dafür war die Begrüßung umso herzlicher, als wir nach etlichen Stunden Autofahrt in Beaumont ankamen.

Auffallend, wie liebevoll die Kinder und Jugendlichen miteinander umgehen
In einem Heim, in dem über 70 Kinder und Jugendliche zusammenleben, geht es nicht immer konfliktfrei zu. Aber obwohl sehr viele von ihnen aus sehr schwierigen Familienverhältnissen kommen, habe ich nur wenige größere Auseinandersetzungen erlebt. Besonders ist mir aufgefallen, wie liebevoll die Kinder und Jugendlichen oft mit den Kleinsten umgingen und wie sie sich mit ihnen beschäftigten, auch die älteren Jugendlichen.

Polizisten bevorzugen die Krankenstation von Dr. Anke Brügmann
Das Heim verfügt über eine kleine Krankenstation. Wenn Anke Brügmann da ist, werden immer wieder kranke Menschen gebracht. Sogar die Polizei kam einmal mit einem verletzten Beamten lieber zu ihr, als ins örtliche Krankenhaus, das nicht so gut ausgestattet ist. Eine meiner ersten Tätigkeiten war die Assistenz bei einem Notfall. Eine Frau wurde am Knie genäht und ich durfte unter anderem die OP-Haken halten. Einmal kam ein Mädchen, das sich nach einem Sturz im Gesicht verletzt hatte (siehe Foto) und dann gut versorgt wieder nach Hause gehen konnte.

Schwierige Vermessungsarbeiten auf dem steinigen Gelände des Neubaus von Heim und Schule
Direkt am Gelände von Heim und Schule wird die Straße breit ausgebaut. Für die externen Schulkinder ist diese Straße aber oft der einzige Schulweg. Deshalb ist der Neubau des Heimes und der Schule auf einem ruhigeren Gelände unumgänglich. Dort haben wir erste Vermessungen durchgeführt. Das war auf dem steinigen und bewachsenen Gelände nicht ganz einfach. Für den Neubau müssen unter anderem auch Felsen gesprengt werden.

Hausaufgabenhilfe war eine meiner Hauptaufgaben
Eine meiner Hauptaufgaben war die Hilfe beim Lernen in der Schule und bei den Hausaufgaben. Die Kinder sprechen kreolisch und lernen erst in der Schule allmählich französisch. Wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben, können sich Krankheiten schnell ausbreiten. Wenn Anke Brügmann in Deutschland war, habe ich mich nach ihren Anweisungen um die Kranken gekümmert.

In der Regenzeit bleibt das Auto schon mal im Schlamm stecken
Während der Regenzeit kann es ganz ordentlich schütten. Alles ist klamm und auch die gewaschene Wäsche wird nicht richtig trocken. Meine Schuhe waren feucht und haben Schimmel angesetzt. Manche Kinder nehmen einen zweistündigen Fußmarsch auf sich, um in die Schule zu kommen. Nachdem ich einmal bei strömendem Regen Kinder nachhause gefahren hatte, bin ich mit dem Auto im Schlamm steckengeblieben. Mühsam habe ich dann mit Hilfe von zwei Einheimischen das Auto aus dem Schlamm ausgegraben, damit ich wieder zurückfahren konnte.

Die Kinder lieben einfache Spiele, zum das Schnipsen mit Flaschendeckeln
Ein beliebtes Spiel bei den Kindern ist es, mit den Deckeln von Plastikflaschen zu schnipsen oder einen Plastikring mit einem Stock anzutreiben. Wenn ich dagegen an unsere übervollen Kinderzimmer denke…
Mit so einfachen Aktiviäten wie dem Suchen von Bonbons oder dem Basteln von Weihnachtssternen ließen sich die Kinder und Jugendlichen begeistern. Natürlich auch mit Ausflügen und allen Arten von Spielen.

Am 6. Dezember spiele ich für die Kinder den Nikolaus
Spaß hat es mir auch gemacht, am 6. Dezember als Nikolaus verkleidet die Schuhe der Kinder zu füllen oder ein Krippenspiel einzuüben und an Weihnachten aufzuführen, das Anke Brügmann und ich geschrieben haben. Das Foto zeigt Kinder, die für ihren Auftritt eingekleidet werden.

Die bewegende Taufe meiner beiden neuen Patenkinder
Bewegend war für mich die Taufe meiner beiden neuen Patenkinder. Meine Zeit in Haiti war nicht immer einfach. Neben Verständigungsschwierigkeiten sind unterschiedliche Mentalitäten und Auffassungen aufeinandergetroffen. Ich denke aber gerne und dankbar an die Zeit zurück. Es wird nicht meine letzte Reise nach Haiti gewesen sein.

Vorstand Stefan Willeitner (2. v. li.) berichtet von seiner ersten Reise nach Haiti.

Vorstand Stefan Willeitner: Jeder Tag bringt Überraschungen

Der Lehrer Stefan Willeitner verbringt ab Oktober 2014 rund ein halbes Jahr in Haiti. Er wird fortlaufend über seine Eindrücke und Erfahrungen berichten. Hier sein erster Bericht:

Als Vorstandsmitglied des Vereins war ich sehr gespannt auf meine erste Fahrt nach Haiti. Nach zweimaligem Umsteigen sind wir gut in Port au Prince angekommen. Leider hatten wir keinen Erfolg mit meinem Jahresvisum. Ich müsse ein eigenes Konto in Haiti haben, hieß es. Letztes Jahr bekam man ein Jahresvisum noch ohne ein eigenes Konto. Behördengänge sind hier sehr zeitaufwendig.
Auf dem Heimgelände sind wir freudig aufgenommen worden. Gleich am ersten Tag hatten wir eine Besprechung mit den Strassenbauingenieuren, um zu klären, wie sie uns bei der Vorbereitung des Neubaus auf unserem neuen Gelände unterstützen können. Als wir dann gerade mit dem Vermessen beginnen wollten, wurde die Vereinsvorsitzende Anke Brügmann zurückgerufen, um eine schwangere Frau zu verarzten, die sich oberhalb des Knies eine tiefe Fleischwunde zugezogen hatte. Sie war auf der Durchreise. Nach aufwändiger Säuberung konnte die Wunde mit vielen Stichen wieder zugenäht werden. Die verletzte Frau ist einen Tag später immer noch hier, weil die Angehörigen zum Abholen ein Motorradtaxi geschickt haben, das sie aufgrund ihrer Verletzung aber nicht benutzen kann. So bringt hier jeder Tag neue Überraschungen und man kann nur schwer planen.

Ein Land, das einen staunen lässt: In Haiti spielt sich das Leben an der Strasse ab. Wie im Paradies: Ein Ausflug ans Meer zeigt die Schönheit der Natur in Haiti. Die Anreise nach Beaumont ist schwierig und langwierig. Nach Regenfällen sind die Straßen kaum zu befahren.

Reisebericht von Suso Engelhardt und Stefan Oexle-Ewert

Vom 1. bis 7. Juli 2013 waren der Solar-Ingenieur Stefan Oexle-Ewert und sein Freund Suso Engelhardt in Haiti, um in Beaumont eine Solaranlage zu installieren. Hier ihr Reisebericht über ihre erste Begegnung mit Haiti.

Das große Staunen über die Schönheit und das Leid dieses Landes
Nach der Landung in Port au Prince spielt am Ende der Gangway eine Musikkapelle kreolisch- südamerikanische Weisen. Vielleicht für uns! Etwas aufgeregt suchen wir unser Gepäck. Einen Koffer mit Werkzeug, Schrauben und Elektromaterial. Nach einer gefühlten halben Stunde taucht er auf. Er liegt auf dem Deckel. Stefan versucht ihn aus dem Gepäckband heraus zu heben doch der Zoll war offensichtlich nicht in der Lage, ihn nach der Kontrolle wieder vernünftig zu verschließen und so ergießt sich der Inhalt auf das Gepäckband. Nach 10 Minuten und der dritten Runde haben wir und die Umstehenden das Meiste aus dem Band herausgefischt. Noch im Flughafen der erste Nepp, wir rufen Hugo, unseren ersten Gastgeber und Chauffeur, an und bezahlen 5 US-Dollar für ein Telefonat im Handyladen. Draußen finden wir Hugo, wie vereinbart. Ein ungewollter Helfer hält sich gleich gegen unseren Willen an unseren Koffern fest und will dafür auch noch 20 US-Dollar haben. Stefan gibt ihm 6 US-Dollar.

Beklemmende Fahrt durch Haitis Hauptstadt Port au Prince
Die Fahrt durch Port au Prince ist mehr als beklemmend. Wir fahren auf einer breiten Straße Richtung Süden. Der Dieselruß aus den alten Lastern und die Abgase der kaputten Autos schnüren uns die Kehlen zu. Man hat den Eindruck, die ganze Stadt lebt auf dem Trottoir und daneben. Die Straßenränder sind eine einzige Autowerkstatt. Alle paar hundert Meter stehen defekte Autos und Lastwagen in einem unbeschreiblich schlechten Zustand, die zum Teil auf abenteuerliche Art und Weise repariert werden. Zwischen Müll und Lastwagen-Leichen ist die Hauptstraße gesäumt mit Händlern, die Essen und Gebrauchsgegenstände anbieten.

Allmählich kommen wir in die Ausläufer der Stadt und übernachten in einem Haus, das Bekannten von Hugo gehört, die in Amerika arbeiten. Zwei Jugendliche, die ebenfalls hier übernachten, haben ein Notstromaggregat besorgt und dank Frischgezapftem aus dem Tank vom Geländewagen kommen wir als Zaungäste in den Genuss, das Fußballspiel Brasilien gegen Spanien zu sehen. Dass wir den Kommentarton nicht verstehen, ist nicht so schlimm. Denn das Aggregat ist draußen vor dem offenen Fenster direkt neben dem Fernseher platziert Wir würden sowieso nichts verstehen.

Am nächsten Morgen fahren wir weiter nach Beaumont, mit ein paar Zwischenstopps, um weitere Fahrgäste aufzusammeln. Wir merken: Hier fährt niemand einfach nur so spazieren. In fast allen Fahrzeugen, die wir sehen, drängeln und quetschen sich mehr Fahrgäste zusammen, als Luft zum Atmen bleibt. Auf einem Moped fahren die Haitianer selten allein, oft zu zweit, meistens zu dritt, manchmal zu viert und gelegentlich auch zu fünft. Und das auf Straßen, die streckenweise eher an ein Flussbett erinnern.

Zur Begrüßung ein Schlagzeugständchen und ein geschlachtetes Schwein
Wir fahren die Küste entlang, queren einmal den Süden der Insel, um dann wieder die Küste entlang in den Westen zu fahren und von dort in die Berge, auf abenteuerlichen Straßen und durch verlassene Baustellen nach Beaumont, unserem Ziel. Hier werden wir freudig empfangen und begrüßt. Wir beziehen unser Zimmer im Gästehaus und bekommen gleich noch ein unglaublich lässiges Schlagzeugständchen dargeboten. Gespielt auf einem völlig zerknitterten Aluminiumblech und zwei kaputten Kunststoffkanistern. Nach einer ersten Lagebesprechung erleben wir in der Schule und auf dem Schulhof Schulabschluss und Zeugnisausgabe. Abends wird dann zu Hause ein großes Jubiläum gefeiert: 11 Jahre Waisenhaus. Erst gibt es einen kurzen Gottesdienst mit einer Ansprache von Schulleiter Valere. Dann folgt ein Festessen, für das eigens ein Schwein geschlachtet wurde. Danach gibt es wieder Schlagzeug vom Feinsten sowie Gesänge und Tänze.

Die Nacht ist ruhig, bis auf ein paar Grillen, Frösche, weit entferntes Hundegebell und mein Lieblingsgeräusch der Nacht: Wie Wassertropfen in einer Höhle. Vermutlich Wassertropfenvögel. Morgens um 4 Uhr fahren die ersten Lastwagen am Haus vorbei. Die Luft wird dick wie in einer Lastwagen-Garage in den 60er Jahren. Erstes Geklapper von Blechtüren, Kübeln und das uns schon bald vertraute Fauchen der Kerosinkocher, die sich allmorgendlich anhören wie ein Flugzeugstart aus der Ferne. Das Glöcklein schlägt drei Mal: Es ist 6 Uhr.

Nach dem Frühstück fangen wir an, die Montage der Solaranlage vorzubereiten und sichten das Material. Die Kinder sind begeistert von Akkuschrauber, Lampen und Werkzeug. Das Werkzeug und Material beisammenzuhalten gestaltet sich schwieriger, als einen Sack Flöhe zu hüten. Unsere Sprachkenntnisse in technischem Französisch bzw. Kreolisch sind so erbärmlich, dass es für eine Ausbildung von einem halben Duzend jungen Erwachsenen Heimbewohnern zu Elektrofachkräften in dieser Woche wahrscheinlich nicht mehr ganz reichen wird. Aber wir kommen voran.

Anke Brügmann, die Vereinsvorsitzende, hat noch ein paar Wünsche, die unsere materiellen Möglichkeiten aber übersteigen. Wir finden einen Kompromiss. Hugo besorgt noch Kabel und lässt auf unseren Wunsch hin die Unterkonstruktion des Daches, auf das wir die Module schrauben wollen, noch etwas verstärken. Nach zwei Tagen sind die Module in einem diebstahlsicheren Rahmen auf der Hilfsküche und der Wechselrichter mit Akkumulatoren im Hinterzimmer montiert. Es ist höchste Zeit zum Laden der Akkumulatoren, die schon über ein halbes Jahr unterwegs und gelagert waren.

Wir hatten mit allem gerechnet – aber nicht mit knallharten Betondecken
Wir elektrifizieren derweil die Ambulanz, das Büro und bringen Licht in die Hallen, die Küchen, die „Bäder“, in alle Zimmern und auch in den großen Hof in der Mitte. Die größten Schwierigkeiten bereitet uns der Beton. Wir hatten mit fast allem gerechnet, aber nicht damit, Kabel und Lampen zum Teil auf knallharte Betondecken montieren zu müssen. Hugo besorgt eine Bohrmaschine, leider ohne Steinbohrer und so wird das Aufhängen des Verteilerkastens ein fast nachmittagsfüllendes Programm. Weil Dübeln nicht möglich ist müssen viele Lampen und Verteilungen auf Holzbretter geschraubt werden, die wir zuvor mit 70er Betonnägeln an die Decke nageln. Eine für uns völlig neue Technik. Für einen Nagel braucht man rund eine viertel Stunde. Danach müsste man eigentlich in Kur weil man seine Arme nicht mehr spürt, nichts mehr hört und jede Menge Deckendreck in den Augen hat.

Richa, einer der großen Jungs, hilft uns, aber immer nur für einen Nagel, dann muss er stets noch kurz was erledigen. Unseren Zeitplan fanden wir schon bei der Anreise äußerst ambitioniert, doch hier erscheint er uns nach einer halben Woche kaum haltbar, so dass wir auf den einzigen Ausflug, den wir machen können, schon verzichten wollen. Anke Brügmann besteht jedoch darauf und sie hat Recht. Sie fährt mit uns beiden auf dem Beifahrersitz und einem Auto voller Kinder durch die Berge ans Meer. Nach einer kurzen Unterbrechung durch eine Autopanne

  • Die Panne – oder: „The interruptions are the Journey“
    Auf halber Strecke, noch in den Bergen, hat das Auto plötzlich keinen Antrieb mehr, der Motor dreht hoch wie im Leerlauf. Wir rollen noch ein paar Meter, dann ist Schluss. Die Mutter des Radlagers hat sich gelöst, die Antriebswelle sich mit dem Rad selbständig gemacht, bis die Verzahnung aus der Gelenkwelle war. Außer dem Wagenheber finden wir kein Werkzeug im Auto. Wir bocken den Wagen kurz auf, um die Antriebswelle wieder auf die Verzahnung und auf das Lager zu schieben, damit Anke Brügmann das Auto aus den großen Schlaglöchern und etwas weiter weg von der Hauptfahrspur fahren kann. Die Schlaglöcher sind voll mit Wasser. Sie haben eine Größe und Tiefe wie bei uns ein veritabler Gartenteich. Gelegentlich nehmen sie auch die Größe eines Fischweihers an; je nach Wetterlage. Anke telefoniert mit Hugo, der schickt uns dann einen Mechaniker. Stefan erzählt mir von einem Buch mit dem Titel: „The interruptions are the Journey“. Ungefähr im Sinne von „Der Weg ist das Ziel“. Meines Erachtens entwickelt sich unsere Situation aber eher in Richtung „…weg ist das Ziel“. Wir genießen derweil Landschaft und Natur und studieren den Verkehr. Von Anke bekommen wir einen Crashkurs über Blumenwelt, Pflanzen und Nutztierhaltung in den Bergen. Nach einer halben Stunde kommt der Mechaniker. Mit dem Moped und einem Rucksack. Wir sind beeindruckt: Er hat alles dabei, was er braucht, um die Felge abzuschrauben, die Nabe aufzumachen, ein neues altes Lager einzubauen (das ungefähr so aussieht, als ob es seit einem halben Jahr am Straßenrand gelegen hätte), das Lager wieder zu verschrauben, alles wieder zu montieren und die Bremsleitung, die wahrscheinlich schon länger abgerissen war, zu verschließen. Dazu braucht man in Haiti: Zwei Gabelschlüssel, einen 500-Gramm-Hammer, einen Flachmeißel, eine Zange und eine Dose Lithiumfett. Nur die fehlende Bremsflüssigkeit hatte er nicht dabei, weil er ja nichts von der abgerissenen Bremsleitung wusste. Die vorderen Bremsen gehen ja noch. Wir fahren weiter in die nächste Ortschaft, in der schon jemand mit einer Flasche Bremsflüssigkeit auf uns wartet. Ich lag mit meiner Einschätzung vom Scheitern unserer Unternehmung völlig falsch. Jetzt geht es endlich, nach Einnahme eines köstlichen Kaltgetränkes, Richtung Meer

kommen wir an die Küste. Der Ort, an den uns Anke jetzt führt, kommt unserer Vorstellung vom Paradies ziemlich nahe. Zwischen Felsen eine Bucht mit Booten und Sandstrand. Warmes glasklares Wasser, ein Fischer, der mit einem Einbaum zum Fischen in See sticht. Karibik wie im Bilderbuch. Nach ein paar Stunden Paradies mit Strandwanderung fahren wir zurück nach Beaumont.

Karibik wie im Bilderbuch – so ähnlich muss es im Paradies aussehen
Hier sind alle weiblichen Bewohner mit Frisieren beschäftigt. Die Großen frisieren die Kleinen und sich gegenseitig, die Kleinen machen ihren Puppen die Haare. Eine Puppe, die keine Haare hat, ist keine richtige Puppe. Wenn Arme und Beine fehlen egal, aber ohne Haare ist sie nicht zu gebrauchen. Die Frisuren, die hier gemacht werden, sind so kunst- fantasievoll und filigran, dass einem jede einzelne preiswürdig erscheint. Wir arbeiten weiter, so lange es Tag ist und fangen an, unsere Sachen zusammenzupacken. Am Sonntag erledigen wir noch letzte Anschlüsse und schaffen es auch noch, die Ölpresse für die Landwirtschaft aus ihrem Dornröschenschlaf wachzuküssen.

Das bedeutet: elektrische Inbetriebnahme mit Alfred Barkow, dem Landwirtschaftsexperten, mit dem wir fast eine Woche gewohnt, gegessen, gelitten und gelacht haben. Jeden Abend saßen wir nach Sonnenuntergang gemeinsam auf unserer kleinen Terrasse, um den vergangenen Tag ausklingen zu lassen und den nächsten zu planen. Danke dafür, Alfred, und für alles, was wir sonst noch von dir gelernt und erfahren haben. Um 12 Uhr kommt Valere mit den festlich gekleideten Kindern vom Gottesdienst, den wir leider schwänzen mussten. Gerne hätten wir noch den Strom für den Computer und das Licht im Büro der Schule installiert, aber dafür hatten wir weder Zeit noch Material übrig. Um 14 Uhr verabschieden wir uns für die Abreise nach Port au Prince, zur Übernachtung vor dem Flug am nächsten Tag.

Rückreise in die Hauptstadt Port au Prince – Die Schönheit und das Leid dieses Landes
Ohne Zwischenfälle kommen wir in Port au Prince an. Die Fahrt ist wie ein Ritt durch eine Welt, die uns so unwirklich vorkommt, dass wir keine Sekunde die Anspannung verlieren, die sich aus dem Staunen über die Schönheit und das Leid dieses Landes speist. Wir übernachten im selben Haus wie bei unserer Ankunft.

Das laute Knattern eines gequälten Dieselmotors und seine Rauchentwicklung wecken mich um 3 Uhr morgens. Die Luft ist geschwängert von Dieselruß und Schlagermusik aus einem plärrenden Radio. Der Hof des Nachbarhauses ist hell erleuchtet. Meine beginnende Atemnot legt sich wieder zugunsten von ein- zwei Stunden Schlaf. Am nächsten Tag führt Hugo uns kurz zum Nachbarhaus, als wir ankommen, sind wir baff: Der Dieselmotor steht mitten im(!) Haus, ohne Auspuff.

Ein paar Männer stehen auf dem Hof, umgeben von ein paar Hühnern und Schrott. Es ist eine Bäckerei. Im Gebäude läuft der Dieselmotor wieder an und füllt Haus und Hof mit Rauch. Drinnen steht vor dem Motor im beißenden Rauch ein Mann vor zwei laufenden Walzen aus Stahl und knetet damit Manjokfladen, was sonst wohl eine ziemliche Knochenarbeit ist. Der Motor jedenfalls geht mit jedem größeren Stück Teig in die Knie. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn der Mann an den Walzen, der damit beschäftigt ist mit bloßen Händen Teig zwischen die Walzen zu stopfen, einmal zu weit hineinfasst. Neben dem Mann mit den Walzen steht ein großer Steinofen. Er hat keine Tür, sondern wird mit einem Stapel Ziegeln verschlossen. In der Wand neben dem Motor ist ein kleines Loch, durch das die Abgase raus ins Freie sollen, aber sie tun es natürlich nicht. Wir sind entsetzt!

War was? Im Flugzeug über Haiti kommt uns die vergangene Woche sehr unwirklich vor
Um 10 Uhr fahren wir los Richtung Flughafen. Wieder verspüren wir Beklemmungen bei der Fahrt durch Port au Prince. Wir fühlen uns wie Voyeure, die mitten in einer rostigen Blechlawine durch das Elend der „Straßenbewohner“ treiben. Auf dem Flughafen läuft dann fast alles nach Plan. Das Flugzeug steigt auf, ich schaue zu Stefan rüber, frage ihn: War was? Die vergangene Woche kommt uns ziemlich unwirklich vor.

Schon im Flugzeug erscheint uns die zurückliegende Woche wie eine Ewigkeit und daran hat sich im Dezember 2013, ein halbes Jahr später, nicht viel geändert. Obwohl wir in erster Linie mit Arbeiten beschäftigt waren, haben wir beide das Gefühl, in dieser Woche mehr erlebt zu haben als sonst in einem ganzen Jahr. Was wir jetzt darüber hinaus wissen: Es lässt uns nicht mehr los. Vieles ist traurig und bedrückend in Haiti, aber es ist auch wunderschön.

Wir hatten zu keiner Zeit das Gefühl, durch irgendetwas bedroht zu sein. Dies haben wir sicher Anke und Hugo zu verdanken, durch deren umsichtvolle Begleitung wir zu keiner Zeit einer größeren Gefahr ausgesetzt waren. Wir fühlten uns in ihrer Hand zu jeder Zeit sicher. Sie wissen genau, wo und wann Probleme auftauchen könnten und vermeiden jede Gefährdung.

Wir finden spontan keine kurze Antwort,wenn wir uns vorstellen, zu Hause gefragt zu werden wie es war. Wir hatten selber viel gehört und gelesen und uns doch keine annähernd realistische Vorstellung machen können. Wer sich in Deutschland mit RTL-Problemen herumschlägt oder Irritationen im eher feinstofflichen Bereich hat (wie etwa Erdstrahlen, die einem das Leben schwer machen oder andere Einflussmangelerscheinungen), der könnte zur Desensibilisierung eine Pilgerfahrt nach Haiti machen und eine Haitianerin fragen, die gerade 50 Liter Wasser nach Hause schleppt (verteilt auf Kopf und Arme, mehrere Kilometer eine mörderische Straße entlang), was für ein Wellnesstyp sie ist.

Zahnarzt Sebastian Engelhardt behandelte zusammen mit seiner Kollegin Nina Schondelmaier die Kinder von Men Kontre Ein umgebauter Autositz diente als provisorischer Zahnarztstuhl Damit alle drankommen konnten wurden die Kinder beinahe rund um die Uhr behandelt

Reisebericht von Zahnarzt Sebastian Engelhardt

Beaumont, Haiti – 11. bis 26. Januar 2013

Haïti – was war da nochmal? Eine Insel, wahrscheinlich sehr arm, Erdbeben, Port-au-Prince, Präsidentenpalast, Baby Doc – soweit meine ersten Gedanken zu dem Land Haiti, als meine Kollegin Nina Schondelmaier mich im Spätsommer letzten Jahres fragte, ob ich eventuell Interesse hätte, ihr dort bei einem humanitärem Projekt zu helfen, das ihr Vater organisierte. Ein Waisenhaus mit angeschlossener Schule, von einer deutschen Ärztin gegründet und verwaltet. Die Kinder dort würden wahrscheinlich nicht das komfortabelste Leben führen und für uns Besucher würde es wahrscheinlich auch nicht unbedingt ein Erholungsurlaub werden…
Hm, muss mal drüber nachdenken.
Drei Wochen später dann die Entscheidung: Ich bin dabei. Meine Reise nach Indien hat damals wahnsinnig Spass gemacht, vielleicht kann man das ja wieder ähnlich aufziehen, arbeiten und ein bisschen rumreisen. Ausserdem ist es mal ‘ne Abwechslung, bisschen Abenteuer – gegenüber einem normalen Urlaub, bei dem es in erster Linie um Entspannung und Genuss geht. Also zugesagt und das Thema dann erst mal wieder vergessen.
Im November überfiel es mich dann und mir wurde klar, dass nur noch zwei Monate blieben und ich ja mal mentale und praktische Vorbereitungen starten könnte. Also mal im Internet gesucht: Haiti.
Folgende Infos kamen unter den vorderen Trefferm zu Tage:

  • CIA-World Factbook: Eines der ärmsten und kriminellsten Länder der Welt
  • Auswärtiges Amt: Reisewarnung
  • U.S. Department of State: “The Department of State strongly urges U.S. citizens to consider carefully all travel to Haiti.”
  • Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten: „Von Touristen- und anderen nicht dringenden Reisen nach Haiti wird abgeraten, einschließlich individuelle humanitäre Reisen ohne lokale…“

Hm… So was hatte ich jetzt nicht unbedingt erwartet. Mal Nina anrufen, ob sie sich darüber im klaren ist – nö, ist sie nicht. Aber egal, die Flüge sind gebucht, der Urlaub ist bewilligt, also fliegen wir nach Haiti.

70 Kilo Zahnarztmaterial und ein öliges Sicherheitsproblem mit den Franzosen
Nina und ihr Vater hatten Spenden für unser zahnärztliches Hilfsprojekt organisiert und der Verein „Pwojè Men Kontre“ eine mobile Behandlungseinheit gekauft. Noch ein bisschen Kleinkram hier und da in den Praxen abgestaubt, und schon hatten wir 70 Kilo Material zusammen. Zum Mitnehmen ein bisschen viel, außerdem kann man das eh nicht alles verbrauchen, also kam erst mal die Hälfte davon in den Container, der irgendwann mit dem Schiff zusammen mit Klamotten und sonstigen Spenden auf die Reise nach Haiti geht. Blieben noch dreieinhalb volle Reisekoffer mit Dentalmaterial, darunter „hochgefährliche“ Güter wie Ölspray, um die zahnärztlichen Motoren zu ölen. Vereinsvorstand Fritz Schondelmaier verbrachte wohl insgesamt mehrere Tage mit der Organisation des Transportes dieser Bedrohung der internationalen Flugsicherheit, und ich telefonierte zweimal mit der Zentrale von Air France in Paris, allerdings konnte uns niemand sagen, ob wir dieses Zeug transportieren durften.
Am Vorabend der Abreise hatten wir dann nochmal alle Szenarien durchgespielt, wie wir uns am Flughafen verhalten sollten, falls jemand unseren Koffer kontrolliert und das Spray findet. Am nächsten Morgen ging es dann um 5 Uhr los nach Straßburg, wo wir auf unseren vierten Mitreisenden, den Men-Kontre-Vereinsvorstand Günther Stuffler trafen, ein Architekt aus Karlsruhe, der sich um die Vermessung von Grundstücken des Waisenhauses kümmern wollte.
Die Reisegruppe war damit vollständig und schien sehr angenehm zu sein. Dann also los zum Check-In, und voilà: Im Computer stand, dass wir Gefahrgut transportieren wollten. Also wurden alle sicherheitskompetenten Mitarbeiter des Straßburger Flughafens zusammen gerufen, um das Problem zu erörtern. Ging nicht, die Zentrale in Paris musste entscheiden, die öffnet aber erst um 8 Uhr. Also abwarten und Kaffee trinken. Um 8 Uhr dann die Entscheidung: Non! Der Spray bleibt hier, und die Handstück-Werkzeuge müssen sich mit Nähmaschinenöl begnügen. Tja.
Der Flug erstreckte sich über Paris-Orly und Pointe-à-Pitre auf Guadeloupe nach Port-au-Prince (und von da aus noch weiter nach Miami, weil keine Airline ein Flugzeug über Nacht auf dem Flughafen von Port-au-Prince parkt, wie wir erfahren haben…) und war sehr angenehm (zu essen gab es ein komplettes Menü mit Rotwein, man ist schließlich in Frankreich).

Ein mulmiges Gefühl am Flughafen von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince
In Port-au-Prince (Flughafenkürzel PAP) wurde uns dann allen ein bisschen mulmig, weil wir keine Ahnung hatten, was der haitianische Zoll sich so für uns ausgedacht hatte. Die Reise nach Indien hatte da bei mir noch ihre Spuren hinterlassen. Als wir dann in der nagelneuen Ankunftshalle am Kofferband standen, tippte mir auf einmal ein Einheimischer auf die Schulter und streckte mir ein selbstgemaltes Pappschild hin: „Fritz Günther“. Diese lästigen Taxifahrer und Kofferträger dachte ich, ich kenne keinen Fritz Günther. Als ich gerade dabei war, den Schnorrer wegzuschicken, dämmerte mir, dass vielleicht meine Mitreisenden Fritz und Günther gemeint sein könnten… Wie man sich irren kann. Der Mann war ein Bekannter unseres Waisenhaus-„Managers“.
Wir kamen unbehelligt durch den haitianischen Zoll mit unserem Material. Wir wurden dann im LandCruiser-Geländewagen erst mal für zwei Stunden durch Port-au-Prince chauffiert, um zu unserem Nachtquartier zu kommen. Der Anblick: Verfallene Wellblechhütten, mit Planen von USAid und Oxfam behängt, brennender Müll, massig Leute auf der Straße. Händler, die irgendwelche Armseligkeiten verkaufen, Gestank, Lärm. Uralte Busse und Lkw, in der Regel amerikanische Modelle, beladen bis aufs Dach mit Gütern und Menschen, verstopfen die Straßen, tauchen alles in tiefschwarzen Ruß und preschen mit Dauerhupe (der stärkere hat immer Recht) durch Pfützen und Müllhaufen am Straßenrand. Einen Meter weiter spielen kleine Kinder und Leute versuchen, den „Bürgersteig“ zu benutzen, um nach Hause zu kommen.
Anscheinend das klassische Stadtbild eines Entwicklungslandes. Der Unterschied zu anderen Städten sind die halb eingestürzten Häuser und Gebäude mit Rissen überall. Zwar ist der meiste Schutt vom Erdbeben laut unseren Mitreisenden mittlerweile beseitigt, aber man sieht immer noch die Auswirkungen. Auf Brachflächen, auf denen früher wahrscheinlich große Gebäude standen, findet man jetzt Zeltstädte, die aber mittlerweile drei Jahre alt sind und dementsprechend aussehen. Man möchte nicht wissen, wie es innerhalb eines solchen Zeltghettos aussieht (aber laut Silvio Berlusconi soll man es ja nehmen wie einen Campingurlaub). Es leben immer noch 350 000 Haitianer in solchen Camps. Das Ghetto Cité-Soleil gilt als gefährlichster Ort der Welt. Trotz allem kommen wir unbehelligt in unserem Nachtlager an, einem Haus haitianischer Auswanderer aus Miami, wo wir die Nacht auf Matratzen unter Moskitonetzen verbringen.

Ein Tag Fahrzeit für die 160-Kilometer-Strecke ins Waisenhaus nach Beaumont
Am nächsten Morgen ging‘s dann los Richtung Beaumont, einer Stadt im bergigen Süden der Insel. Für die Strecke von 160 Kilometern wird routinemäßig ein Tag eingeplant, und den brauchten wir auch. Nicht nur, weil wir unterwegs mehrere andere Projekte besichtigten, sondern auch, weil die Nationalstraße mittlerweile zwar großenteils, aber eben noch nicht vollständig ausgebaut ist.
„Nicht vollständig ausgebaut“ heißt: Schotterpiste, vielleicht vier Meter breit, durchs Gebirge führend, auf der einen Seite geht’s steil bergab ins Tal. Die Schlaglöcher vom Regen sind teilweise einen halben Meter tief und überall gucken spitze Steine raus. Das würde in Deutschland nicht mal als Feldweg anerkannt, in Haiti ist es die Nationalstraße von Port-au-Prince nach Jérémie. Zugegebenermaßen ist der größte Teil der Strecke mittlerweile geteert und sieht richtig gut aus (von Kanada bezahlt), aber die 50 Kilometer auf dem Feldweg vermasseln einem die ganze Tour. Der Klassiker: ein buntbemalter Lkw, Baujahr 1967, Ladefläche voll beladen mit Säcken und Kisten und oben drauf noch 20 Personen (in fünf Metern Höhe) kommt entgegen, und jetzt muss einer von beiden ausweichen und so lange rückwärtsfahren, bis die Straße breit genug ist zum Passieren. Kann schon mal passieren, dass dabei einer von der Straße runterfällt, besonders nachts und während der Monsunzeit.
Wir kamen dann in Beaumont an, einer Provinzhauptstadt im Département Grand-Anse. Die üblichen Bretter- und Wellblechhütten, aber drum herum Berge und Urwald, also viel besser als die Hauptstadt. Urwald heisst das, was davon übrig geblieben ist, weil eigentlich alles (!) abgerodet ist. Man sieht so gut wie keine bewaldete Fläche mehr, egal wohin man guckt. Das Problem ist, dass die Haitianer weder Öl, noch Gas noch sonst irgendwas zum Kochen haben, also verfeuern sie ihre Wälder. In der Folge ist alles kahl, weshalb es bei Regen ständig zu Erdrutschen kommt, und danach sind auf den Bergen nur noch nackte Felsen übrig. Da, wo vorher dichter Urwald war. Auf den noch grünen Flächen sieht man immer wieder irgendwo Rauch aufsteigen, weil irgendwer sich ein Stück „Wald“ brandrodet, um darauf wenigstens ein paar Bohnen anbauen zu können für eine Saison. Aber was will man machen, wenn man sonst nichts zu essen hat?

Zur Begrüßung hören wir Jubel und Gesang – als wären wir Popstars
Dann kamen wir im Waisenhaus an, einem Komplex etwas außerhalb von Beaumont. Von außen muss man an einer Blechtür in der Umzäunungsmauer klopfen, dann geht das Spektakel los: Ungefähr 70 schwarze Kinder stehen dichtgedrängt im Hof des Hauses und empfangen uns mit Jubel und Gesang als wären wir Popstars. Jeder bekommt ein Küsschen auf die Wange, haitianische Begrüßung. Dann geht’s zwischen den Gebäuden durch zu unserem Schlafquartier: Ein Doppel- und zwei Einzelzimmer, immerhin. Das Bad ist eine Betonkammer mit zwei Eimern Wasser, die man sich als „Dusche“ überschütten oder als Klospülung benutzen kann. In der Wand der Betonkammer ist an einer Seite ein Loch, wo dann das Abwasser rausfließen soll.
Unser „Bad“ ist übrigens die de-Luxe-Version verglichen mit den Löchern, in denen die Kinder sich waschen müssen (von ihren Latrinen ganz zu schweigen). Apropos Wasser: Ist meistens Mangelware, weil die Leitungen zur Zisterne oft verstopft sind oder von irgendwelchen Leuten angezapft werden. Essen gibt’s mit den Kindern zusammen im Jungs-Trakt, wir sitzen mit den Kleinen am Tisch. Vor und nach jedem Essen wird gebetet, mit einem Lied und einem Gebet. Das Essen ist erstaunlich gut (natürlich für uns ein bisschen modifiziert): Viel Reis, Gemüse, Hähnchen, und Fruchtsäfte. Oft gibt’s aber auch nur ein Brötchen, entweder mit Margarine oder mit frisch gepresster Erdnussbutter. Einfach, aber gut.
Nach einem halben Tag Akklimatisation fangen wir an, unsere „Praxis“ einzurichten: Erst mal stellen wir fest, dass wir keinen Zahnarztstuhl haben. Hugo, der Mann für alles, besorgt einen alten Autositz und schraubt ihn auf normale Stuhlbeine, damit er etwas höher steht. Immerhin kann man die Rückenlehne etwas nach hinten verstellen. Wir bauen unsere mobile Einheit auf dem zentralen überdachten Platz auf, wo normalerweise der Speisesaal für die Mädchen ist sowie tagsüber der Schulunterricht und ansonsten allgemeine Feste etc. stattfinden. Strom gibt es natürlich nicht, aber einen Generator: Der ist ordentlich laut und produziert Dieselqualm en masse den ganzen Tag… Es gibt angenehmere Arbeitsplätze.

Einfachste Zahnbehandlung: Entweder der Zahn bekommt eine Füllung oder er wird gezogen
Aber dann geht’s los: Wir checken die Kinder vom Waisenhaus durch, plus einige Kinder der angeschlossenen Schule, plus Personal, plus manche Dorfbewohner, die von uns Wind bekommen haben. Die Versorgung beschränkt sich wirklich auf das einfachste: Entweder ein Zahn bekommt eine Füllung oder er wird gezogen. Dazwischen gibt’s nichts. Schon frustrierend, bei Teenagern Frontzähne ziehen zu müssen… Die Arbeit ist echt hart: Wegen des provisorischen Stuhls müssen wir die ganze Zeit gebückt stehen, wir können die Stellen mit den kaputten Zähnen deshalb nicht so toll erkennen, die Kinder haben teilweise überhaupt keinen Bock und der Generator nervt. Zusätzlich finden die anderen Kinder, die gerade nicht dran sind, alles aber so interessant, dass sie die ganze Zeit um uns herum stehen oder aber fünf Meter weiter anfangen Trommel zu spielen und zu singen. Das ist eigentlich ganz nett, aber den ganzen Tag kann es echt anstrengend werden.
Wir sehen es irgendwann nur noch als Arbeitseinsatz und nicht mehr als Spaßveranstaltung, und dann muss man halt einfach durch und das Pensum durchziehen, damit wenigstens alle drankommen. Im Endeffekt klappt es ganz gut, wir werden immer effizienter und schaffen es wirklich, fast alles Behandlungsbedürftige zu behandeln, trotz aller widrigen Umstände. Uns fällt auf, dass die Kinder, die im Waisenhaus leben im allgemeinen bessere Zähne haben als die Kinder, die bei ihren Eltern leben: Im Waisenhaus gibt es eine halbwegs gesunde Ernährung mit insgesamt wenig Zucker, anscheinend etwas, das die meisten Eltern in Haiti ihren Kindern nicht bieten können. Zucker ist halt immer noch am billigsten und er macht schnell satt…

Die Schule von Pwojè Men Kontre ist die beste in der ganzen Gegend
Apropos Waisenhaus: Es ist vor elf Jahren von Dr. Anke Brügmann gegründet worden, einer Chirurgin aus Wolfach im Schwarzwald. Betrieben und finanziert wird es vom Verein „Pwojè Men Kontre“ (französisch: „projet des mains rencontrées“, Projekt der sich begegnenden Hände) und das ausschließlich mit Spenden. Das Haus wurde mit wenigen Kindern gegründet, mittlerweile leben dort über 70 Kinder und Jugendliche und es könnte immer grösser werden. Inzwischen gibt es eine Schule im Waisenhaus, in die auch externe Kinder gehen. Die Schule ist qualitativ allen anderen haitianischen Schulen in der Gegend weit überlegen, abzulesen an den staatlichen Abschlussprüfungen. Das Waisenhaus hat eine eigene Landwirtschaft, eine Wäscherei und eine medizinische Grundversorgung. Das Erdbeben im Januar 2010 hat viele Kinder elternlos gemacht, und anschließend kamen noch viele Cholerawaisen dazu. Manche Kinder haben noch Eltern, allerdings sind diese oft nicht in der Lage, ihre Kinder zu ernähren, weshalb sie sie weggeben (in der Regel werden sie als Haussklaven an wohlhabende Familien in den Städten gegeben, dagegen ist das Waisenhaus natürlich ein 6er im Lotto!).
Die Bedingungen im Waisenhaus sind sowieso top: Es gibt drei mal am Tag etwas zu essen, eine absolute Rarität in Haiti. Die Kinder können zur Schule gehen, sie bekommen zusätzlich noch Hausaufgabenbetreuung und sie werden medizinisch versorgt. Es klingt zwar makaber, aber vielen Kindern geht es materiell besser, als wenn sie bei ihren Eltern leben würden.
Die Kinder sind total nett, sie finden es super interessant, dass wir da sind und belagern uns fast die ganze Zeit. Sie wollen mit uns spielen, singen, seilspringen, Fußball spielen oder Fotos mit uns machen. Man kann nicht 20 Meter von A nach B laufen, ohne mindestens drei Kinder als Eskorte um sich herum zu haben. Die Kinder tragen fast ausschließlich gespendete Kleidung aus Deutschland, viele mit deutschen Aufschriften. Sonntags machen sich alle schick oder werden schick gemacht, dann geht’s in die Kirche: Die Messe fängt um 8 Uhr morgens an und dauert drei Stunden. Was bei uns wahrscheinlich niemand aushalten würde ist für sie das Highlight der Woche. Der Glaube ist für viele wahrscheinlich das einzige, das sie über Wasser hält, und die Kirche wahrscheinlich eine der wenigen Institutionen in Haiti, die funktionieren und Autorität haben.

Warum kommt dieses Land nicht auf die Beine?
Wir machen dann zur Ablenkung auch noch zwei Ausflüge: Einmal geht’s ans Meer. Haiti ist ja eine Karibikinsel, und das Klima ist so warm wie man sich das in der Karibik vorstellt: Türkisblaues Wasser, immer warm (wir waren im Winter da), Palmen und „Strände“. Leider gibt es keinen Strand, der als solcher benutzbar wäre. Entweder ist alles zugewachsen oder vermüllt.
Es gibt keinen Tourismus in Haiti (im Gegensatz zur Dominikanischen Republik, die auf der östlichen Hälfte der gleichen Insel gelegen ist), weil es keine Infrastruktur gibt, weil es viel zu gefährlich ist für Touristen und außerdem die oben genannte Umweltzerstörung nicht unbedingt attraktiv ist. Ich frage mich immer noch, wie es sein kann, dass das Land überhaupt nicht auf die Beine kommt!
Nach knapp zwei Wochen nähert sich unser Einsatz dann dem Ende. Wir haben alle eine ordentliche Erkältung durchgemacht, alle mit mehr oder weniger Durchfall zu kämpfen gehabt, und alle Kinder zahntechnisch mehr oder weniger durchsaniert. Zeit für den Abschied: Es gibt noch eine große Abschiedsfeier mit einem Festessen (wirklich ein Schmaus), vielen Danksagungen an uns, vielen Gebeten und Gesang. Günther Stuffler hat gleich noch seinen Geburtstag an dem Abend mitgefeiert (wenigstens ein angemessener Rahmen), dann war der Zauber fast schon vorbei. Wir haben uns morgens von allen Verantwortlichen verabschiedet, leider nicht von den Kindern, weil die alle in der Schule waren.
Dann ging‘s mit Hugo im LandCruiser wieder zurück auf den Weg nach Port-au-Prince. Auf dem Feldweg passierte dann noch ein kleiner Zwischenfall: Vor uns befand sich ein Lkw, beladen (oder überladen) auf die übliche Art und Weise. Von weitem sah man schon einen zweiten Lkw entgegen kommen. Beide warnten sich gegenseitig mit Lichthupe dass der andere Platz machen solle. Doch beide entschieden sich, nicht nachzugeben, weshalb sie sich dann irgendwann Schnauze an Schnauze gegenüber standen. Also ging gar nichts mehr.
Die Besatzungen der beiden Lkw inklusive der jeweiligen Passagiere bekamen sich dann erst mal in die Wolle, und hinter beiden Seiten bildete sich ein langer Stau. Nach einer halben Stunde einigten sie sich dann irgendwie darauf, dass der in unsere Richtung fahrende Lkw 30 Meter zurück fahren sollte, damit der andere vorbei kann. Hätte er direkt an der breiten Stelle angehalten, wäre die Sache in 30 Sekunden über die Bühne gegangen, aber auf Haitis Straßen gilt offenbar immer das Recht des Stärkeren, und beide mussten rausfinden, wer jetzt stärker ist.
Kurz vor der Hauptstadt Port-au-Prince, auf dem geteerten Teil der Nationalstraße, sahen wir dann am Straßenrand einen auf der Seite liegenden Lkw, mit einer aufgebrachten Meute drum herum (genau die Art von Situation, vor der alle Reisenden in Haiti gewarnt werden, man sollte sich unbedingt von solchen Aufläufen fernhalten!). Unser Fahrer Hugo musste dann aber schauen, was passiert war, weil er selber ein Transportunternehmen mit drei Lkw besitzt und Angst hatte, dass es vielleicht einen seiner Lkw erwischt hatte. Hatte es nicht, aber er erzählte uns, dass der Fahrer des Unfall-Lkw eine Mutter mit drei Kindern am Straßenrand überfahren hatte und dann aus seinem Lkw geklettert und geflüchtet war.
Wir kamen jedenfalls sicher in Port-au-Prince an, verbrachten die Nacht vor dem Abflug wieder im selben Haus wie bei der Ankunft und wurden am nächsten Morgen zum Flughafen gebracht. Auch da lief wieder alles reibungslos: Einchecken, Passkontrolle, fertig. Wenn sonst auch wenig funktioniert, der Flughafen läuft mittlerweile wieder. In Straßburg war die Reise dann zu Ende, wir verabschiedeten Günther, er fuhr nach Karlsruhe, wir nach Freiburg bzw. weiter nach Genf. Mit dem üblichen Jetlag ging‘s dann zu Hause weiter im Arbeitstrott…

Auch wenn es wirklich kein Urlaub war – Bis zum nächsten Mal, Haiti!
Insgesamt war es eine positive Sache und es hat Spaß gemacht. Allerdings muss ich auch sagen, dass es wirklich kein Urlaub war. Ich bewundere jetzt die Leute noch mehr, die regelmäßig ehrenamtlich Entwicklungshilfe leisten, so wie Anke zum Beispiel. Man muss wirklich robust gebaut sein und ein dickes Fell haben, um die ganzen widrigen Umstände zu verkraften. Aber ich bin froh, es gemacht zu haben. Falls jemand Lust darauf hat: Jede Hilfe ist willkommen! Bis zum nächsten Mal, Haïti!

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Vorstandsmitglied Ute Arndt bedankte sich in einem Schreiben an die beiden Zahnärzte sowie ihre Vorstandskollegen Fritz Schondelmaier, Günther Stuffler und Vereinsgründerin Anke Brügmann ausdrücklich für ihr besonderes Engagement bei dieser Haiti-Reise:

„Vor diesem Hintergrund möchte ich Euch nochmal ein riesengroßes Danke sagen für Euren Einsatz in Beaumont. Und an Anke ein noch größeres Danke – und Respekt und Hochachtung für ihre Einsatzbereitschaft, ihre Energie und Kraft, mit denen sie jederzeit alle auch unlösbar erscheinenden Probleme in Beaumont bewältigt! Wir hier im gemütlichen Europa haben, so glaube ich, nur sehr vage Vorstellungen von den vielen alltäglichen Schwierigkeiten, denen Anke immer wieder mutig die Stirn bietet.”

 

Die Zahnbehandlung erfolgte im Freien, unter einem Vordach Anke Brügmann erklärt den Kindern und Erwachsenen die korrekte Zahnreinigung Vorstandsmitglied Fritz Schondelmaier mit zwei kleinen Haitianern, die stolz ihre frisch gereinigten Zähne zeigen

Reisebericht von Vorstandsmitglied Fritz Schondelmaier

Reisebericht von Vorstandsmitglied Fritz Schondelmaier
Haiti-Reise im Januar 2013 –
Nach einer angenehmen Flugreise mit Zwischenstopp auf Guadeloupe erreichen wir Haitis Hauptstadt Port au Prince. Wir übernachten außerhalb von Port au Prince bei Verwandten von Hugo, dem haitianischen Menkontre-Mitarbeiter. Am nächsten Morgen brechen wir früh auf, machen einen kurzen Zwischenstopp am Meer und besuchen noch die Menkontre-Lehrlinge in Le Kay und die Schüler in Camp Perrin. Gegen 16 Uhr erreichen wir das Heim von Menkontre in Beaumont, im Waisenhaus werden wir mit einem Chor empfangen.
Am folgenden Tag, ein Sonntag, bauen wir die Zahnambulanz auf, die mit dem Container kurz zuvor angekommen war. Um die Geräte in Betrieb nehmen zu können, muss der Stromgenerator mit einem 220-Volt-Steckkontakt versehen werden. Dabei zeigen die haitianischen Elektriker großes Improvisationsgeschick. Auch beim Einrichten der provisorischen Zahnarztpraxis zeigt Hugo großes Geschick: Er montiert einfach einen Autositz auf einen abgesägten Holzstuhl – fertig ist der Zahnarztstuhl.
In der folgenden Woche behandeln die beiden mitgereisten Zahnärzte tagtäglich die Kinder und Erwachsenen in der überdachten Halle, in der auch die Vorschule untergebracht ist. Rasch zeigt sich, dass so viele Patienten behandelt werden müssen, dass nicht alle drankommen können. Deshalb können dieses Mal nur die Kinder aus dem Waisenhaus, akute Schmerzpatienten und die Angestellten des Heims behandelt werden.
Morgens und abends müssen wir immer wieder die gesamte Behandlungseinheit mit Instrumenten und Waschstation sowie allen Schläuche auf-und abbauen, um sie vor Ratten gesichert zu lagern. Die Behandlungseinheit bewährt sich, sie ist jedoch störanfällig. Eine sorgfältige Pflege und Wartung (Säubern der Schläuche, befestigen loser Schrauben) ist dringend nötig, um die Behandlungseinheit in Betrieb zu halten.
Der Mittwoch der folgenden Woche gerät als letzter Behandlungstag zu einem Wettlauf mit der Zeit. Wir versuchen so viele Patienten wie möglich zu behandeln.
Am Donnerstag fahren wir zurück nach Port au Prince, unterwegs werden wir von einer Straßenblockade aufgehalten: an einer Engstelle stehen sich zwei Lkw Stirn an Stirn gegenüber, keiner wollte zurückweichen. Es zeigt sich, dass es wichtig ist, bei der Fahrt auf Haitis Straßen genügend Zeit für derlei Unwägbarkeiten einzuplanen. Am nächsten Tag fliegen wir um 11 Uhr zurück und erreichen Deutschland am Samstag pünktlich um 9.25 Uhr.

Reisebericht von Anke Brügmann 2011

30. Juli 2011
Bericht aus Haiti von Anke Brügmann, Teil 1
Kurz vor der Abreise nach Kuba, wo Anke Brügmann zu den Folge-Operationen des gehbehinderten Silvens reisen wird, hat sie folgenden Bericht über die aktuelle Lage in Haiti geschrieben.
Manche Projekte sind gut vorangekommen, in anderen Bereichen gibt es erwartete und unerwartete Schwierigkeiten, die es zu meistern gilt.

1. Kubareise
Ich werde im August mit Silvens, dem gehbehinderten Jungen, in Kuba sein. Dort soll sich Silvens weiteren Operationen unterziehen. Die Bestätigung, daß das Krankenhaus in Kuba Silvens tatsächlich aufnehmen wird, kam leider erst sehr kurzfristig.

2. Lehrerfortbildungen
Mit viel Mühe konnte ich einen Fortbildungszyklus für die Lehrer organisieren. Es ist stets sehr schwer, die Lehrer für solche Fortbildungen zu motivieren, wenn die Lehrer dann aber erst einmal dabei sind, machen sie auch begeistert mit. Wir üben zum Beispiel Lernspiele für die Erstklässler ein.
Das Hauptthema war dieses Mal der menschliche Körper. Die Kenntnisse der Lehrer hier zu festigen und zu vertiefen, scheint dringend nötig zu sein. Bei einem Vortest konnten über die Hälfte der Lehrer in einer Schemazeichnung wichtige Organe wie Leber, Herz und Lunge nicht korrekt zuordnen.

3. Vermessungen der Grundstücke
Wir ordnen die Grundstückspapiere, um die Grundstücke tabellarisch den behördlichen Papieren zuzuordnen und ggf. Ergänzungen vorzunehmen.
Beim Versuch, die Grundstücke mittels eines portablen GPS-Systems via Satellitenortung zu vermessen bin ich leider noch nicht viel weiter gekommen, zum einen aus Zeitmangel, zum anderen wegen technischer Schwierigkeiten.
Es gelang mir nicht ausreichend gute Messdaten zu erhalten. Das Gerät zeigte zwar stets eine Menge Satelliten an, die aber anders als bei den Versuchen in Deutschland zu keiner einigermaßen ausreichend genauen Positionierung führten, die für eine exakte Erhebung von Vermessungsdaten notwendig ist. Ich werde einen erneuten Versuch unternehmen, und mir dann die nötige Zeit nehmen, die dafür offenbar nötig ist.

4. Landwirtschaft
Wir haben einen lokalen Helfer eingestellt und seine Stelle wegen guter Erfahrungen auf einen Vollzeitposten aufgestockt.
Die Kinder sind jetzt in den Ferien zwei mal pro Woche in der Landwirtschaft eingeteilt, wegen der Sommerhitze kann man aber keiner Gruppe mehr als zwei Stunden Arbeit im Freien zumuten.
In unserem Gemüsegarten wachsen bereits jede Menge Auberginen, im Schulgarten scheinen die Papayas zu gelingen und gestern wurde neben dem Fußballplatz ein großes Bohnenfeld bepflanzt.
Wir suchen weiter einen Agrartechniker. Es wurde uns empfohlen, eine Stellenausschreibung über das Radio bekannt zu machen. Außerdem hat der Direktor der Caritas versprochen, für uns die Augen offen zu halten.

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