Reiseberichte

2. Reisebericht Teil 2 von Dr. Waltraud Schippert Mitte Juni 2021

  1. Reisebericht Teil 2

12.5. Es gibt eine Liste mit den Namen der Kinder , die entweder dringend eine neue oder zum 1. Mal eine Zahnbürste brauchen. Sonie gibt mit 16 Bürsten, 18 Namen stehen auf der liste. Ich geh also zu den Kindern und lass sie eine neue Zahnbürste wählen- und prompt fangen andere an zu weinen, weil sie keine neue Zahnbürsten bekommen! (Das sag ich Sonie- sie wird nochmal welche nachkaufen.) Das möchte ich gerne mal in Deutschland erleben! email-check: ich komm in Gmail rein!

Kleine Andacht zu Himmelfahrt und dann Ausflug mit den 13 Großen zu einem Bach. Es ist ganz schön weit, deshalb fährt uns Anke ( 2 Fuhren) den größten Teil des Weges hin auf sehr holperigen Straßen. Auf einem Hügel steht eine Haitianische Kiefer, die angeblich fast ausgerottet ist, weil das harzdurchtränkte Holz als Kienspan benützt wird. Das Bachbett ist sehr seicht, die Straße führt durch, aber zu einer Seite hin wird es tief und breit, so daß man gut drin schwimmen könnte. Und tatsächlich kommt ein ca 10-jähriger nackiger Junge, der allerdings schnell umkehrt und in einer Unterhose wiederkommt und dann ausführlich taucht und im Wasser rumplanscht. Dann geht es beim Haus von  Mona´s Vater vorbei , ( er begrüßt uns kurz, hat eine Kuh mit einem Kalb, ein sehr mageres kleines Kind sitzt auf dem Boden und schaut uns mit großen traurigen Augen an) auf einem schmalen Pfad in Gänsemarsch den Hügel hoch. Marianne vorne, ich hinten. Es ist eine wunderschöne Gegend mit Ananaspflanzen, Bananenstauden, ( Bananen heißen hier Figue und Banane sind Kochbananen), Palmen und einer Menge mir unbekannter Büsche und Bäume. Immer mal wieder eine kleine Hütte mit einem Wellblechdach und 2,3 Hühner. David geht immer langsamer, damit er hinten ist und will immer an meiner Hand gehen. Irgendwann wird das fast lästig und ich scheuch in vor und sag, er soll schneller gehen. Marianne gibt den Kindern eingepackte salzige Kekse zum unterwegs essen, aber ich schrei nach einer Pause! Es ging immer bergauf und ich bin außer Atem, wahrscheinlich als Einzige. Also setzen wir uns und ich sag den kids, ich will kein Plastik auf dem Boden sehen, es wird alles mitgenommen. Prompt wirft einer die Plastikverpackung hinter sich. Ich sag ihm, das holst du sofort wieder  , halt ihn an einer Hand fest, weil es sehr steil runtergeht und er holt die Verpackung. Danach gibt´s nur noch 2 aufzulesen. Das ist hier leider so üblich, daß man den Abfall einfach fallen lässt. Wieder Hügel runter, an Ananas“plantagen“ vorbei, dann über einen kleinen Bach mit sumpfigem Ufer. Zu Beginn sieht man die Trittsteine noch trocken, aber nach dem 5. Kind sind die rutschig und schlüpfrig. Das Ufer nach jedem Kind, das rüberspringt, auch. Cindy rutscht vom Stein ab, landet im Sumpf und zieht den Fuß ohne Sandale wieder raus. Marianne ist der rettende Engel, zieht erst das Kind auf´s feste Ufer und angelt dann die Sandale. Ich als Letzte zieh erst mal meine Ledersandalen aus und reich sie ihr rüber, rutsch dann auch vom Stein ab und lande bis zur Wade im Schlamm. Sie zieht auch mich rüber und schöpft dann mit einer leeren Flasche sauberes Wasser, daß wir und den Schlamm abspülen können. Wieder einen Berg rauf und dann sehen wir von oben die Gebäude von menkontre. Wieder zuhause geh ich erst mal duschen. Essen: Boule, Süßkartoffeln, Yams und Kraut in–? na was wohl?—Bohnensoße! Wenn ich wieder in Deutschland bin, gibt’s bestimmt für 1 Jahr keine Kidneybohnen bei mir zum Essen.  15 MinutenBeine hoch, dann stehen 13! Leute zur Behandlung vor dem Tor.  Chorprobe: Anke hat 3 Lieder rausgesucht und übt als erprobte Chorleiterin jede Stimme einzeln. Ketlie, Altagrace und ich sind im Alt, Jameson und Luksay im Bass, Anke Tenor und die Kids mit Ronise Sopran. Die singen richtig gut!! Ich fang um 15.30 mit dem 1. Kind an( Husten Fieber,Bauchschmerzen) und dann machen wir in 2 Zimmern weiter, ich im Klassenzimmer mit einer Matratze auf 2 Schultischen als Untersuchungsliege. 1 apathisches kleines Kind mit Fieber seit 10 Tagen, eines mit „vielen Wunden überall“ ( hat infizierte Krätze). Dann kommt eine Frau schwankend mit 40°Fieber , die wird stationär aufgenommen. Kein Husten, kein Durchfall, Urin unauffällig, Sono auch. Anke hat den dringenden V.a. Thyphus. Ich hab Thyphus immer mit Durchfall in Verbindung gebracht, lerne jetzt aber, daß das total falsch war. Kein Durchfall , aber immer andauerndes hohes Fieber und neurologische Symptome sind typisch. Sie bekommt erstmal Infusionen und AB, Eis zum Umschläge machen und Paracetamol . Wir behandeln 9 der 13 Patienten, dann kommt eine Frau zur Entbindung und die Anderen werden weggeschickt. Ich geh ins Bett und Anke „schläft“ auf der Liege im Büro.

14.5.Ein kleines Mädchen wurde um 22 Uhr geboren, so kam Anke doch zum Schlafen. Die Frau im Zelt hat immer noch 39,2 axillär trotz AB und Paracetamil. trinkt jetzt endlich mehr, schwankt beim Sitzen. Sie bekommt zusätzlich Ceftriaxon, auch wenn wir davon nur noch wenig haben. Anke bekommt einen Anruf: unser Zuckerpatient liegt ohnmächtig zuhause. Er wird mit Mototaxi hergebracht: Fahrer vorn, dann der ohnmächtige Mann, dann ein Begleiter , der ihn festhält, damit er nicht runterfällt. Mit dem Tragetuch reingebracht. Zucker 21– Glucose gespritzt—dann kommt er zu sich. Bekommt Serum oral ( ist Zucker und Elektrolyte drin) zu trinken und bleibt erstmal zur Überwachung da. Notfall: wieder wird jemand bewußtlos reingetragen: Mann 30 Jahre als, Haut und Knochen. Blutzucker 418 .Er war im November im KKH, dort wurde ihm gesagt, er habe Zucker. Tabletten seien schon lange aus. Wir haben nur 30/70 er Insulin bekommen, spritzen ihm25 IE, legen Infusion , er soll auch viel trinken! Nach 1 ½ Stunden ist der Zucker auf 246 gesunken, gut. Die Frau mit fraglichem Thyphus sitzt schwankend auf ihrem Stuhl, ich kann sie gerade noch auffangen. Immer noch 39,2 axillär. Ich geh zum Korrigieren von Mathenachschreibern und Eintragen in den PC. Das Mittagessen kommt heute um 14.30 Uhr. Das ist für die Großen, die zur Schule gehen kein Problem, denn die essen um 13 Uhr mit den anderen Schülern schon mal einen Teller Spaghetti. Aber die Kleinen haben 1. Hunger und sind 2. müde. Entsprechend ist großes Gequengel und Geheule bei ihnen. Dann kommt der Reis mit Sepinat( Spinat?), Kohl, 1 Scheibe Karotte  und 1 Becher Wasser nach dem Essen.

Statt Siesta rechne ich die Punkte in Mathe zusammen. Notfall: Frau nach Schlaganfall mit Halbseitenlähmung und schiefem Mund—Fraxiparin, ASS 100, langsame Infusion. Die gehen zur Neige, wir haben nur noch 2! Dann ist kompletter Stromausfall. Die meisten Erwachsenen haben ein Handy, also auch Licht . Wir klappern alle Sicherungen ab: alles ok, wir wissen nicht, an was es liegt. Anke ruft Hugo an, der meint, wir sollen bloß nicht den Elektriker aus Beaumont rufen, der mache alles nur schlimmer, er kümmere sich drum. Bettzeit.

15.5. Der dünne Mann ist über Nacht gestorben und wird von den Angehörigen im Tuch rausgetragen. Die Frau mit Schlaganfall hat sich die Braunüle rausgezogen, bekommt Fraxiparin gespritzt und Anke erklärt der Tochter, wie sie die Extremitäten durchbewegen muss.  Dann fährt sie mit einer ihrer Hündinnen, die gerade läufig ist weg zu einem Rüden, um sie decken zu lassen. ( der hatte kein Interesse, eher Angst vor Anke, war also nix). Sie kommt zurück und ruft, ich soll schnell kommen. Sie ist mit einem jungen Mann im Behandlungsraum, bei dem beide Knie bluten und der stöhnt und jammert zum Erbarmen. Sie musste mit dem Auto bremsen, er hat sie auf dem Motorrad überhohlt und ist dann ca 50m vor ihr auf dem Asphalt gerutscht und gestürzt. Das Motorrad sei kaputt und Anke sei schuld. Er will Anke verklagen und sie soll ihm ein neues Motorrad kaufen Sie ruft Hugo an. Wir desinfizieren die Wunden, 1 großer Sterstrip am linken Knie, Urgotüll-Sag-Verband. Er kann nicht mehr sitzen, muß sich hinlegen. Als Hugo kommt, erzählt er ihm eine andere Geschichte, gut, daß Anke sofort widerspricht und ihre Version erzählt. Hugo redet mit ihm, lacht nur und sagt ihm, er soll gehen und siehe da, er kann problemlos aufstehen . Anke sagt ihm, er könne in 2 Tagen zum Verbandswechsel vorbeikommen. (Das hätte ich ihm nie angeboten, aber na ja, er kam auch nicht mehr. ). Unser Alkohol ist alle. Gut, daß ich ein Fläschchen Desinfektionsmittel dabei habe. Dann kommt eine 15-jährige mit Wehen mit einer Freundin ( oder Schwester?). Das kann dauern. Sie soll viel herumlaufen bei uns. Die Freundin wird nach Hause geschickt, um Bettzeug und Babysachen zu holen. Ist 3 Wochen zu früh dran. Die Kinder sind spazieren, Zeit zum Schreiben, Bett beziehen. Bisher hat keiner die Ursache für den Stromausfall gefunden. Ich mach ein Paar Bilder von den 6 kleinen Mädchen, dann ist meine Foto-Speicherkarte voll. Ich hab ja eine Reserve mitgenommen—und mach Bilder von den Jungs: Ich hol den Film Fifi  ( Pippi Langstrumpf mit den Piraten) , sehr zur Freude der Kinder ! Danach kämmen Ketlie und Lucille ( Betreuerin der ganz kleinen Mädchen heute) den Kindern viele kleine Zöpfe mit ein bißchen Öl in den Haaren. Bei dem schwangeren Mädchen tut sich bis 19 Uhr nicht viel. Hoffentlich kommt das Baby nicht in der Nacht, wenn kein Strom da ist!

So, 16.5.Ich bin schon vor 6 Uhr vom Kindergeschrei aufgewacht. Um 7.30 geht´s los zur Kirche.5 Erwachsene mit je 2 Kids. Katholischer Gottesdienst. Sonie leitet den Chor, alle Sängerinnen haben das gleiche an. Sie freut, sich sehr, mich zu sehen. Auch Valeur begrüßt mich. Er ließt in der Bibel und kümmert sich ums Mikrofon. Ich kann nur sehr sporadisch der Predigt folgen .1 Mann wird ohnmächtig von 4 Leuten ins Freie unter ein Dach getragen und ich werde dazu geholt. Puls ist gut gefüllt und regelmäßig, also frag ich nach Wasser und Tuch zum in den Nacken legen. Da gießt ihm eine Frau eine halbe Flasche über´s Gesicht und dann den Nacken runter. Er ist sofort klar  und schimpft mit ihr, was das Zeug hält, weil sein ganzes Hemd nass ist. Ich geh wieder rein in die Kirche und höre endlosen Ankündigungen zu( ca ½ Stunde) : Kulturfest, Fest in der Schule, Wahlen, Pfingstfest,Hochzeit, Fahnenfest,Wahlen… Für mich hört sich das so an, als würde der Pastor sehr gerne sehr viel reden, aber Anke meint später, wenn sie eine Impfaktion durchführen würde, dann würde sie das auch in den Kirchen ankündigen lassen. Valeur sagt Altagrace, dass sie in der Kirche bleiben soll. Wie nehmen „ ihre“ 2 Kinder mit zurück.

Die Schwangere hat immer noch alle 2 Minuten kurze Wehen. Die Frau mit Schlaganfall darf mit Fraxiparin nach Hause, die Angehörigen haben gelernt, wie es zu spritzen ist und wie Arm und Bein bewegt werden solle,. Die Frau im Zelt darf auch nach Hause, ihre Temperatur ist auf 36,3 runter und si wird auf Antibiotikatabletten umgestellt. Beide wohnen in der gleichen Gegend von Beaumont und Anke meint, ich soll sie doch heimfahren. Also  sag ich ihnen, daß sie packen sollen und—es ist kein Auto da. Ein Angestellter von Hugo würde das Auto bringen , es sei in 20 Minuten da—ich frag bloß deutsche oder haitianische 20 Minuten??nein, nin , 20 Minuten. Und tatsächlich ist es schon nach 15 Minuten da! Die Gelähmte Frau kommt mit dem Tragetuch auf den Beifahrersitz, der Rest steigt hinten ein. Ich fahre von der geteerten Straße ein kleines Stück herunter, weiter geht es nicht mit dem Auto. Die Begleiterin der gelähmten Frau ruft ein paar Leute wegen dem Gepäck , nimmt dann die Frau huckepack und läuft mit ihr davon. Die andere Frau bedankt sich und geht auch nach Hause. Zurück im Waisenhaus sitzt die Schwangere oben ohne da und wäscht sich in der Sonne, da niemand von den Frauen was sagt, sag ich auch nichts. Um 11 gibt es als „ Gouté“ wieder das gute Anisgebäck. Dann Geschrei von Draußen: ein Mädchen hat dem andern mit einer Wäscheleine an die Beine gehauen, als ein anderes Kind kommt, der auch, beide laufen weinend weg. Ich nehm ihr die Schnur ab und sag ihr, daß sie beim nächsten Film nicht zuschauen darf, da ist sie kurz davor, loszuheulen. Für mich gibt es nicht mehr viel zum korrigieren, aber Anke hat 2 Klassen fertig, die ich in den PC eingeben kann. Und sie zeigt mir, wie ich meine Bilder auf einen Stick übertragen kann, damit ich wieder genug Speicher für so viele Fotos hab, wie ich nur machen will, super! Ein Kind versucht sich im Seilhüpfen mit einer Liane, klappt nicht so richtig. Ich weiß schon eine ganze Menge an Sachen, die man den Kindern mitbringen könnte . Ich muss nochmal auf den Markt, ein Fußball und ein Hüpfseil oder ein Seil zum Schwingen müsste es doch vielleiht auch hier geben!?

Im Gymnasium nebenan ist ein Wettbeweb unter den zwei besten Gymnasien ( Katholisches gegen Baptistisches) Ich höre mir das eine Zeit lang an. Jeweils 4 Schüler strecken die Köpfe zusammen und rechnen und 1 davon ist der Sprecher und sagt  das Ergebnis. Die Aufgaben werden gezogen, somit läuft alles gerecht zu.  Aufgaben z.B.: Was ist 2/3: 1/5 , 45 Sekunden Zeit Das war bei und in der 5. oder 6. Klasse dran und jetzt beim Wettbewerb der beiden besten Gymnasien in der 9.Klasse?  Ich kann´s nicht glauben, als die Antwort falsch ist und geh wieder zurück.

Anke lässt 2 Ampullen Oxytocin von der Apotheke bringen, weil der Herzschlag des Babys nach unten geht. Trotz Bedenken hängt Anke den Tropf an. Gefahr: wenn es zu lange noch geht, kann das Baby sterben, evtl ist die Nabelschnur um den Hals des Kindes, auf der anderen Seite kann der Uterus reißen, ein Kaiserschnitt ist hier nicht möglich,….Bis 22 Uhr noch kein großer Erfolg. Anke bringt ihre Decke ins Büro, wird dort übernachten

17.5.Es hat heftig geschüttet. Die rite Erde haftet hervorragend an den Sohlen und nicht nur da. Ich tausche meine neue Ersatzzahnbürste gegen eine gebrauchte, um damit in die Ritzen der Schuhe zu kommen und wasch sie mit viel Regenwasser sauber. Ich stell sie zum Trocknen in mein Zimmer, auch wenn die Sonne jetzt rauskommt—ich lass keine Schuhe mehr vom Hund fressen!  Großes Gequieke draußen: es wird ein Eber gebracht, der unsere große dicke Sau decken soll, aber er schafft es nicht, auch als Anke ihm helfen will Entweder ist sein Penis zu klein oder sie ist zu groß und zu fett .. Es ist ein Bild zum Schreien!! Hoffentlich werden die Fotos gut. Ich geh in den Behandlungsraum, nehme mein gutes Öl mit und kratze mit einem alten Skalpell , Stahlwolle und einer kleinen Drahtbürste Rost und ? von vielen Scheren und Klemmen ab, da, wo die beiden Teile zusammengeschraubt oder- genietet sind . Dann öle ich sie, putz gut ab und wenn sie wieder gut beweglich sind , kommen sie in den Sterilisator. Um 16 Uhr stehen 8 Leute vor der Türe. Wir suchen 4 raus, darunter 2 Schwangere  und schicken die Anderen weg. Die mit Krätze können wir eh nicht mehr behandeln—unser Medikament ist aus. Ein Notfall wird angekündigt: Motorradunfall, ein Finger sei vorne ab. Es ist eine 4 cm lange tiefe Schnittwunde, die mit grünen Blättern umwickelt ist. Das sei gut zur Blutstillung und sei desinfizierend. Anke schimpft, ich würde eigentlich gerne was wissen, wie die Blatter heißen und welche Substanzen da drin sind! Zuerst kommt ein Fingerbad in desinfizierender Lösung für 15 Minuten. Anke macht einen Betäubung unten am Finger ( Oberst) und dann wird genäht.

18.5. Heute ist Fahnentag. Große Aufregung: 2 große Mädchen haben sich Festiger in die Haare gemacht und das ist für Schüler verboten! Im Gegenteil sollen laut Anordnung der Regierung sich die größeren Schüler die Haare flechten um kindlicher auszusehen und so weiteren Schülerschwangerschaften vorzubeugen. Den Kleinen werden die Zöpfchen geflochten, das geht nicht immer ohne Tränen, bis die Felder auf dem Kopf gleichmäßig gekämmt sind. Muss auch trotz Öl ganz schön ziehen. Die Jungs haben kleine Fahnen aus rosa und hellblauer Pappe gebastelt. Wir laufen in 4 Gruppen los, um den Umzug anzuschauen, die Kleinsten fahren mit dem Auto mit. Zuerst schauen wir uns das Artisanal an, ein großer Stand neben der Kirche, auf dem einige selbsthergestellte Dinge aus natürlichem Material ( Bambustasse mit Holzhenkel, Muschelarbeiten, Ketten… als Dekogegenstand ausgestellt sind. Dann gibt es viele Bücher, die angeblich der Grundstock für eine Bibliothek sind. In Beaumont behalt ich meine 4 Jungs und meine Kleine an der Hand gut bei mir, denn es herrscht ein großes Gedränge in manchen Gassen. Wir finden den „Umzug“: ein Auto mit Musik aus riesigen Lautsprechern und vielleicht 30 Mädchen in Uniform, die im Gleichschritt und fahnenschwingend laufen. Dann kommt eine Gruppe Jungs oder junger Männer, alle schwarz angezogen mit schwarzem Tuch vor Mund und Nase, teilweise mit schwarz angemalten Gewehren im Sturmschritt unter Geschrei vorwärtsstürmen- schrecklich. Wir gehen wieder zurück.

Ich geh weiter Instrumente putzen und sterilisieren. Dann gibt es einen Film : Kiriku sehr zur Freude der Kinder! Anke und ich beginnen die Bestellliste zu aktualisieren. Wir werden unterbrochen durch´s Telefon: eine schwerkranke Frau sei mit ihrem kranken Kind vor dem Tor, sie käme nicht allein vom Motorradsitz runter. Kam sie dann doch. Sie hatte eine schwere Gastritis und das Kind einen Harnwegsinfekt. Danach kommt noch eine schwangere Frau im 8. Monat mit einem Urogenitalinfekt und dann machen wir bis 22 Uhr die Bestellisten fertig.

19.5.Anke korrigiert wieder während des Frühstücks- sie will das so schnell wie möglich abschließen, damit die Examensnoten feststehen . Es gibt Kürbissuppe mit heute zerkochten Spaghetti und Nudeln drin. Hugo fährt heute nah Camp Perrain und ich will mitfahren.Ich hab gestern von einem sehr leckeren weißen Fruchtsaft getrunken, den Hugo für Anke mitgebracht habe und muß rennen, daß ich rechtzeitig auf´s Klo komme. Lieber jetzt als später im Auto  Anke zieht meine Photobilder auf den Stick- Jetzt kann ich wieder fotografieren.  Viele unserer Kinder husten, manche haben Fieber und Schnupfen, manche Bauchweh. Ist sicher ein Virus, deshalb gibt es kein AB, nur Paracetamol, Um ca 11.30 Uhr holt mich Hugo mit Sonie und einer anderen Frau im Auto ab. Wir wollen den Schülern in Camp Perain Nahrungsmittel und einen Gaskocher bringen. Die Straße ist durchgehend neu und geht bergauf, bergab durch wunderschone Landschaft. Viele Bananenstauden, aber die Meisten ohne Früchte. An den Hügeln sieht man immer wieder Rauch von kleinen Bränden. Auf mich macht es den Eindruck, als ob Hugo überall Leute kennt. Er fährt durch ein Dorf, grüßt die Polizisten vor der Gendarmerie, fährt auf der falschen Straßenseite ein Stück und hält dort vor dem Haus, spricht eine Weile mit den Leuten dort und fährt dann weiter. An der neuen Straße stehen schöne Häuser  oder auch Hütte aus Plastik mit schiefem Dach. Ich glaub, ich bin eingedöst und schreck auf, als Hugo mich anspricht um mir zu sagen, daß das Camp Perrain ist. Geradeaus geht´s weiter nach Les Cailles, aber wird biegen nach rechts ab und sind auf einer deutlich schlechteren Straße mit „Achsenbrechern“. Hugo biegt in einen Hof ein, in dem man Gasflachen auffüllen kann. Das Büro ist in einem ehemaligen Container, ein großer Gastank im Freien mit einer Füllstelle mit Zähler. Beide Flaschen werden befüllt, dann geht es weiter  rechts, nochmal rechts und dann nochmal recht , Wir halten vor einem Tor in einer Mauer und sind da. § Häuser, eins für Mädchen, 1 für Jungs und 1 zum kochen. 3 Mädchen und 1 Frau begrüßen uns. Hugo schraubt den neuen Gaskocher zusammen, aber es gibt keinen Schraubenzieher. Also nimmt er ein Messer, damit geht es zwar mühsam, aber auch. Ich mach Bilder vom Haus und darf auch, nachdem ich gesagt habe, daß  die Photos für die Leute in Deutschland sind, die für sie jeden Monat Geld geben, auch von ihnen Photos machen. Gut ist, daß ich ihnen die Bilder zeigen kann und auch löschen, wenn sie ihnen nicht gefallen. Leider strömt aus beiden Flaschen Gas aus. Ich weiß ja nicht, ob sie nur zu voll sind, oder das so bleibt und bin froh als ich sehe, daß die Gasflasche außerhalb des Koch-Hauses bleibt. 1 Haus, das bisher für Jungs war steht leer. Dann geht´s auch schon wieder zurück. Ich sehe Mangobäume voller Mangos , Leute, die sie am Straßenrand verkaufen wollen und mehr als doppelt so große rund grüne Früchte, die ich nicht kenne. Es sind Veritables, aus denen der leckere Fruchtsaft kommt. Wieder immer mal Rauch an den Berghängen. Eigentlich regnet hier ja täglich, ich kann mir also nicht vorstellen, warum es da brennt.

Wieder zurück warten vor dem Tor mindestens 20 Leute. Das wird langsam viel zu viel, eigentlich ist das hier ein Waisenhaus mit Schule und kein Krankenhaus. Anke hat gesagt, daß 5 der Patienten behandelt werden, die anderen sollen ins Krankenhaus Ich behandle 2 Kinder, Anke 2 Schwangere und 1 Frau mit dickem Bauch: Herzinsuffizienz mit Aszites und Pleuraergussbeidseits ( Wasser im Bauch und der Lunge). Pleurapunktion: es fließt 400 ml ab, Furosemid und Hydrochlorothiazid,  Enalapril, mehr können wir nicht tun. Sie war im Oktober schon mal hier wegen Herzinsuffizienz. Dann  im KKH in PaP, dort hätten sie nichts gemacht.. Die Liste der Medikamente hatte sie jemand gegeben, der die Medis in der Apotheke abholen sollte und dann nicht mehr zurück bekommen. Seither habe sie nichts mehr. Sie kommt ins Zelt. Mme Karlin näht die Liege für den Mann wieder, damit der Stoff nicht weiter reißt. Dann wird ein Kind mit Ellbogenfraktur angemeldet. Ein Mädchen wird aus Fontranquil gebracht, ist umgeknickt und jetzt ist V.a. Fraktur. Anke untersucht: kein Bruch, aber eine starke Zerrung am Sprunggelnk. Sie hatte früher eine Entzündung im Hüftgelenk, hatte damals lange Schmerzen und musste an Krücken gehen, entsprechend Angst hat sie jetzt.. Sie bekommt eine gut gepolsterte Schiene und Krücken und darf bei der Köchin im Bett schlafen. Die beiden kleinen Jungs, die bisher dort schliefen, kommen zu den größeren Jungs. Wir haben keine Matratze mehr frei. Die großen Mädchen unten schreien sich an—ich flüchte zu den Jungs nach oben.

20.5. Sehr früh vom Grunzen der Schweine und Hundegebell aufgewacht. Von Ausschlafen kann ich hier nur träumen. Spaghetti zum Frühstück, dann ist die Dusche frei für mich. Matheexamina: Punkte zusammenrechnen und dann eintragen in den PC. Der Stapel bei Anke wird kleiner. Ich beginne meinen 1.Reisebericht zu schreiben., spiele ein bißchen mit den Kleinen und zieh mich dann um. Um 5 fängt das Geburtstagsfest bei Hugo an, er ist 50! Wir sind pünktlich da, frotzeln noch unterwegs, daß wohl keiner so früh da ist wie wir und sind tatsächlich die Einzigen außer dem kleinen Bruder von Hugo. Der sagt uns, da Fest beginnt erst um 7 Uhr. Also fahren wir wieder zurück. Anke ist froh, noch etwas korrigieren zu können. Ich behandle ein Kind mit Fieber. Dann bringen wir das Mädchen mit Krücken zurück nach Fontranquil und sind 10 nach 7 bei Hugo. Die Geburtstagsmesse ist in vollem Gang. Wir werden von Sonie an einen Tisch ganz vorn aber weit weg vom Lautsprecher gesetzt. Gut so! Nach ca 10 Minuten läutet Anke´s Telefon: schwerer Unfall mit Toten und Verletzten—sie fährt los. Nach der Messe hält der älteste Sohn von Hugo eine bewegende Rede, der kleine rezitiert auswendig einen Text ohne Socken und die Tochter singt zur Musik von „ joyeuse anniversaire“. Eine 2-Mann-Band spielt Gitarre und Bongo und singt. Es werden Vorspeisen gereicht ( irgendetwas dunkelbraunes und scharf gewürzte wird auf ein kleines Brötchen gestrichen. Nüsse ( Cashew und Erdnüsse) hingestellt. Mein Nachbar behauptet, es seien Pinienkerne, aber da hat er auch schon fast eine halbe Flasche Scotch Whisky intus. Sonie sitzt zum Glück neben mit und bringt mir ein kühles Bier. Photoshooting der Familie und Hugo und seine sehr schöne und sympathische Frau „ Mme Hugo“ bei der Reifentorte…. Wäre schön, wenn er von ein paar Bilder einen Abzug bekommen könnte!.Dann gibt es Essen und ich soll mir tatsächlich als Erste nehmen—ist mir etwas peinlich , aber ich glaube, niemand soll vorgezogen werden und nach mir drängen sich die Leute ohne mir ersichtliche Reihenfolge. Das Essen schmeckt sehr gut, sogar das Fleisch ist zart!  Irgendwann kommt Anke, da läuft aber längst DVD-Musik- und ißt ein bißchen was. Die Musik ist aufgedreht, die Leute unterhalten sich laut schreiend und alle außer uns beiden sind glücklich dabei—wir fahren bald zurück. Ein Bus aus PaP hatte wohl schlechte Reifen, unterwegs schon 2x eine Reifenpanne und ist dann umgekippt. Ein Mensch unter dem Bus war tot, einer schwer verletzt wurde mit der Ambulanz ( gibt es ganz neu in Beaumont, wurde von jemand gespendet) ins Krankenhaus gebracht und Anke hat 5 weitere mit leichteren Verletzungen zu uns gebracht und versorgt. 1 Frau mit starker Schwellung am Hals liegt im Zelt, die Andern im Klassenzimmer. Die übrigen Leute vom Bus schlafen am Straßenrand.

21.5. Kaffee und Eintopf. Der Pleuraerguss ist schlimmer als zuvor—Punktion von 600 ml. Die Schwellung am Hals ist deutlich zurückgegangen, aber fürs´ Motorradtaxi war die Stauchung doch zu stark, außerdem sind wahrscheinlich ein paar Rippen ( an)gebrochen. Anke bringt die 4 Anderen zur Straße vor, wo der Bus abfährt. Ein Schüler wird gebracht: ist ohnmächtig geworden und umgefallen. Er liegt so da, wie man ihn hingelegt hat, der Arm bleibt in halber Höhe, Augen starr nach unten blicken geöffnet ohne Lidschlag. Diazepam5mg-Rectiole, nach 10 Minuten die zweite. Echt krass: man kann die Extremitäten locker bewegen und wenn man sie loslässt, bleiben sie genau so. Hab ich noch nie gesehen. Die Großmutter wird gerufen ( Er und 2 Geschwister leben bei der Oma. Die Mutter ist irgendwann weg) –der große Bruder kommt. Der Junge kommt zu sich, sagt er habe Hunger! ( BZ ist 101)Nachdem er 2/3 der gefüllten Teigtasche gegessen hat, will er den Rest seinem Cousin, der auch hier in der Schule ist,  der habe auch noch nichts gegessen. Aber es heißt: mange!, also ißt er auf. Eine halbe Stunde später geht´s ihn gut und er geht mit seinem Bruder nach Hause. Ich habe keine Ahnung, was er hatte, war angeblich noch nie so. Neue Katastrophe: eine Schwangere zur Entbindung kommt mit bereits 4 cm offenem Muttermund hat ein Kind mit Hydrocephalus im Bauch und muss dringend zum Kaiserschnitt in ein Krankenhaus! Hugo fährt sie nach Jeremie und nimmt auch gleich die Frau vom Unfall mit. Mittagessen mit Reis und –na?- Bohnen! und den dicken Hörnchen, die leider schon wieder matschig gekocht sind. Es gibt eine Köchin, die macht sie fast bißfest, so wie ich sie liebe und eine andere, bei der alles verkocht ist. Starkregen—ok, gibt´s Siesta. Dann kommt das vor 2 Tagen angekündigte Kind mit der Ellbogenfraktur und bekommt einen circulären Kunststoff“gips“, weil der Arm schon abgeschwollen ist. Die Eltern bringen ein Röntgenbild mit, das dermaßen blass ist, daß man den Riß im Knochen nur ahnen kann. Die Gipsschiene war so festgebunden, daß die Hand geschwollen war.

22.5. Ich fahre nach Fontrankil. Die Jungs sind mit Hacken auf dem Feld und jäten Unkraut. Es soll Kohl angebaut werden. Ich werde von einen Betreuerin herumgeführt, die jedes Pflänzchen zu kennen scheint. Das, was wie Unkraut auf dem Boden aussieht wächst zwar wild, kann man aber essen. Eine „ Ranke“ ist eine Bohne, eine andere Yams . Es wächst : Maniok, Yams,2 verschiedene Bohnen, tomaten, Kürbis, Mais, Weißkohl, Kochbabanen, ein Baum mit 4 Kirschen, ein Mangobaum ohne Früchte 1 Kaffeepflanze, Kokospalmen ein Busch, aus dessen Blättern man Tee macht und einige andere , die als Gemüse dienen, aber eben viel zu wenig, um so viele Kinder satt zu bekommen. Ein paar Hühner und eine Fast volle Palette mit Eiern ( Eine Woche) und Schweine mit Ferkeln. Ein Teil der Teenies flieht vor dem Photo, dann kommt eine Überraschung: die anderen Kinder vom Waisenhaus sind hergelaufen! Ich fahr mit Kettlie und einem Arbeiter einige km zum Holz holen. Na wenn er die schweren Bündel auf dem Kopf hätte hertragen müssen, wäre er 1 Tag schwer beschäftigt.  Ein Teil des Holzes ist für uns, dazu noch Hirse für die Schweine und wir fahren damit , einem Karton und den beiden Kleinsten zurück, bevor es regnet. Leider ist Valeur, von dem ich die restlichen Examensarbeiten mitbringen sollte nicht da und hat die Arbeiten eingeschlossen, also leider nix mit Abschluß der Korrekturen, Eintragen im PC, Ausrechnen des Durchschnitts und damit, ob bestanden ist und Ausdrucken für die Eltern –schade!. Vor dem Tor wartet ein Mann neben einem Mototaxi. Er kommt zum Kathederwechsel und weiß laut Anke ganz genau, daß das nicht vor 16 Uhr gemacht wird—also muss er warten, sonst kämen den ganzen Tag über Leute um kurz mal das oder jenes behandeln zu lassen. Find ich in Ordnung, was man anfängt, muss man treiben. Anke hat eine Frau mit wahrscheinlicher Fehlgeburt aufgenommen. Anruf: Unfall. Anke rennt rein, schnappt sich den Notfallrucksack, stopft noch ein paar Binden rein und rennt zum Auto. Ich mit. Beim Tor hält ein Mototaxi mit einem Verletzten drauf und fährt rein, sobald das Tor offen ist, wird aber dermaßen von Anke angeschrien , daß er sofort wendet. Sie dürfen nicht auf´s Gelände fahren! Entweder kann der Kranke mit Unterstützung laufen oder er wird getragen. Er humpelt ins, Behandlungszimmer, hat  eine große Platzwunde an der Stirn und vielleicht auch was am rechten Bein. Der andere hat nicht so tiefe Verletzungen. Desinfektion, LA und Naht an der Stirn, ca 4 cm. Dann ziehen wir dem Mann die Hose aus und es zeigt sich eine ca 15 cm tangentiale Rißwunde mit 12 cm tiefer Tasche nach oben . Die Gefäße, Nerv und Muskeln liegen frei. Viele kleine Plastik-und Lacksplitter in der Wunde. Zuerst Lokalanästhesie, dann gründliche Desinfektion, Entfernung aller sichtbaren Fremdkörper, noch mal Naht, dann 2-schichtige Naht mit Drain  und Verband. Der Faden aus der DomRep eit eine dermaßen stumpfe Nadel, daß sie sich kaum durch die Haut drücken lässt. Ich hätte doch zu gerne meinen Lieblingsfaden PDS hier! Urgötüll mit Silber, weil daneben eine Schürfwunde ist, Kompressen und Verband..Anke schenkt ihm 1 Paar vom Hund angenagte Sandalen, weil er beim Unfall einen Schuh verloren hat. Danach wird der 2. Patient versorgt und dann bringt Anke die beiden vor zur Straße zum Bus nach Jeremie. Mittagessen: Maisbrei  und Bohnensauce, das Lieblingsessen der Kids, die meisten essen 2 große Teller voll. Ich weiß nicht, wo die das hinstecken. Unsere Letzten Examen werden eingetragen- der Rest ist bei Valeur.

4 Uhr: einer Frau ( Köchin bei uns) geht schlecht, Kopfweh und Bauchschmerzen. Sie sieht auch wirklich schlecht aus. Der Blutdruck sei immer im Dispensaire kontrolliert worden und in Ordnung. Ich messe: 220/130! Medikamente seien aus. Bekommt Nefedipin anstatt Enalapril.  Sono oB aber Auffälligkeiten bei der vaginalen Untersuchung—Überweisung zum Gynäkologen. Ich werde den Blutdruck in den nächsten Tagen kontrollieren ( war 1x 160/ 110, sonst ok) Bei der Schwangeren Frau zeigt die Sono keinen Herzschlag mehr. Hoffentlich geht der Fötus spontan ab und man muss keine Ausschabung machen! Eine Frau kommt mit starken vaginalen Blutungen. Der Ultraschall zeigt den  dringenden Verdacht auf ein Vaginal- oder Uteruskarzinom—Überweisung zum Gynäkologen.

Ich fahr die Betreuerinnen an , weil die kleinen Mädchen trotz Husten und Schnupfen barfuß auf dem Betonboden rumlaufen. Die guten Schuhe seien für den Sonntag gewaschen und würden sonst nach dem Regen gleich wieder schmutzig. Das stimmt, aber es ist kühl, gibt´s kein 2.Paar Schuhe?

23.5. Pfingsten und Geburtstag meines kleinen Bruders. Frühstück: Kaffee mit Milch und ein Rührei auf dem Weckle. Nachtisch: eine kleine Banane! Ein echtes Feiertagsfrühstück! Danach gehen wir in unseren schönsten Kleidern zur Messe. Ich geh mit Cindie und Deborah , Die hat kurze Gummistiefel an, die sie an den Knöcheln reiben und bald humpelt sie. Cindies Sandalen sind mindestens 1 cm zu kurz, sie muss bei jedem Schritt die Zehn einrollen Wir müssen unbedingt die Schuhe durchsehen, die die Kids haben! Anke fährt mit Dieuseul und den Kleinen und Deborah fährt mit zurück. Wieder zuhause geh ich duschen und zieh dann wie alle Anderen auch meine „ Alltagsklamotten“ an. Gouté : wieder das leckere süße Stückchen, jetzt hab ich mir 3x den Namen sagen lassen und hab ihn wieder vergessen! Wir hängen Oxytocin bei der Frau mit dem toten Kind im Bauch an. Dann gibt´s Mittagessen: Wie immer am Sonntag: Reis mit ein paar  braunen Bohnen drin, ein Löffel dicke Hörnchen mit Soße, 1 Stückchen Fleisch mit Knochen und Kraut-Karottensalat. Siesta. Viele husten, ich auch. Egal ob Sonntag oder Pfingsten, vor dem Tor stehen Kranke. Ich vehandel eine Frau mit Fieber und Schmerzen im Unterbauch Im Urinstick: Zeichen für Harnwegsinfekt—bekommt Antibiotika ( AB). Eine Frau mit Schmerzen am ganzen Körper: Sono normal Urinuntersuchung und Abhören normal, Klopfschmerz entlang der Wirbelsäule. War nachträglich nichts Schlimmes und schon gar nix für Sonntag. Kam gebückt rein und geht aufrecht wieder raus. Bekommt Ibuprofen. Es gibt hier viele gute Schauspieler! Unserer Frau mit Pleuraerguss geht´s gut und sie wird mit Medis entlassen. Oxytocin hat bisher leider nichts gebracht. Ich schau mit den Kindern ( und ihren Betreuerinnen) wieder eine Pippi Langstrumpf-Film an, dann gibt es einen kleinen Spaziergang mit den Größeren. Als wir wiederkommen, hatte die Frau eine Blutung. Im Ulraschall ist die Gebärmutter bis auf Blut leer- Gott sei Dank! Zum Abendessen gibt es die leckere gefüllte Teigtasche und ich mach mir ein Radler—Prost, Jochen und alle zuhause!!!

24.5.Nach dem Frühstück ( Spaghetti) raumen Anke und ich einen Schrankteil im Behandlungszimmer auf. Dann geht´s ins Büro. Dann fang ich an, die alten Examensordner umzuräumen. Die von 18/19 kommen ganz nach unten, dann die 19/20 und dann die von den ersten beiden Prüfungen des laufenden Jahres 20/21. Es ist auf jeden Fall noch Platz für die jetzigen, aber dann wird´s schon wieder eng. Das ist eine Arbeit von 2 Tagen. Zuerst trage ich die Examensnoten in kleine Zettel für die Eltern ein . Das Wichtigste dabei ist der Durchschnitt. Ab der Hälfte der zu erreichenden Punkte hat man bestanden. Das ist eine Heidenarbeit. Ich schaff ca 1/3, dann geh ich schlafen.

25.5.Nach dem Frühstück bis zum Mittagessen schaff ich das 2. Drittel das 3. macht Anke. Dann heißt es, eine Schülerin habe sich den Bleistift ins Ohr gestoßen.  Ich schau mir zuerst das gesunde Ohr an: innen ist alles mit Kuli angemalt. Im andern Ohr ist eine Verletzung innen im Gehörgang, viel Blut und kein Trommelfell, aber zum Glück auch kein Fremdkörper zu sehen. Sie habe das Ohr putzen wollen und ein andere habe auf den Stift geschlagen.. Ich reinige das Ohr , so gut es geht und mach Watte rein—sie darf kein Wasser reinbringen!! und geb ihr Schmerzmittel. Mehr kann ich nicht machen. . Mittagessen: Maisbrei mit brauner Bohnensoße und irgendein schleimig-grünes Gemüse. Schmeckt so lala. Heute mach ich Bilder von vanité. Ich hatte von Anke´s Obstsaft getrunken und schaff es gerade so auf´s klo, mit dem Saft muss man echt vorsichtig sein. Den restlichen Tag bin ich bis auf die Behandlung von 3 Kids( Ohrenschmerzen, eitrige Ohrentzündung und eine böse Bronchitis) mit dem Eintragen der Noten und dem Sortieren der Examensarbeiten beschäftigt. Abendessen: Veritable-Stücke ( die Frucht, aus der dieser prima gute, aber durchschlagende Saft kommt)geschalt, geteilt, dann in etwas Öl rausgebraten und gequetschte Stücke Kochbanane, auch in Öl gebraten, dazu Krautsalat mit heute etwas Chili drin. Dazu Ingwertee—Lecker. Dann geht´s früh ins Bett.

27.5.Vom Schweinegrunzen aufgeweckt. Heute möchte ich Bilder von Sedline machen, aber sie hat Fieber und Kopfweh, deswegen schick ich sie mit einer Tbl. Parpcetamol ins Bett Ich räum den Rest der alter Examensarbeiten ein, dann räume ich mit Anke ein nächstes Fach im Behandlungszimmer auf. Das ( deutsche ) Papier reicht gerade noch für´s Ausdrucken der „ Elternbriefe,“ , also der kleinen Examensergebniszettel;  ca 20 Blätter sind noch übrig. Wenn der Container mit dem Papier nicht vor dem nächsten Examen kommt, weiß ich nicht, wie das mit dem Drucken gehen soll. Nachmittags schneide ich mit Luksay den Rest der Examenszettel mit der Papierschneidemaschine. So, dann können morgen die Eltern kommen.

28.5. Morgens um 9 ist Ausgabe der Examenszett. Eine große Menge Eltern stehen vor dem Tor. Vor dem Container sind Bänke für die Eltern und Tische und Stühle für Anke, Valeur und mich aufgestellt. An einem extra Tisch ist jemand, die kontrolliert, ob das Schulgeld bezahlt worden ist. Zuerst hält Valeur eine Rede. Er wurde von einem Vater schwer beleidigt, weil im letzten Schuljahr nicht alle Kinder aufgenommen werden konnten und dieser Vater meinte, das liege an Valeur. Sowas geht ja gar nicht. Ich würde dann wahrscheinlich gar keine externen Kinder in der Schule aufnehmen. Dann kommen dunkle Wolken und das Ganze wird in den Saal verlegt und im Büro dürfen 2 Eltern rein. Die Ergebnisse werden mitgeteilt, auch was gut lief und wo´s klemmt. Manchmal will jemand auch die Ergebnisse für Nachbarskinder mitnehmen, aber das geht nicht. Es kam schon mal vor, daß die Eltern später kamen und die Ergebnisse waren an eine Nachbarin mitgegeben worden, was natürlich eine echt blöde Situation war, seither wird das nicht mehr gemacht. Die Medikamente kommen! Leider fehlt Oxytocin, Benzylbenzoat , fast alle Spritzen und Cefalexin, das wir v.a. für unsere Schwangeren bei Infektionen brauchen. Aber immerhin.

29.5.Anke, Hugo und ich schauen um 7 das Gelände an, auf das das Propangasprojekt soll, Es steht ein Container am Rand, in dem das Büro untergebracht werden soll ( Wie in Camp Perrain). Auf dem Boden ist Erde, wenig Müll, am Eingang schon ein großer Haufen Steine , die hierhertransportiert wurden von unserem Gelände. Der Container macht den Abschluss des Platzes, davor ein Haufen Blätter, mit einigem Müll dazwischen. Der Boden muß aufgefüllt werden, dann Betonplatte drauf, auf Straßenniveau, also ca ½ m höher. Die beiden diskutieren über Drainage,  Ich meine, am einfachsten wäre doch eine Mauer hinter dem Container, den anheben, dann Betonplatte und Container wieder drauf. 2 Drainagelocher zum Wasserabfluss zur Strasse hin gibt’s ja schon. Wenn Müll unter dem Beton sei, würde das doch nicht stören. Das Projekt ist genehmigt, die Bezahlung zugesichert. Prima!

Auf der Rückfahrt schau ich mir mit Anke das Gelände an, das menkontre gehört und auf das die Häuser für diejenige gebaut werden sollen, die beim Cyclon alles verloren haben. Sollten sie je ausziehen, gehört das Haus weiterhin menkontre. Jedes Haus soll 2 Zimmer und einen Garten den Hang runter Richtung Beaumont haben. Früher war auf dem Gelände Kaffee gepflanzt und hohe Bäume , inzwischen wurden die bis auf 1 gefällt für Feuerholz von irgendwelchen Leuten. Es ist eine gute Lage: weg von der Straße, nah genug an Beaumont zum Laufen, angrenzend an den Platz, an den eigentlich der „ neue Markt“ hinsollte ( den anscheinend außer dem Politiker keiner will) mit angelegten steinigen Straßen. Außerdem würde es das übrige Gelände hoffentlich davor schützen, daß irgendwelche Leute sich das holen, was sie brauchen, wenn dort Menschen wohnen. Wieder zurück. Es kommt ein Mototaxi extra aus Les Cailles mit einem Thermosbehälter, um uns Oxytocin zu bringen. Fraglich ist, ob die Kühlung die Fahrt auf dem Taxi in der Sonne überstanden hat und das Oxytocin noch gut ist. Nach langer Diskussion nehmen wir es an, weil  wir sonst gar keins hätten. Anke hat bei einem Teenie ein Handy gefunden. Das ist für Waisenkinder strikt verboten. Sie nimmt es weg und daraufhin gibt es eine halbe Stunde ein Geheul, das man bestimmt in  10 km Entfernung auch noch hört.

Sonntag 30.5. Um halb 8 gehen einige in die Kirche, die Anderen um 8 zum Spaziergang/ Wanderung. Die großen wollen bis zum Gipfel des gegenüberliegenden Bergs hoch . Nachdem ich das Tempo des Bergsteigens jetzt kenne. bleib ich lieber zuhause , nehme meine Dusche und schreib weiter an meinem 2. Reisebericht. Es herrscht eine himmlische Ruhe hier—auch mal schön! Als die von der Kirche zurückkommen , wünschen mir alle ein schönes „ Fête de maman“ , also Muttertagsfest. Die Regenwolken haben sich verzogen, ich bekomme Curesolsaft , eisgekühlt, zum Fest. Nachdem ich die wahrlich durchschlagende Wirkung jetzt kenne, trink ich nur 1/3 Flasche- schmeckt so super! Ich wird versuchen, das auch in Deutschland aufzutreiben. Das wäre eine prima Behandlung bei Verstopfung. Spiele mit den Kids. Um kurz nach 16 Uhr fahr ich mit Altagrace los zum Konzert, in dem sie mitsingt. Die Deko wird von Rosi begonnen. Um halb 6 beginnt es zunächst mit ein bißchen Geklimpere auf der Gitarre, nach 15 Minuten sind die Sänger aufgestellt hinter einem Vorhang. Dann beginnt es mit 4 Liedern, Moderation mit sehr lautem Mikrofon, dann nach dem Umziehen ein Tanz von 12 Mädchen. Moderation, das Mikro ist übersteuert bei einem der Moderatoren. bei Rosi dafür zu leise, ich versteh nichts. Dann ein Duo mit Valeur, dann wird an jede Mama ein Zettel mit einer Nummer verteilt und dann 2 verlost. Gewinn: Große herzförmige Päckchen. Das dauert so lange, wie bisher alle Lieder. Wieder Chor ,ein Solo von Valeur erneute Verlosung.. Tanz, Verlosung, eine Frau kommt mit 2 Jungs zu mir und möchte die Examensergebnisse für sie haben. Die Kinder wohnen bei ihr, sie habe die große Schwester geschickt, um sie abzuholen, weil ihr die Beine wehtun und sie nicht so weit laufen könne, aber der wurden sie nicht gegeben. Ich sag ihr,  daß ich da nichts machen könne, sie solle Valeur fragen. aber sie redet weiter und weiter in einem sehr guten franzosisch. Die Musik setzt ein, da versteht man nichts mehr. Zum Schluss bedankt sie sich für die gute Schule und Gott solle uns segnen.. Draußen wird es dunkel und ich will nur noch heim. Viele gehen . Nochmal 4 Lieder. ein Gebet und dann ist endlich Schluss. Jetzt weiß ich , wie ein haitianisches Konzert aussieht, eins reicht mir. Die Frau redet immer noch, als Valeur zu mir kommt und sich bedankt, daß ich beim Konzert war. Ich bin froh, die Frau auf ihn verweisen zu können und geh mit Altagrace zum Auto.

31.5.

Ich schreib weiter an meinem Bericht. Um 4 werden 2 Schwangere untersucht, davon eine mit 13 Jahren! und der Verband bei dem Mann mit der Axtverletzung gewechselt—sieht sehr gut aus. Ich check meine Emails—eine Freundin hat sich die Rippen gebrochen—schlecht!-, mein Auto hat einen neuen TÜV- prima!- und irgendjemand hat den Rolladen von meinem Balkon geschrottet—sehr schlecht!- ansonsten nur gute Nachrichten. Anscheinend geht das Impfen in D nur sehr schleppend voran, aber die 3. Welle scheint vorbei zu sein. Die ist in Haiti anscheinend in vollem Gange, es sind einige bekannte Politiker an Corona verstorben, obwohl der Nasenabstrich mehrfach negativ gewesen sei. Noch wurde keine Schulschließung verordnet, aber Valeur und Anke beschließen, das Mittagessen für die Schüler auszusetzen und stattdessen wieder Nahrungsmittelpakete an arme Familien auszuteilen. Das Schuljahr geht normalerweise bis Anfang Juli, dann kommen die 4. Examensarbeiten und dann sind Ferien bis September.

Damit beende ich meinen 2. Teil des Reiseberichts, viel Spaß beim Lesen!

 

 

 

 

2. Reisebericht Teil 1 von Dr. Waltraud Schippert Mitte Juni 2021

  1. Reisebericht Teil 1

Ich untersuche immer noch Schülerköpfe auf Pilze und das wird sicher auch noch eine Weile dauern. Die Schüler sind sichtlich froh über die Unterbrechung des Unterrichts und lachen, wenn ich die Namen falsch ausspreche. Insgesamt haben von den 286 Schülern hier 133 eine Pilzerkrankung am Kopf! Also bestellen wir eine große Menge an Antipilztabletten zur Behandlung. Man ruft mich, ich soll schnell kommen, jemand blutet stark. Ein Schüler hat sich in der Pause die Kopfhaut an einem Ast aufgerissen und ist blutüberströmt. Erst mal Kompresse und Druck drauf. Es ist eine 4 cm lange tiefe Wunde, also:  Lokale Betäubung und Naht . Ich frage, ob jemand den Eltern Bescheid gibt, ernte aber nur fragende Blicke. So was passiert eben, ist die Antwort und mit einem Kopfverband nimmt der Schüler wieder am Unterricht teil. Er hat einen Traubenzuckerlutscher von mir bekommen, weil er so tapfer war— das war vielleicht keine so gute Idee, denn seither kommen viele Kinder und zeigen mir eine kleine,  meist längst verheilte Wunde. Ich sag ihnen, das gilt nicht. Lutscher gibt´s erst nach einer Spritze. Ein Junge nickt und ich komm mit einer großen Nadel. Er haut ab—damit ist erst mal Ruhe.

Lehrerkonferenz: Einteilung für´s Examen am Freitag, Samstag, Montag und Dienstag. Dann geht es los mit den Patienten. Wir arbeiten in 2 Zimmern, mit dem neuen Laptop geht das !. Zum Glück ist eine unserer Lehrerinnen mit ihrem Kind da und übersetzt für mich ins Kreol . Viele Kinder haben Krätze, Fieber, Husten oder Bauchweh oder oft alle 4 zusammen.  Es fängt an zu schütten. Und das auf´s Blechdach—ich versteh gar nix mehr!  Zum Glück waren die Patienten schon behandelt. Ich zeig den Mädchen, wie man jongliert und wir spielen Ringelreihen und Fangen unter dem Dach.

Samstag, 24.4., um 8 wollen wir bei dem Kind mit den verwachsenen Fingern nach einer Brandwunde eine OP durchführen, um erst mal 1 Finger von den anderen zu lösen. Bis um 10 kommt niemand, dafür eine Schwangere zur Entbindung ihres 3. Kindes. Danach Anruf: unten im Waisenhaus hat wieder ein Kind einen psychiatrischen Anfall. Wir holen sie einschließlich Koffer und Matratze. Jetzt haben wir 2 Mädchen, bei denen ständig jemand sein muss. Nach kurzer Zeit leben die beiden auf, lachen und spielen mit den Kleinen.

Ich geh mit den Kindern und den Betreuerinnen spazieren, hier heißt das „sortie“. Ich trage das 3 Monate alte Kind,  3 der etwas größeren Jungs die andern 3 Kleinen. Der mit 7 Monaten sieht aus wie ein 3-Monats-Kind. Es war sehr stark unterernährt, als es hier aufgenommen wurde. Seine Muskelspannung ist noch längst nicht so, daß er sitzen kann. Als wir wiederkommen, steht an meinem Essplatz ein Teller mit Kokosnußstücken drauf und ein Becher mit Kokosmilch. Ich denk: nanu, Mittagessen nur für mich?? und ess alles auf. 1 Stunde später kommt das Mittagsessen.  Es war ein Geschenk für mich!  Wasser zum Waschen wird aus dem großen Regenwassertank hinter dem Haus geholt und auf dem Kopf ins Badezimmer getragen. Meine vom Hund angefressenen Badelatschen werf ich weg—der Pflasterverband hält einfach nicht.—Ich hab ja noch Flipflops.

25.4. Sonntag. Ich zieh mein Kleid an zum Gottesdienst bei uns. Als ich aus der Tür trete, ist Stille bei den Kids. Alle starren mich mit offenem Mund an. Frühstück mit Milch zum Kaffee! Um 8 Uhr hält Anke den Kindergottesdienst. Thema: Gott gibt dir eine 2. Chance. ( Petrus verleugnet Jesus 3x vor dessen Kreuzigung. Jetzt nach Ostern fragt er ihn 3x: hast du mich lieb 8und sagt dann : weide meine Schafe. Setzt ihn also sogar als seinen Stellvertreter als Hirte ein)  Danach sortie mit allen Kindern: Ausflug zum Wasserfall. Jedem Kind ist ein anderes zugeordnet. Die Großen tragen die Kleinen. Der Weg geht an Feldern vorbei und dann durch unbebautes Gelände, einen mit schieferartigem geröllbelegtem Fels hinunter zu einem Bach mit einem ca 3 m großen Wasserfall. Am Bach wäscht 1 Frau und 2 Mädchen Wäsche. Anscheinend sind sie aus den Häuser an der kleinen Straße zu uns und gehen ca 2 km zum Wäschewaschen hierher!

Als wir zurückkommen, sitzen 2 Leute im „Wartezimmer“, also an der Frontseite des Hauses mit dem Behandlungszimmer. Ich versteh tatsächlich schon ein, zwei Worte von ihrem Kreol. Es hat seit 8 Tagen eine Verletzung an der Fußsohle und klagt über starke Schmerzen. Man sieht eigentlich nur dicke Hornhaut, ca 2×2 cm.  Ich trage die Hornhaut mit dem Skalpell ab, eröffne die Haut drunter und es entleert sich dicker Eiter. Mit einer feinen Pinzette entferne ich 5 Fremdkörper, trotzdem tut es auf Druck noch weh. Ich hole erstmal meinen gute Taschenlampe, dann Anke. Als ich in den Wundkanal leuchte, findet sie noch einen großen Dorn. Jodsalbenverband. Sie erfährt, daß er seit gestern den Mund nicht öffnen kann und starke Verspannung und Rückenschmerzen seit gestern hat.

Soviel zu: ich versteh schon ein bißchen.  Es ist kein Schmerz am Kiefergelenk—wir schauen uns an—Tetanus! besteht Lebensgefahr! Anke schreibt einen Notfallbrief für´s Krankenhaus, sie müsste sofort dorthin. Die Frau sagt, sie habe niemanden , der für den 9jährigen Sohn sorgt, wenn sie weg sei. Er ist Schüler bei uns und darf im Waisenhaus wohnen, solange die Eltern im Krankenhaus sind. ( er fühlt sich sichtlich wohl bei den gleichaltrigen Jungs und dem regelmäßigen Essen. Der Papa hat überlebt, die Eltern kommen nach ca 2 Wochen zurück, holen aber ihren Jungen nicht ab! Als Anke ein paar Tage später davon hört, schickt sie ihn nach der Schule nach Hause. Bisher kam von den Eltern kein Danke oder so was ).

Meine Jonglierbälle sind fest in Benutzung. Einer flog auf´s Dach und ich mach Räuberleiter für Dsiana, die findet ihn und darf ihn behalten. Hände waschen mit Kernseife, dann gibt´s Sonntagsessen: Reis mit Bohnensoße, 1 Löffel Kraut-Gelberüben-Salat, 1 Löffel große Hörnchen mit Fleischsoße und 1 Stück Fleisch 3×3 cm, evtl mit Knochen. Ich denke, die vollen Teller werden doch nie gegessen, aber die meisten holen sich noch einen 2. Teller voll! Die lachen über meine ungläubigen Blicke. Danach ist Siesta bis 3 Uhr. Anke meint, ich soll den Betreuerinnen sagen, daß sie die Kinder weiter beschäftigen sollen, aber das lehn ich ab. Ich will nicht die andere „Weiße“ sein, die Anweisungen gibt.

Es kommt eine Frau mit Kindstod im 5. Monat. Zum Glück haben wir noch Oxytocin zur Austreibung ! Danach Punktion von 500 ml Pleuraerguß bei unserer stationären Patientin. Und dann, unter Freudengejohle der Kinder schauen wir den 1. Pippi Langstrumpf- Film an .

26.4.Frühstüch um 7 : Schwarzer Kaffee und Spaghetti mit ein paar Weißkohlblättern und Karottenstückchen. Kommt euch komisch vor zum Frühstück?- Ist mir inzwischen das Liebste der Frühstücksvarianten hier!. Anke wurde in der Nacht zu einem Hausbesuch gerufen weil jemand starke Schmerzen hatte und dann um 4 , weil Dieuseul vor Schmerzen schrie. Danach konnte sie nicht mehr schlafen und hat an den Prüfungsaufgaben gearbeitet. Um 7.35 kommt die Nachricht, daß Lehrerstudenten vor der Türe stehen, also geht sie runter, um zu regeln, wer von ihnen wohin kommt.  Ich geh zu unserer Patientin Blutdruck messen ( ist ok) und Beine wickeln, das heißt, ich zeige der Mutter am 1. Bein genau, wie es gemacht wird und sie wickelt das 2. mit Korrekturen von mir. Macht sie sehr gut!  Auf meine Frage, ob sie ein Krankenhaus zum Untersuchen wegen der Schilddrüse gefunden haben kommt ein nein. Sie hätten auch kein Geld mehr, alles sei im März gebraucht worden. Danach geb ich ein bißchen Nachhilfe bei 2 Mädchen und einem JungenBei der Nachhilfe geht es um die Stellung der Zahlen. Ich diktiere: 5789 und sie müssen sie aufschreiben. Den Mädchen gelingt es , dem Jungen nicht. Nach ½ Stunde übe ich nur mit ihm Zahlen schreiben. Bis 12 geht es gut. Danach kommen die Lehre im Büro vorbei und ich trage die „ kleinen Noten“ in den PC ein.

Es warten schon wieder viele Leute vor dem Tor auf Behandlung. Ich hol mir jemand zum übersetzen und fang schon mal mit der Behandlung der Leute mit Hautkrankheiten, Husten, Fieber an, um 16 Uhr dann mit Anke. Sie ist nach 1 Nacht praktisch ohne Schlaf echt fertig. Dieuseul hat wieder Schmerzen und jetzt auch Fieber . Der Drain fördert, Antibiotikum hat er schon—wir wissen nicht, was wir sonst tun können. Der Hund klaut einen meiner Flipflops—jetzt hat er´s echt versaut bei mir!!

27.+28..4.Frühstück mit Brötchen mit Rührei drin und Milch zum Kaffee! Leute werden losgeschickt zum Flipflop suchen—vergeblich. Ich bin froh, doch meine stabilen Ledersandalen mitgenommen zu haben, nur sind die nichts zum kurz mal reinschlüpfen und nach dem Regen hängt eine cm-dicke Schicht Erde an der Sohle und sie sind nicht einfach abwaschbar. Also geh ich mit einem Mitarbeiter auf den Markt in Beaumont. 1000 Sandalen, aber keine Größe 41. Ich kauf 1 Shampoo, Schlappen Gr.42 und eine Schuhcreme für Anke. Jedes kostet 250 Gourdes.( wie ich jetzt weiß ca 2,50 €. Das mit dem Umrechnen ist doch nicht so schwierig: 5 Gourdes= 1 haitianischer Dollar (HD) und z.Zt ca 20 HD =1US Dollar). Auf den Straßen Gedränge und Motorradgehupe. Stände aus Holz mit Schuhen, Handys, Kleidung Seilen… oder auf einem Tuch auf dem Boden. Straßen mit Früchten und Gemüse, der Fischmarkt auf der anderen Straßenseite mit auf eine Schnur gezogenen kleinen Fischen und dann der Tiermarkt mit Schafen, Ziegen und Rindern. Ich sehe Früchte –oder Gemüse? , die ich noch nie gesehen hab und erfahre, das das „Veritable“ und „Niam“ ist, die anderen Namen kann ich mit leider nicht merken. Wieder zurück Schülerköpfe untersuchen, dann duschen und dann gibt´s Mittagessen: Reis mit braunen Bohnen, Soße mit Kohlblättern und ein paar Karottenstückchen, 1 Stückle Fleisch. Danach Kopien drucken für´s Examen. Der Drucker mit dem neuen Toner frisst das rare deutsche Papier. Es gibt noch 2 Pack davon. Das amerikanische Papier, das es hier zu kaufen gibt, ist gut 1 cm kürzer , dafür etwas breiter. Die Examensaufgeben müssten alle auf ein anderes Format gebracht werden und das wäre eine Mordsarbeit! Sobald der Drucker heiß wird, klemmt das Papier fest. Manchmal kann man es herausziehen, aber manchmal muss die Tonerkartusche rausgenommen werden und da schafft nur der Direktor von unten!

Aus den geplanten 4 Untersuchungen werden doch 8, dabei ein abgemagerter Mann, der im Krankenhaus war und ohne Ergebnis entlassen wurde. Wir messen den Zucker: nicht messbar für das Gerät! Nach Insulin 35 E und 2 l NaCl immer noch nicht messbar nach 2 Stunden. Nach weiteren 25 E Insulin dann 470 . Dh, er muss um die 1000 gehabt haben, eigentlich dürfte er nicht mehr leben! Er wird stationär aufgenommen im Schulzimmer.

Abendessen: Trockenes Weckle und warmer Ingwertee.

29.4. Blutzucker (BZ) ist auf unter 50! Der Patient ist froh, daß er essen darf. Nach 2 h : 97, nachmittags 250, angeblich hat er nach dem Frühstück nichts gegessen. Anke probiert es mit Tabletten.  Wir schauen uns im Internet an, was man machen muss, um das Blatt Papier aus dem Drucker zu bekommen. Geht leider nur zum Teil, weil die Druckerpatrone nicht wie im Video herausgenommen werden kann, weil etwas abgebrochen sei. Valeur kommt und kann tatsächlich nach einiger Zeit die Patrone herausziehen. Ich schau mir genau an, wo man mit dem Messer rein muss und was wohin gedrückt werden muss, damit das klappt. Neuer Versuch: wieder klemmt das Papier fest. Nochmal versucht und jetzt kann ich 90 Seiten drucken, bevor wieder 1 Blatt festhängt. 16 Uhr, Rosi kommt- wir behandeln (nur) 3 Kranke, die übrigen werden weggeschickt. Danach ist Geburtstagsfeier für alle, die bisher in diesem Jahr Geburtstag hatten. Auch alle von Nangine sind da. Jedes Geburtstagskind wird von 4 Leuten auf dem Stuhl sitzend hochgestemmt. Es wird gesungen, Valeur hält eine Rede und dann gibt es ein von Sonie gekochtes Essensbuffet—lecker! und für jedes Kind eine Limo oder Cola. Es gibt Spiele: Wie können 6 Kinder auf 5 Beinen stehen? 1 Gruppe mit 6 Jungs und 1 mit 6 Mädchen. Die Jungs nehmen je 1 huckepach, halten sich an den Händen und 1 steht auf 1 Bein haben es schnell geschafft. Bei den Mädchen macht eins nicht mit, weil es nicht von einer Anderen angefaßt werden will! Würfelspiel: jeder darf 1x reihum würfeln, wer eine 6 hat, bekommt ein Bonbon. 3 Becher , unter 1 ist ein Bonbon werden schnell auf dem Tisch verschoben. Jeder darf nur 1x raten. gibt ein Riesengejohle und Freudenschreie. Anke hat zwischenzeitlich das Papier aus dem Drucker bekommen und gedruckt, bis das nächste Papier festsitzt—echt ätzend! Sie fährt noch die Kids von unten nach Hause.

30.4.Heute gibt es Kaffee unten im Saal, weil heute das Examen anfängt. In der 1. Klasse ist heute mündliche Prüfung. In einem Klassenzimmer sitzen verteilt 4 Lehrer/innen mit je 1 Schüler. Wenn 1 Schüler fertig ist, holt er den nächsten aus dem Unterricht. Ich betreue Klasse 1 c . Zuerst gibt es Sport: Hände hoch, höher, höher, dann auf den Boden…auf 1 Bein hüpfen…Dann kommen Matheaufgaben an der Tafel. Ich frage, ob sie die Hefte dabei haben: ja und nein durcheinander. Ständig steht 1 Schüler auf, fragt um Erlaubnis, auf´s Klo gehen zu dürfen. Ich red mit einem und schon sind drei andere aufgestanden . Wer wo zu sitzen hat, hab ich längst vergessen. Einen Sack Flöhe hüten kann nicht schlimmer sein! Ich schau auf meine Uhr – noch nicht mal 10 Uhr! Da kommt rettend Anke ( und es ist schlagartig Ruhe) mit Mme Ena , Pause für ½ Stunde, puh! Danach mal ich ein Pferd oder so was ähnliches an die Tafel und geb den Kindern ein kleines Stück Kreide zum Malen. Wie schade, daß ich keinen Foto dabei habe, es kommt alles vom schönen Pferd bis zu einem Drachen raus, das hätte ich doch zu gerne photografiert. Um 12.30 Uhr werde  ich dann endgültig abgelöst und regel das im Saal mit dem Neubesetzen der Tische. Patienten werden heute keine behandelt, nur absolute Notfälle und Entbindungen wie auch am Wochenende. Also benote ich einen Teil der Matheaufgaben, den Rest muß Anke machen, das sind Textaufgaben und hier ist die Punktevergabe nicht klar.

Unser Zuckerpatient hatte morgens 37( zu niedrig), um17.30 Uhr dann 176. Wir drucken die Aufgaben für die nächsten Examenstage aus. Als mal wieder ein Blatt hängt, und der Drucker sehr heiß war, versuchten wir ihn mit einem Ventilator zu kühlen, den Hugo uns brachte. Ging nicht, nur mit 110V. Daraufhin leeren wie den Kühlschrank und stellen den Drucker rein. Auf so eine prima Idee kann nur Anke kommen. Nach einer halben Stunde wollen wir weiterdrucken- Drucker frisst das Papier und wir sind alle gefrustet. Immerhin haben wir die Kopien für morgen. Ich versuch, ins Internet zu kommen, aber es klappt leider nicht.

Samstag,1.5. So, jetzt weiß ich , was mich nachts immer wieder aufschrecken lässt: es sind unreife Avocados , die von den gr0ßen Bäumen auf´s Wellblechdach knallen . Heute ist Matheprüfung für die 4.-6- Klasse im „Saal“ ( überdachter Innenhof zwischen dem Behandlungszimmer und Büro). Die Schüler dürfen ab 6 kommen, Examensbeginn ist 8 Uhr ( geplant) 1 Kind an 1 Tisch. Wenn alle Tische besetzt sind, müssen die dann Kommenden warten, bis ein Tisch frei wird. Auf jedem Tisch soll eine Unterlage und ein Schmierblatt liegen. Ich bin um 6.45 oben und einige Tische müssen erst mal trocken gerieben werden, die sind nass vom Tau. Dann werden alte Schulhefte nach leeren Seiten durchforstet—das gibt die Schmierblätter. Heftumschläge werden zu Unterlagen. Geodreieck, Lineal und Zirkel gibt es zum Ausleihen, falls jemand keines dabei hat. Die Schüler werden einzeln zu ihrem Platz geführt, immer ein 4,5,und 6-klässler, so daß nicht eingesagt werden kann. Es ist absolute Stille im vollen Saal. Wenn ein Schüler was braucht, habt er die Hand und wartet still bis jemand kommt. Wenn ein Schüler fertig ist, streckt er auch. Jemand, z.B. ich kommt und schaut, ob eine Aufgabe übersehen wurde oder der Rechenweg auch aufgeschrieben ist, wenn das verlangt ist und nicht nur das Ergebnis draufsteht. Dann wird der Tisch neu besetzt. Die gekommenen Schüler haben entsprechend ihrem Eintreffen eine Nummer bekommen, so daß das jetzt ganz gerecht zugeht. Um 9 kommen 2 Notfälle: 1 Frau zur Entbindung und 1 junge schreiende Frau. Die 1. kam mit Motorradtaxi, Muttermund 6 cm auf. Die Wehen kommen immer schneller, sind aber nur sehr kurz. Sie kann nicht mehr, schreit nur noch: ich werde sterben! und ich sage immer wieder: nein, wirst du nicht! Sie bekommt unser letztes Oxytocin und um 12 Uhr ist ihr kleines Mädchen geboren. Alle sind sehr froh und dankbar. Dann beginnt eine massive Nachblutung. Wie gut, daß das Oxytocin schon läuft ! Anke presst den Uterus zusammen, die Infusion wird auf schnell gestellt und –Gott sei Dank!—die Blutung stoppt. Die schreiende junge Frau musste solange warten. Sie hatte im Januar eine Fehlgeburt und jetzt eitrigen Ausfluss aus der Scheide, kein Fieber. Sie bekommt Infusion mit Antibiotikum und schmerzstillendes Buscopan. Beide kommen ins Zelt. Unser „ Zuckermann“ hat schon wieder die Tabletten falschgenommen, trotz bestimmt 10x sagen. Er sagt immer ja, ja. Falls der Wert um 18 Uhr gut ist, darf er heim.

Anke hat mit ihren Eltern geskypt! Traudel wird meiner Schwester Heidi ( wohnt um die Ecke) Bescheid geben, daß es mir gut geht! Ich hab hier in Haiti keine Verbindung mit dem Internet und kann auch nicht telefonieren. Hugo will mir eine haitianische Simkarte besorgen. Nachmittags bekomme ich den PC und kann tatsächlich auf mein Googlekonto zugreifen und damit meine emails lesen und meine 1. Mail nach Deutschland schreiben! Die Fotos müssen warten, bis ich zuhause bin.

Während ich meinen Maisbrei zu Mittag esse, kommt ein Mitarbeiter und klagt über Schmerzen im Ohr. Ich sag ihm: du siehst doch, daß ich esse—er schaut mich bloß erstaunt an. Also sag ich ihm, er soll um 4 in die Pharmacie kommen und da geht er ( kommt um 4 Uhr nicht zum Behandeln). Das Ferkel, das bei Anke wohnt, läuft grunzend auf dem Gelände herum. Wegscheuchen nutzt nur kurz was. Es hat bereits 3 Leute ( auch Anke) in den Zeh gebissen,  da passt inzwischen jeder auf. Aber solange man nicht weiß, ob es noch ansteckend ist, darf es nicht zu den anderen Schweinen. Es ist jetzt sauber, geht also zum Pinkeln und … raus ins Gelände, lässt sich von Anke streicheln und bettelt wie die Katze ums Fressen.

Zucker ist bei 550! Bekommt 15 IE Insulin zu seinen Tabletten. Nix mit Entlassung.

Sonntag,2.5. Frühstück : Weckle und Milch zum Frühstück ( wie jeden Sonntag) Zucker ist bei 73, prima . Die junge Frau hatte  vor Schmerzen geschrien und von Anke eine Schmerzspritze bekommen. Auch ihr geht´s jetzt gut, sie bekommt ihr AB. Nach dem Kindergottesdienst gehen die Kids wieder mit ihren Betreuerinnen spazieren, ich geh zum Benoten und Drucken. Um 17 Uhr Notfall; ein Junge ist auf der nassen rEde am Nachmittag ausgerutscht und habe sich den Arm gebrochen. Es ist ein kompletter Bruch beider Unterarmknochen. Anke macht eine Plexusanäthesie und richtet unter heftigem Zug den Bruch ein. Danach Gipsschiene vom Daumen bis Oberarm und Tuch und dann fährt er hinten auf dem Motorrad nach Hause.

3.5. Zucker ist nüchtern 230, er bekommt 10 IE Insulin. Um 7.50 Fahnenapell, danach fangen wieder die Prüfungen an. Ich hab diesmal Klasse 2b. Nach 1 ½ Stunden bin ich mit den Nerven fertig und ziemlich heiser. Ablösung für 30 Minuten—Ich stürze eine eiskalte Flasche seven up runter. Danach nehm ich Bonbons mit und 1 Kind muss raus aus dem Klassenzimmer, das Bonbon wird versteckt und er darf es suchen. Erlaubt ist nur heiß und kalt –sagen: Der Schüler läuft sofort zum Bonbon. Ich erkläre nochmal die Regel: Nicht vorsagen, wo es  versteckt ist. Die nächste Schülerin läuft sofort zum Bonbon. Ich bemerke ein paar Schüler, die durch die Fenster schauen und verscheuch sie. Nützt nix, dann tauchen sie hinter dem Haus auf. Also mach ich die Fensterläden zu. Der nächste Schüler läuft direkt auf das Bonbon zu. Was machen? man kann keine 30 Schüler im Auge behalten und einer zeigt immer auf die Stelle, wenn ich nicht hinschaue. Also tu ich so, als wäre ich tief beeindruckt, wie schnell sie das Bonbon finden und konzentriere mich darauf, daß jeder nur 1x drankommt. Danach kommt endlich meine Ablösung. Ich kontrolliere, ob ein Schüler bei allen 3 mündlichen Stationen dran war und gebe ihm dann einen kleinen Zettel, daß er zur Kantine gehen darf und dort etwas zum Essen bekommt. Danach darf er heimgehen. Gefragt wird z.B. in Naturkunde: welche 3 Gemüse kennst du? Nachmittags korrigier ich Matheaufgaben bis um 9 , dann reicht´s mir und ich geh schlafen.

Di, 2.5. letzter Prüfungstag Ich hab die 2c . Inzwischen hab ich schon gelernt, daß es unklug ist, gleich mit Sport anzufangen. Ich weiß auch, daß immer nur 1 Schüler auf dem Klo sein darf. Also zähl ich sie: ich hab 28. Nachdem aber immer wieder 1 Schüler zur mündlichen Prüfung muss , hab ich manchmal nur 23 Schüler in der Klasse .Ich beginne mit Matheaufgaben und dann kommt Anke mit dem PC. Den Pippi Langstrumpf-Film hab ich schon dabei. Auf einmal hab ich 42 im Zimmer und geschätzte 10 an den Fenstern. Die Lehrerin vom Nachbarzimmer kommt rein und lacht nur, als ich ihr sage, ich wüsste nicht, welche Schüler meine seien. Dann kommt meine Ablösung und schaut mit den Kids weiter den Film an. Ich korrigiere weiter und trage Ergebnisse in den PC ein. Inzwischen kapiere ich zumindest in Mathe die meisten der auf Kreol gestellten Fragen. Ich bekomme von Anke leckeren gekühlten Veritable-Fruchtsaft zu trinken und geh um 9 schlafen.

3.5. Ich wird um 2 nachts geweckt: Entbindung steht kurz bevor. Anke ist schon seit 3 Stunden auf. Um 2.30 Entbindung ein kleinen Mädchens. Anke näht den kleinen Riß in 3 Schichten, dann nehmen wir die Kleine und lassen die Mutter die frischgebackene Mama, Liege, Boden und was sonst noch blutig wurde waschen. Sie schlafen auf der nackten Matratze, haben für das Baby  ein dünnes Handtuch zum Abtrocknen, 1 Lätzchen als Windel, 1 Strampelanzug, 1 dünne Mütze und eine dünne Decke dabei, in die wir das Kind einwickeln. Dann geht´s ins Bett.

7 Kaffee bei Anke, die ziemlich fertig ist vom wenigen Schlafen. Dann kommt ein Anruf: Die Präsidentenehefrau kommt nach Beaumont und möchte an 50 bedürftige Schüler von 8-11 Jahren Päckchen verteilen. Also muss Anke 50 Schüler/innen diesen Alters raussuchen. Das ist nicht so einfach wie in Deutschland: Klasse 3-5. Hier sind auch 14-jährige in der 2. klasse. Ich korrigiere und trage Punkte in den PC ein. Um 13.30 macht Anke Lehrerfortbildung. Ich stoße um 14.30 dazu und bin recht stolz auf mich, daß ich dem Vortrag folgen kann. Es geht darum , wie man die Fragen richtig stellt, damit 1.die Frage eindeutig ist und 2. die Antwort Platz auf der vorgesehenen Zeile hat. Dann wird der Zettel gebracht, auf dem die Anzahl der Patienten steht, wie alt sie sind und was sie haben. Ein paar Lehrer wollen auch behandelt werden. Um 17.30 ist der Zucker unseres Patienten ( alleinstehender Onkel eines Lehrers)347. Wir sagen ihm, daß wir unbedingt 30/70 Insulin brauchen, er soll auch Insulinspritzen besorgen. Ich erzähl ihm daß ich gerade geduscht habe, weil ich auf der regennassen Erde ausgerutscht bin, den Computer hochgestreckt in die Luft und ein paar der Examensblätter dreckig aber die meisten gerettet, meine Hose, T-Shirt und Haare dafür rotbraun waren und ernte bei allem Stöhnen ein kurzes Grinsen.

6.5. Donnerstags gibt´s Spaghetti zum Kaffee. Ich schau nach unsern Patienten: Zuckerpatient hat 183. Ich frag ihn, ob er etwas gegessen hat—ja. Ob er Tabletten genommen hat—ja. Hast du 1 genommen?—ja hast du 2 genommen—ja ich glaube, er versteht nichts. ( Abends 370—15 IE Insulin). Dann zieh ich dem Schüler mit der Platzwunde die Fäden. 4 Mitarbeiter haben Probleme, den 5 verweise ich dann auf 16 Uhr und geh wieder korrigieren zu Anke. Mittagessen donnerstags: Boule, Süßkartoffel und Yams mit Weißkohl und irgendeinem grünen Gemüse( Sepina) in Bohnensoße. Um 16.15 geh ich zum Kranke versorgen. 4 werden angenommen, 7 weggeschickt, sie sollen in die Klinik gehen . Für die Kinder gibt es einen Film : Kiriku. Sie jubeln. Kiriku kennen sie von früher , leider ist der von Anke weg oder kaputt und ich hab ihn vom Deutsch-Französischen Institut ausgeliehen gekommen ! Merci, merci!

Ich nehm eine Einkaufstasche voller leerer Medikamentenschachteln mit nach unten und Bau mit den kleinen einen hohen Turm. Es ist wie bei unsern Kindern auch: das umwerfen macht ihnen am meisten Spaß. Dann kommt Klara auf die Idee, eine Schachtel als Telefon zu benützen und kurz darauf rennen alle mit einer Schachtel am Ohr herum und lachen sich kaputt, als ich mit M. Hugo, Mme XY und Herrn Z rede. Zum Abendessen dünner Fladen mit Erdnussbutter, dazu Zitronenzuckersaft. Um 9 geh ich schlafen.

7.5.6.17 Katzenwäsche, wie immer ist das Bad von den Kids belegt, die sich aus einer großen Schüssel mit Kernseifenwasser waschen und mit kaltem klaren Wasser „ nachwaschen“.

 Ich hab Halsweh und Gliederschmerzen. Korrigieren und in PC eintragen. Geh früh schlafen

8.5.Halsweh, Gliederschmerzen, später Schnupfen. Gut, daß ich viele Taschentücher dabei hab. Eiskalte Füße: danke, Heidi, für die gestickten langen Socken! Ich dacht ja nicht, daß ich sie brauchen würde, aber jetzt bin ich froh drüber. Ich versorge “meine“ Patienten. Anke ist 2x mit dem Auto gefahren, um die Bohnenernte ( dunkle Kidney-Bohnen) rechtzeitig vor dem drohenden Regen in Sicherheit zu bringen. Dann bekam sie einen Anruf: eine Frau liege halbtot vor dem Tor. Eine 18-jährige Frau wird auf dem Tragetuch reingetragen. Massiver Ikterus, deutliche Anämie, starke Gelenkschmerzen v.a. im Knie. Sonographie zeigt eine riesige Leber. Was hat sie? Hämolyse, Malaria, Hepatitis, Leukämie?? Keine Gallensteine, keine Echinococcuszysten zu sehen . Anke bastelt ein Blutsenkungsröhrchen. Das Serum seigt rote Schlieren wie bei Hämolyse, ist aber am nächsten Morgen klar. Am Wochenende wird sie kein Krankenhaus aufnehmen, aber am Montag muss sie unbedingt zur Diagnostik in ein Krankenhaus mit Labor. Sie bekommt Ringer-Infusionen und Ibuprofen. Paracetamol darf bei Sichelzellanäme nicht gegeben werden.

9.5. Unser Zuckerpatient war die ganze Nacht allein und das verstößt gegen alle Regeln! Heute soll die „ Schulung“ von allen Angehörigen durchgeführt werden für´s Fingerstechen und Blutzuckerbestimmung und Insulin spritzen. Wir schreiben auf, wie hoch der  Zucker ist und wieviel 30/70 Insulin ( ist endlich gekommen) dann gegeben wird. 4 unsere großen Mädchen gehen in sehr schicken Kleidern mit ihrer Betreuerin in die Kirche. Sobald die Examen fertig sind, geh ich mit! Hier findet wieder eine Kurzandacht mit 2 Liedern statt, danach ist Sortie für die Kids und Betreurinnen. Mir geht´s lausig, ich korrigiere ein bißchen und mach nach dem Essen tatsächlich einen Mittagsschlaf. Abends wird eine junge Frau gebracht, die halb ohnmächtig vor der Tür lag. RR 190/120, rasender Puls. Anke komprimiert den Sinusknoten am Hals. Würde ich mich nie trauen, kann sie nur machen, weil sie zur Not intubieren könnte—Puls und RR sind danach normal! Eine Frau mit massivem Asthma bekommt unser letztes Bricanyl gespritzt und kann nach 5 Minuten wieder durchatmen- bleibt erst mal für 30 Minuten zur  Überwachung hier. Die Frau mit der unklaren Erkrankung schreit vor Schmerzen und bekommt Tilidin. Anke schreibt einen „ Verlegungsbrief“, damit sie Montag früh gleich ins Krankenhaus fahren können.

Mo, 10.5. Spaghetti zum Kaffee. dann fährt Anke die kranke Frau und ihre 2 Begleiterinnen zum Bus. Sie müssen sie zum Auto tragen. Ich frag ganz blauäugig, ob ein Ergebnis mitgeteilt wird—bisher habe das noch nie ein Arzt gemacht-. Oh je. Eine Lehrerin ist krank. Eine Betreuerin hat eine hypertensive Krise, nach 5 Minuten ist alles wieder ok. Die Frage ist: was machen? Krankenhaus ist teuer, viele Ärzte haben eine Privatpraxis mit Sonographie und Röntgen ( bringt viel Geld) ,Laboruntersuchungen werden in privaten Labors gemacht( bringt auch viel Geld) . Wer z.B. eine Schilddrüsendiadnostik machen kann, weiß keiner. Also wird erst mal bei jedem Sono und Röntgen gemacht.  Ich weiß nicht, ob ich da ins KKH wollte! Unser Zuckerpatient hat uns wirklich verärgert und das lassen wir ihn und die Betreuerin auch deutlich spüren: Allen wurde gesagt, daß  ½ Stunde vor dem Essen Blutzucker gemessen und dann gespritzt werden muss. Um 9 sagt er auf meine Frage, daß er nichts zum Essen hat. Um halb elf sagt er Anke, daß er um 8 2 Kochbananen gegessen hat. So kann man die Insulineinstellung echt vergessen! So kann er auch heim mit geliehenem Blutzuckermessgerät und seinem Insulin samt einem Plan, wann wieviel gespritzt werden soll.

Ich korrigiere Science, Naturwissenschaft, dann sind nur noch Textaufgaben und Kreol-Aufsätze und Diktat für Anke übrig. Valeur hat von 3 Klassen zu korrigieren, alles andere machen wir hier. Mittags geh ich runter , da sitzen die Kleinen still am Tisch, 2 schlafen. Ich nehm sie mit zum Sammeln. Sie sind mit Feuereifer dabei und bringen mir kleine Avokados, dann schöne rund Steine, dann suchen wir Blumen , danach schöne Blätter und Stöckchen. Dann versuch ich, mit ihnen Markt zu spielen, aber das kapieren sie noch nicht. Aber die Großen, die vom Unterricht kommen, amüsieren sich sehr. Hände seifen vor dem Essen: Reis, natürlich mit Bohnen, ein bissle Kraut und mikroskopische Fleischstückchen, oder ist das Fisch? Ich schlaf ca 15 Minuten—Siesta ist toll!—dann kommt Anke, es sei nochmal eine Fuhre Bohnen zu fahren. Ich fahre durch Beaumont, eine steinige Straße hinunter , wende und geh mir dann das Bohnenfeld anschauen. Es ist ca 1 ha groß, Maispflanzen stehen noch locker, die Bohnen waren dazwischen. Guter Boden, fast keine Steine. Viele Leute sind auf ihren Stücken bei der Arbeit. Die Bohnen kommen nach Fontrakil, 2 der großen Mädchen kommen gleich mit Sack und Pack mit uns. Eine darf gleich dolmetschen bei 2 kranken Kindern. 1 Frau kommt mit Nesselsucht, dann kommt ein Notfall auf der Trage: Eklampsie bei Zwillingen im 7. Monat Die Frau hat schon den ganzen Tag mehrfach gekrampft.Die Zunge ist blutig gebissen. Noch während sie untersucht wird, krampft sie erneut. Diazepam Rektiole, Tubus zwischen die Zähne- Adalat wird ausgespuckt RR 220/120 Nochmal 1 Adalat unter die Zungen. Zugang mit langsam Ringer-Laktat. Anke fährt sie in der Dunkelheit zum Krankenhaus nach les Caille zum Kaiserschnitt.Möge Gott sie behüten !!! Eins unserer <Kinder hat 39,1 axillär—Eis zum Kühlen, Paracetamol und CotrinSaft. Soll viel trinken. Die Kinder hier trinken normalerweise 3x 1 Plastikbecher Wasser. Zucker ist auf 237—16 IE Insulin. Ein anderes Kind hat 38,2, bekommt ½ Tbl Paracetamol

11.3. Es gibt nur ein bißchen Kaffee. Er ist (plötzlich !? ) aus und muss erst besorgt werden . Laut Anke ist das immer so. Rechtzeitig nachkaufen ist nicht die Sache der Haitianer.

Anke war mit der Patientin mit Eklampsie in 6!! verschiedenen Krankenhäusern in Les Cailles. Wurde in keines reingelassen, es sei kein Gynäkologe da. Zwischendurch sprang der Motor nicht mehr an und Anke musste bei Nacht mit einem Stein auf die Kontakte klopfen. Oh Wunder: Mitten in der Nacht, in einer gefährlichen Stadt ( vor kurzem wurde dort ein Priester entführt) hielt ein junger Mann an und wollte ihr Starthilfe geben, hatte sogar die Kabel dabei, aber leider sprang der Motor trotzdem nicht an. Irgendwann hat der Stein dann anscheinend die richtige Stelle getroffen, so daß sie weiterfahren konnte. Sie ist mitsamt der Patientin frühmorgens wieder zurückgekommen. Die Frau hat immer wieder einen Krampfanfall bekommen, die Rektiole haben nicht gereicht. Hugo will um 8 nach Jeremie fahren und sie mitnehmen. Zucker 37. Kind Fieberfrei, dafür hat Mona die ganze Nacht fürchterlich gehustet und ist heiß. Anke geht sich ausstrecken und hoffentlich lässt man sie schlafen!.

Ich habe alle Patienten, die ich behandelt hatte, in den PC eingetragen. Jetzt inspiziere ich die Schränke und schreib schon mal auf, was aus meiner Sicht dringend bestellt werden muss. Fast jede Schachtel wird aufgehoben, ebenso jeder Beipackzettel. Nur diejenigen, die auf dem Boden im Schrank gelegen hatten, werden weggeworfen. In die Beipackzettel werden die abgezählten Medikamente eingepackt und den Patienten mitgegeben, mit den Schachteln können die Kids Häuser…bauen. Dann sortiere ich die Medikamente nach Ablaufdatum, diejenigen, die schon lange abgelaufen sind, werden weggeworfen, nur 1 Notfallmedikament behalte ich trotzdem. Lieber etwas Altes als gar nichts.

 

Reisebericht von Dr. Waltraud Schippert – Mai 2021

Reisebericht von Dr. Waltraud Schippert – Mai 2021

Mein Name ist Waltraud Schippert, in Haiti bin ich Dr. Traudel , für die Kids einfach: Traudel

Jetzt bin ich schon 1 Monat bei menkontre in Beaumont und es wird Zeit für meinen 1. Reisebericht:

Abfahrt Tübingen um 5.30 Uhr nach Zürich mit dem größten Koffer, den ich ausleihen konnte, einem prall gefüllten Rucksack mit angehängter Stofftasche mit Traubenzucker-Lutschern und angeknoteter Regenjacke. 2/3 des Koffers sind mit Dingen für menkontre wie Medikamente, Druckerpatronen … gefüllt. Problem ist das Gewicht. 23 kg sind erlaubt, 26 kg waren auf meiner Waage . Deshalb Regenjacke und Lutscher an den vollen Rucksack. Meine guten Körpercremes und Shampoos raus, eine warme Jacke und meine Jeans bleiben auch in Tübingen. Gewicht 22,8 kg—gut so! Ich bin sehr froh, dass ich mit dem Auto zum Flughafen gefahren werde. Am Flughafen kann ich mit der Bankkarte Schweizer Franken abheben und die am Schalter in US-Dollar tauschen. Mein Flug geht über Madrid nach Santo Domingo (Dominikanische Republik). Ankunft um 17.50 Uhr mit einer Zeitverschiebung von 6 Stunden, es hat 31°C. Im Flugzeug neben mir saß eine junge Frau aus Santo Domingo, die momentan in Barcelona wohnt und wegen Corona zum ersten mal seit einem Jahr ihre Mutter besucht und ein Holländer auf Geschäftsreise. Er installiert und wartet Verpackungsmaschinen. Jeder bekommt 2 Zettel zum Ausfüllen, einen für die Einreise und eine Zollerklärung. Es ist ein sehr moderner Flughafen. Auf dem Fußboden sind markierte Flächen mit Pfeilen aufgeklebt und es wird von viel Personal streng überwacht, dass auch jeder nur auf den markierten Flächen steht. Ansonsten sind alle sehr freundlich.

Ich geh zum „Taxistand“: 2 Männer sitzen an einem Campingtisch, mit denen verhandle ich den Preis. Es werden 40 $ verlangt, ich handle auf 25 $ runter. Der Fahrer Almonte spricht nur Spanisch. Ich zeige ihm die Hoteladresse: Casa Aluge in der Calle Salome Urena und er fragt per Handy nach, wo das ist. Es ist viel Verkehr und leider wird es schnell dunkel, aber er bringt mich nach 2 „Ehrenrunden„  sicher zum Hotel. Es ist ein uriges kleines Hotel. Ich bestelle Borriga( Teigtasche mit gut gewürztem Fleisch und Gemüse), das sei typisch hier, und 2 Bier Presidante, das in Santo Domingo gebraut wird. Dann geh ich schlafen mit Klimaanlage und Oropax. 

Karibisches Frühstück mit gebratenen Kartoffeln, Salami und Spiegelei, dazu frische Ananas und O´saft und so viel Kaffee, wie man trinken will. Ich geh für 3 Stunden in der Stadt spazieren, bin kurz in einer Kathedrale, flüchte dann aber vor dem vielen Weihrauch und werde von Almonte um 12 Uhr abgeholt und zu einem anderen Flughafen gefahren. So einen schönen Flugplatz hab ich noch nie gesehen: blühende Sträucher und Blumen zum Flugfeld hin, dafür sehr unbequeme Sitze. Es gehen 2 Propellermaschinen für 40 Personen nach Port au Prince. Zuerst diejenigen, die mit der teureren Fluggesellschaft (Sunrise) fliegen, dann nach ca. 30 Minuten der Rest mit mir. Ich sitze direkt hinter dem Piloten, die Tür zum Cockpit fehlt. Der Pilot macht eine Durchsage: sehr geehrte Fluggäste, unser Flug nach- Pause, er fragt den Copiloten: wohin fliegen wir eigentlich? Antwort Port au Prince- dann nochmal: geehrte Fluggäste, unser Flug nach PaP  beginnt pünktlich. Der Flug ist ruckelig mit Windböen, aber er landet sicher. Ich bin in Haiti!

Auf dem Flugfeld ist ein Helikopter von der WHO und unser Propellerflugzeug. Wieder sitze ich direkt hinter den Piloten und kann so auch durch die Frontscheibe schauen. Super Sitzplatz! Wir setzen zur Landung an und da seh ich eine Weiße beim Flugplatzgebäude von Jeremie stehen—das muss Anke sein!

Es ist Anke, die mich abholt. Wir  fahren nach Jeremie rein und treffen dort Hugo. Er hat eine sehr sympathische ruhige Art und scheint 1000 Leute zu kennen. Auf der Straße hört Anke eine Passantin auf Kreol sagen: ich wusste ja gar nicht, dass es hier noch Weiße gibt! Viele kleine, zur Straße hin offene, Läden oder Stände am Straßenrand, oft mit Handys. Gewusel, Gehupe, jeder scheint etwas zu rufen. Die Häuser sind 1-3-stöckig, teilweise bunt bemalt. Es gibt nicht viele freundliche Blicke. Ich bin froh, als wir aus der Stadt rausfahren. Müll liegt überall am Straßenrand. Später steigt noch ein Mitarbeiter von menkontre zu. Schöne Gegend, fremde Bäume. Anke sammelt Baumsamen, um später Bäumchen zu ziehen. Sehen ähnlich aus wie Affenbrotbäume, sind aber laut Anke mit der deutschen Brennessel verwandt. Anke nennt Namen auf kreol und lateinisch, manche auch auf deutsch. Es geht immer bergauf. Die Palmen werden seltener. Da gibt es hier ein Sprichwort: eine Palme wächst dort gut, wo sie Wasser sehen kann. Wunderschöne Gegend. Auf den ersten Blick kann ich gar nicht glauben, dass in einem Land mit so vielen verschiedenen Bäumen so eine große Armut herrscht, aber auf den 2. Blick sieht man die vielen Felsen und Steine und wenig rote Erde. Die Straße ist ganz neu. Vor Beaumont fahren wir an Fontrankil, dem älteren Teil von menkontre mit den Schülern ab der 3. Klasse vorbei. In Beaumont biegen wir nach rechts ab, eine holprige Straße entlang und stehen vor einen verschlossenen Tor. Ein Pförtner öffnet—es ist Montag, der 19.4., ca 12 Uhr–ich bin beim Waisenhaus angekommen!

Laufend gehen Anrufe ein: Ein Kranker möchte untersucht werden, ein Lehrer meldet sich krank und zig weitere. Wenn Anke telefoniert, versteh ich meist nix! Um 4 Uhr beginnt die Sprechstunde. Vor dem Tor warten Kranke z.T. schon seit dem Vormittag. Es gibt eine Liste in der Reihenfolge, in der sie kamen. Notfälle werden natürlich vorgezogen. Von jedem Kranken gibt es eine Krankenakte mit Namen, Geb-datum und Wohnort. Dann Anamnese, Untersuchungsbefund, evtl. Sonographie, Diagnose, Therapie und Verlauf. Super Dokumentation! Kranke mit Fieber, Husten, Bauchbeschwerden, Schmerzen oft im Oberbauch und eine Schwangere mit Übertragung. Dr. Rosi kommt dazu. Sie ist eine junge Ärztin, die bei Anke Sonographie lernt. Einem Waisenkind tut der Ellbogen weh. Gebrochen oder nicht? Anke meint nicht gebrochen, Arm wird geschient. Um 10 Uhr, es ist kuhnacht, sind alle Patienten versorgt. Ich hab keine Taschenlampe dabei, Anke bringt mich zu meinem Zimmer. Gut, dass Handys eine gute Lampe haben. Im Klo ist ein großer Eimer mit Wasser (15l?)- ich muss morgen nach einer Schöpfkelle fragen. Oropax und ab ins Bett.

Gut geschlafen, die Matratze ist gerade richtig für mich. Ich wach tatsächlich um 5.30 Uhr auf. Ziegen meckern, Hunde bellen (Anke hat 3) , Türen quietschen fürchterlich, Wasser plätschert, dann um 6.16 Uhr Kindergeschrei. Zeit zum Aufstehen. Die Kinder waschen sich von Kopf bis Fuß mit kaltem Seifenwasser – da würde ich auch schreien. Als sie fertig sind, bin ich dran. Die Eingangstüre ist abschließbar. Ich geh aufs Klo. Das benutzte Klopapier wird (zum Verbrennen) in einem Karton gesammelt, darf NICHT ins Klo geworfen werden, weil sonst die Leitung verstopft. Gut, dass nach oben alles offen ist, so stinkt es nicht. Danach mach ich Katzenwäsche und geh zu Anke. Frühstück besteht aus starkem schwarzem Kaffee und, weil heute Dienstag ist, Milch dazu—Dienstags bekommen die Kids Milch zum Frühstück – und einem trockenen Brötchen. Nichts mit ruhigem Frühstück. Laufend kommen Leute um sich „anzumelden“, manchmal sagt ihnen Anke, was heute zu tun ist. Wenn jemand zu spät kommt, gibt´s einen Anschiss. Das Schwein liegt zugedeckt da wie tot. Um 7.50 gehen wir zum Fahnenapell. Es wird die Fahne gehalten (der alte Baumstamm ist umgefallen und noch keine neue Stange da), die Nationalhymne mit Inbrunst gesungen, ich mit offenem Mund angestarrt, dann gehen die Kinder klassenweise mit ihrer/m Lehrer/in in ihre Klasse. Keiner darf in den Klassenraum, solange nicht der Lehrer da ist. Jeder Schüler hat ein blaues Oberteil an, einige auch blaue Hosen. Ein Lehrer ist krank. Der Ersatzlehrer steht am Tor, damit die zu spät kommenden Schüler registriert werden und muss erst von Anke „herzitiert“ werden. Er sieht nicht glücklich aus. Ich werde allen Lehrern und Schülern vorgestellt und vergesse  sofort wieder all die fremden Namen.

 Den beiden stationären Patienten geht es besser. Anke meint, der mit Diabetes kann gehen, er soll aber zum Zuckereinstellen ins Krankenhaus. Zucker morgens ist 88, nachmittags gestern 380, heute 280. Hier gibt es nur “normales“ Insulin, er braucht aber Retardinsulin. Der Mann meint, er kann nicht gehen. Er habe heute den Markttag verpasst, deshalb nichts verdient und deshalb habe er kein Geld, kann also nicht in die Klinik. Am späten Nachmittag geht er dann doch. Ohne danke zu sagen. Der kranke Junge meint, es geht ihm besser, Fieber ist auf 38,8 axillär gesunken. Das Antibiotikum wird von Spritzen auf Tabletten umgestellt. Die Mutter möchte die Entlassung. Sie weiß, dass sie wiederkommen kann, falls es schlechter wird. Tabletten (Antibiotika und Paracetamol), ein Danke und weg sind sie. Wenn man sagt: „ich geh jetzt“, gilt das als Abschied.  Zum Mittagessen gibt es Kartoffeleintopf mit kohlartigen Blättern, wenig Karotten, für jeden 1 Stückchen Fleisch (ca. 3x3cm groß) und eine fingerdicke Mehlkloßrolle in Gemüsebrühe. Wie ich heute weiß, waren das keine Kartoffeln, sondern Yams und Kochbananen, Weißkohlblätter,„Spinat“, garantiert Biofleisch, so zäh wie das war und Boule, eine gummiartige Mehlpampe ohne großen Eigengeschmack. Schmeckt insgesamt aber gut. Ich esse einen Teller, die meisten der 5-10-jährigen Mädchen, mit denen ich am Tisch sitze, essen 2 Teller. Dazu gefiltertes Wasser. Kurze Pause, in der ich eine Dusche nehme. Ich hab eine abgeschnittene Infusionsplastikflasche als prima Schöpfkelle!

Dann bring ich weitere Medikamente in den Behandlungsraum. Anke ist v.a. über die Trachealsekretfallen für Neugeborene und die Diazepamrektiolen froh! Prompt wird am Nachmittag eine krampfende Schülerin gebracht, die den Mund nicht aufmachen kann, die Hände fest verkrampft hat, und nur leicht den Kopf schütteln oder nicken kann. 10 mg-Rektiole, danach 2 Calciumtabletten aufgelöst schluckweise zu trinken. Die Mutter kommt nach ca. 2 Stunden, da ist es besser. Das Kind habe das öfter, sie sei von einem Dämon befallen. Nach 2 Stunden sei dann alles wieder vorbei. Die Beine seien nie verkrampft, immer nur Kiefer und Hände—Kein Hypervertilieren, kein Hinweis auf Epilepsie, wir wissen nicht, was das Mädchen hat. Nachmittags kommt M. Valeur, der das Waisenhaus und Schule für die „Großen“ verwaltet her, um mit Anke u.a. das Problem der fehlenden 8000 €, die von den Sternsingern Rottenburg eingeplant waren um Häuser für die Leute zu bauen, die beim letzten Cyclon alles verloren haben zu besprechen. Es sollen einfache Häuser auf dem Randstreifen des Geländes von menkontre zum Markt hin gebaut werden. Planung gibt es schon, Zement für Ziegel ist schon gekauft und einige Bausteine sind auch schon gemacht. Sollten die Leute wegziehen, bleiben die Häuser Eigentum von menkontre. Ich sage die 8000€ zu, sie sollen weitermachen mit dem Bau, die Leute leben teilweise unter Plastikplanen! Bestimmt finde ich Leute, die das mit bezahlen werden .

Um 16 Uhr sitzen die Patienten auf Stühlen an der Hausseite, um behandelt zu werden. Bauchschmerzen, Rückenschmerzen, Fieber, Schwangere. Alle werden gründlich untersucht, im PC eingetragen (das mach ich) , evtl. sonographiert und bekommen kostenlos Medikamente. Wir sind schon um 20.15 fertig, weil die letzte schwangere Frau gegangen ist. Die Jungs haben mit dem Abendessen auf uns gewartet. Es ist Dienstag, da gibt es Fruchtsaft zum Brötchen. Wir haben es so geregelt: morgens Frühstück bei Anke, Mittagessen mit den Mädchen und Abendessen mit den Jungs. Die Kids fragen, ob ich einen Film zeige—aha, Anke hat ihnen also gesagt, dass ich Filme mitgebracht habe. Das stimmt, ich hab 4 vom Institut franco-allemand ausgeliehen und 4 Pippi Langstrumpf-Filme für sie gekauft. Und auf einem Stick sind auch Kinderfilme auf französisch von Ruth. Aber heute bin ich zu müde und geh um 21 Uhr schlafen.

Mittwoch, 21.4. Aufstehn 6.15 Uhr, Katzenwäsche. Die „Dusche“ ist morgens von den Kindern belegt, also werde ich duschen, wenn die Großen in der Schule sind. Frühstück bei Anke. Heute ist „Feiertag“, denn es gibt Nudeln und Spaghetti in Kürbissuppe zum Frühstück! Das gab es früher nur für die Kolonialherren und seit der Unabhängigkeit 1.2.1804 gibt´s Kürbissuppe 1x/Woche für alle zum Feiern. Das kleine Ferkel wird von Anke mit der Spritze mit Gemüsebrühe und heute mit Kürbissuppe gefüttert und steht tatsächlich wackelig auf. Ich weigere mich, ihm einen Namen zu geben, weil es ja irgendwann gegessen wird. Ich geh zum Fahnenapell und bin danach beim Unterrichtsbeginn von 2 Klassen. Ein Lehrer spricht vom sich Begrüßen, Zusammenhalt und gemeinsamen Aktivitäten in einem großen Kreis vor den Klassenzimmern mit gemeinsamen Bewegungen. Dann werde ich zu einem Kind mit Bauchweh gerufen, ein anderes wird mit Fieber gebracht. Eigentlich bin ich ja gekommen, um die Buchhaltung in Ordnung zu bringen und wollte gar nicht, dass die Leute hier wissen, dass ich Ärztin bin. Aber wie es aussieht, geht Anke eine farbig markierte Stelle um die andere mit dem Buchhalter durch und ich halte ihr den Rücken frei. Ich spiel mit den Kleinen Ball fangen. Das haben die wahrscheinlich noch nie im Leben gemacht, kapieren aber sehr schnell, wie das geht und haben einen Mordsspaß mit den 3 kleinen Jonglierbällen. Zwei der Kleinen haben in die Hosen gepinkelt und brüllen los, also zieh ich ihnen die nassen Sachen aus, da kommt die Betreuerin und zieht ihnen frische Sachen an und alles ist gut. Bei Hugo bestell ich 2 Biere und 2 Seven-up zum Radler machen und ein Ölspray wegen den quietschenden Türen. Bei ihm hab ich auch ein paar US$ in Gourde gewechselt. Zeit zum Tagebuch schreiben. Lajou , der Verwalter kommt: ich soll schnell kommen, jemand sei psychisch krank. Ich finde ein ca. 15-jähriges Mädchen, das den Kopf auf dem Tisch liegen hat und sich wild schüttelt, als ich es berühre. Ich rede langsam auf sie ein, da steht sie auf, kommt mit in den Behandlungsraum und legt sich auf die Liege. Sie habe das ca. 1x/Monat, aber bisher immer zuhause und noch nie in der Schule. Sie sei wie wild herumgerannt, war nicht ansprechbar. Anke kommt dazu, die kennt sie, redet auf sie ein und da antwortet sie sehr leise. Zittert, Blutdruck niedrig. Vielleicht hat sie heute noch nichts gegessen? Wir wollen ihr was zu essen besorgen, da haut sie wie der Blitz ab. Später weint ihre kleine Schwester, da kommt sie, wirkt ganz normal und tröstet sie.

13.15 Uhr Lehrerfortbildung. Wir über 3-stimmig: as pitié seigneur (hab Mitleid, Herr), as pitié auf die Melodie von kum baja. Es wurden Leute entführt und wir singen alle aus vollem Herzen!

Anke stellt Mathe-Fragen nach. Ist das Ergebnis möglich oder auf den 1. Blick unsinnig? Wie addiere ich Zahlen mit unterschiedlichen Nennern? Wie teile ich Zahlen mit Kommastellen?—Lehrerfortbildung! –Ohne Kommentar! Dann heißt es, der seit Monaten erwartete Inspektor für die Pumpe sei da, ohne Ankündigung—Anke saust los. Halb drei, bisher keine Zeit zu essen. Es gibt Eintopf. Ich übe mit einem Kind Mathe und spiel dann mit den größeren Mädchen mit den Jonglierbällen bis um 4 Uhr. Behandlungszeit für die Patienten, die teilweise schon lange vor dem Tor gewartet haben. Es seien sehr viele Leute. Anke bekommt eine Liste.- die dringendsten dürfen rein. Dr. Rosi kommt auch und wir behandeln in 2 Zimmern. Neuralgie, Bauchschmerzen, V.a. Sichelzellanämie mit Schmerzen überall- die Patientin wird zum Blutausstrich in die Klinik geschickt-und eine schwangere Frau mit Schmerzen. Dann wird ein Motorradfahrer hereingetragen, der eine ca. 20 cm lange klaffende Wunde am Fuß hat. Lokalanästhesie und Naht. Danke an Praxis Dürr! Abendessen um 20.30 mit Radler aus Bier Prestige (Port au Prince) und 7up, dann geht´s ins Bett.

22.4. Spaghetti mit Kohlblättern und schwarzer Kaffee zum Frühstück, das ist echt gewöhnungsbedürftig! Um 8.30 Vorbereitung zur Geburtseinleitung bei Übertragung mit 1 Ampulle Oxytocin in 1l NaCl. Nach 4 Stunden tut sich immer noch nichts. Ich mache bei den Kindern von 2 Vorschulklassen die Untersuchung der Köpfe auf Pilzerkrankung: 2/3 sind positiv! Bei den 2-5-jährigen 6 von 8. Ein Schüler hat im Streit eine Faust auf´s Auge bekommen und sagt, er sieht nichts mehr mit dem Auge. Kann aber sagen, wie viele Finger man zeigt. Anke wird die Verletzung  an den „Direktor“ melden. Ein anderes Kind hat eine Augenentzündung—gut, dass ich Berberil dabei habe. Ein Kind hat fürchterliche Schmerzen im Knie. Sowas wie Voltarensalbe finde ich nicht, also mach ich eine Salbe mit Vitaminen drauf- und die Schmerzen sind verschwunden. Gleich 3 Angestellte wollen Blutdruck kontrolliert haben. Ist er normal, sind sie eher unzufrieden. Einmal ist er erhöht und soll in 2 Tagen kontrolliert werden- sehr zufrieden. Ich frage Hugo wegen Maschinenöl (wegen den quietschenden Türen) und geb ihm eine 5ml-Spritze mit, um mir etwas abzufüllen. Für 3 Bier (340ml) und 6 7up bekommt er 750 Gourde—wieviel das in € ist, hab ich keine Ahnung. Überhaupt ist das mit dem Geld kompliziert. Man kann in US$ bezahlen, in haitianischen$ und , v.a. auf dem Markt ,in Gourde.

Anke bespricht etwas mit dem Direktor und Verwalter von „unten“. (Valeur von Nanguiné). Es kommen 2 Kinder mit Bauchschmerzen zu mir. Bei dem Jungen ist nach Trinken von Zuckerwasser mit Elektrolyten( Serum oral) alles ok, er hatte heute noch nichts gegessen. Bei dem Mädchen ist der Bauch sehr gespannt, keine Darmgeräusche zu hören. Was tun? Anke rufen! Sie fragt, ob Würmer im Stuhl waren—na ja, darauf kommt man in Deutschland nicht—die Kleine sagt ja und bekommt Albendazol 1Tbl/Tag an 3 aufeinanderfolgenden Tagen. Diese Dosierung geben Ärzte ohne Grenzen, so, jetzt weiß ich das auch.

Ich frag Anke, wo ich meine dreckige Wäsche waschen kann, Kernseife hab ich in meinem Zimmer gefunden—nein, nein, das machen die Wäscherinnen. Sonie besorgt mir einen Wäschesack und lässt zu Ankes Ärger auf meine Bitte hin 5 Schrauben zum Sachenaufhängen in die neuen Bretter in meinem Zimmer bohren. Anke wollte lieber eine Wäscheleine in meinem Zimmer. Um 14 Uhr sagt Anke, dass heute nur Notfallpatienten drankommen, weil sich bei Marthe  trotz Oxytocin immer noch nichts tut. Entbindung geht immer vor. Trotzdem stehen viele Leute vor dem Tor und wollen nicht glauben, dass sie nicht behandelt werden. Ich geh zum Tor und tatsächlich ist da ein Baby, das gekrampft hat (und jetzt schläft), eine Frau, die stark schwitzend halb bewusstlos im Arm einer älteren Frau hängt und ein Mann, der auf einer Trage gebracht wurde. Die 3 dürfen rein, alle anderen werden weggeschickt.

Kind hat Fieber, bekommt Paracetamolsaft. Die schwitzende Frau war schon hochschwanger mit stark erhöhtem Blutdruck und Exophthalmus hier und wurde notfallmäßig ins Krankenhaus gebracht. Hat dort entbunden, das Kind ist leider gestorben. Sie wurde dort am 2.4. entlassen. Keine Medikamentenliste, keine Medis dabei. Der Ultraschall zeigt einen großen Pleuraerguß, der punktiert wird. Danach geht das Atmen besser. Furosemid, stationäre Aufnahme, auch ins Zelt. Der Mann von der Trage kommt ins Klassenzimmer. 2 Tische zusammengeschoben, Matratze drauf und fertig ist das Bett. Es drückt sich einen Stock in den Bauch, dann sei es besser. Er ist ausgemergelt und wirft sich rückwärts auf die Matratze. Bei der Sonograpie dringender Verdacht auf Prostatakrebs. Er bekommt Schmerzmedikamente. Bis morgen früh um 7.30 muss das Zimmer für den Unterricht geräumt sein.

Bei jedem Patienten, der aufgenommen wird, muss eine Betreuungsperson mitkommen. Sollte eine Entbindung eingeleitet werden, darf die Schwangere nie alleine sein. Das ist Bedingung für die Aufnahmen. Jetzt finden wir die schwangere Frau ohne Begleitung im Zelt. Das gibt ein Donnerwetter! Sie muss sich im „Saal“ hinsetzen, da sind immer Leute.

Um 1.30 klopft´s an meiner Türe. Die Presswehen haben eingesetzt. Rein in die Klamotten und dann schnell ins Behandlungszimmer. Zum 1. Mal bin ich dabei, wenn ein Kind zur Welt kommt!  Es ist ein gesundes kleines Mädchen. Anke hat natürlich alles schon vorbereitet: Decke, darauf Handtuch für´s Baby auf dem blauen Tisch, linke obere Ecke Nabelkomresse und Mullbinde, rechte Ecke Kleidung für´s Kind, unbedingt mit Socken und Mütze(n). Die Nachgeburt wird sorgfältig kontrolliert. Zum Glück musste nicht geschnitten und genäht werden. Die Mutter wäscht die neugebackene Mama , (die kommt mit frischen Kleidern und dem Baby ins Bett) und danach Liege und Boden. Die Plazenta wird eingepackt und mitgegeben.

23.4. Frühstück bei Anke. Kaffee und Eintopf mit Süßkartoffeln, Kochbananen und Yams mit Kohl- und Spinatblättern. Anruf: In der Schule unten krampft ein Mädchen, eine Andere hat auch einen Anfall. Wir sind sehr froh über die Diazepamrektiolen, packen welche ein und brausen los. Ampullen sind schon lange bestellt, kommen aber ebenso wenig wie Tabletten. Einer geht es wieder gut, die andere antwortet immerhin mit ja und nein nach 1 Rektiole. Sie kommt zur Überwachung mit ins Mädchenzimmer bei uns. Anscheinend laufen die Mädchen nach so einem Anfall gerne weg im Wahn und verletzen sich und bei uns ist es sicherer als neben der stark befahrenen Straße unten. Der alte Mann erklärt, er habe gut geschlafen. Der Sohn (oder Enkel?) ist bei ihm. Anke klärt beide über die Diagnose auf. Er wird mit Schmerzmedikamenten entlassen. Die Frau im Zelt kann nach der Punktion deutlich besser atmen.

Soweit, der 1. Teil.

Erfahrungsbericht Haiti

Erfahrungsbericht Haiti von Leandra

 

Im Sommer 2019 habe ich, Leandra, mich zum ersten Mal gemeinsam mit 5 Ingenieuren von EWB aus Karlsruhe nach Haiti aufgemacht, um für 6 Wochen den Verein Pwojè men kontre vor Ort so gut wie mir möglich zu unterstützen. Hierüber werde ich im Folgenden berichten, wobei es sich um meinen persönlichen ersten Eindruck handelt, welcher, verglichen mit dem Bild nach jahrelangen und wiederholten Aufenthalten, sicherlich noch sehr unvollständig ist.

Vorher ein paar Worte zu mir und wie ich dazu gekommen bin, nach Haiti zu gehen: Ich studiere Medizin in Göttingen, weshalb mich im Besonderen die gesundheitliche Lage der Bevölkerung Haitis interessiert. Bis zum damaligen Zeitpunkt war mein Studium allerdings hauptsächlich theoretisch ausgerichtet. Vor meinem Haiti Aufenthalt habe ich schon eine Jahreshauptversammlung und ein Haiti Fest des Vereins Pwojè men kontre besucht, bin ansonsten allerdings sehr unvoreingenommen an die Sache herangegangen. Für Entwicklungsarbeit interessiere ich mich schon länger, hatte zuvor allerdings lediglich über Schule, Fernsehen etc. Kontakt damit und war somit sehr gespannt, was mich tatsächlich erwarten würde.

 

  1. August 2019, es ist Nachmittag, zusammen mit den Ingenieuren komme ich am Flughafen in Port au Prince (PaP) an, müde von der am Tag zuvor begonnenen Reise, aber vor allem gespannt auf die nun beginnende Zeit. Außer unserer Kontaktperson empfangen uns die haitianische Hitze und der Trubel einer Stadt, der ich auf den ersten Blick außer den gekauften, salzigen Kochbananenchips nichts abgewinnen kann: Die vorherrschende Farbe ist ein lehmiges Grau, es ist staubig, schwül, stinkt, Berge von Müll türmen sich an jeder Ecke. Das Gewimmel der vielen Menschen (von denen immer wieder einige versuchen über angebotene Dienstleistungen oder Waren an unser Geld zu kommen) könnte kaum unübersichtlicher sein. Lärm durch Fahrzeuge und die Menschen, die sich etwas mir bis dahin (trotz meiner Französich-Kenntnisse) unverständliches zubrüllen, geben dem Ganzen den Rest. Ab diesem Zeitpunkt geht auch die Reise haitianisch weiter und das viele, schwere Gepäck wird nebensächlich, denn die kommenden 8h sind wir vor allem damit beschäftigt, Nischen für sämtliche unserer Gliedmaßen zu finden und die laute, elektronische, haitianische Musik auszublenden, mit der alle in dem kleinen Bus beschallt werden, ob es ihnen gefällt oder nicht. Und dennoch, immerhin haben wir einen Sitzplatz und sehen aus dem Fenster: Lastwägen, so voll beladen mit Säcken, dass ich befürchte, es könne jederzeit einer verloren gehen, tragen obenauf noch Haitianer – liegend oder sitzend. Was bei einem kleinen Unfall passieren könnte, daran denkt niemand, will niemand denken, wenn es die einzige Möglichkeit ist, um einigermaßen schnell von A nach B zu kommen.

Wir sehen all dies, rümpfen vielleicht die Nase, staunen über alles, was wir so vielleicht bisher nur im Fernsehen gesehen haben und doch bleibt es „ein Abenteuer“ – in 6 Wochen werden wir alle wieder ordentlich angeschnallt im klimatisierten, ruhigen Privatauto, Zug oder Bus sitzen. Dass es hier viel weniger Vorschriften gibt, macht sich nicht nur beim Transport bemerkbar, sondern auch in Protesten, in der Aggressivität die wir immer wieder erleben und die ohne Kenntnisse der Sprache schlecht einzuordnen ist (handelt es sich nur um das übliche lautstarke Gezanke oder fließt gleich Blut?) sowie beim Besuch einer Tropfsteinhöhle: dort gibt es weder Licht, noch Pfade. Unser Guide läuft, wie einige von uns, barfuß auf den rutschigen Steinen.

Es ist mitten in der Nacht, als wir nach der Fahrt über holprige Straßen, um der auch noch nicht vollständig geteerten und nachts von Überfällen heimgesuchten „Rue Nationale“ auszuweichen, in Beaumont ankommen.

 

Im Waisenhaus ist längst Schlafenszeit, trotzdem haben sie uns etwas zu Essen vorbereitet. Es gibt gebackene Kochbananen und Lanm (auch ein stärkehaltiges Gemüse), Fleisch, Pickleys (ein wenig scharfer Kraut-Karottensalat); auf Kreyòl fritay, für das Waisenhaus ein richtiges Festessen. Obwohl sie fast nichts haben, wollen sie uns das Beste geben! Es ist diese Gastfreundschaft und Fürsorge, die ich auch später noch erleben darf und die anzunehmen mir nicht immer leicht fällt, wenn ich daran denke, in welchem Überfluss wir hier in Deutschland leben.

Die respektvolle Behandlung aller Helfer zieht sich durch meinen ganzen Aufenthalt. Die Menschen sind sehr freundlich zu uns, im Dorf wissen alle, warum wir hier sind. Und trotzdem darf man sich nicht zu sehr auf die Menschen dort verlassen. Die Menschen sind gerissen und machen sich gerne einen Spaß daraus, andere über’s Ohr zu hauen. Dies ist nicht böse gemeint ist, wie mir schnell klar wird, sondern mehr Teil ihrer Mentalität. Es gehört dazu zu verhandeln und misstrauisch zu sein, alles andere wird gnadenlos ausgenutzt. Für sich selbst das Beste herauszuschlagen bietet schließlich in vielen Situationen einen entscheidenden Überlebensvorteil, so meine Erklärung. Es gab beispielsweise einen Patienten, der intensive medizinische Versorgung brauchte, es ging um sein Leben. Sein jugendlicher Sohn kam mit ihm zu uns und erbat Hilfe, die Dr. Anke Brügmann ihm gewährt hat. Jedoch wäre zusätzlich eine intensive Pflege und Betreuung wichtig gewesen, die die Ärztin aufgrund der zahlreichen anderen Aufgaben, deren sie sich in Haiti widmet, nicht bewältigen konnte und die auch nicht in ihren Aufgabenbereich fällt. So bat sie darum, dass sich Angehörige um den Erkrankten kümmern sollten. Das ist in Haiti so üblich, examinierte Pflegekräfte sind für andere Arbeiten zuständig, als das, was gefordert war und für den jugendlichen Sohn wäre die Rund-um-die-Uhr-Betreuung doch recht viel verlangt gewesen. Als es aber wirklich darum ging, für den Kranken da zu sein, war von keinem seiner Angehörigen jemand zu sehen und es verstrichen Tage, die der Patient alleine ausharren musste und in denen sich Dr. Brügmann doch zu Aufgaben bewegen lies, die eigentlich wirklich nicht ihre sind. Keiner von ihnen konnte Verantwortung übernehmen. Die Erwachsenen erscheinen mir eher wie große Kinder und in meinen 6 Wochen konnte ich mich immer noch nicht ganz daran gewöhnen, dass diese sich (bis auf einige Ausnahmen natürlich) genauso wenig verantwortungsbewusst verhalten. Mangelnde Bildung und Erziehung ist überall bemerkbar und lässt sich nun einmal nicht durch Lebensjahre kompensieren.

Die schöne Seite an dieser Kindlichkeit ist, dass die Menschen auch zeigen, was in ihnen vorgeht: sind sie sauer, brüllen sie, freuen sie sich, tanzen sie (nach einer Geburt hat mir ein spontaner Freudentanz mit Gesang wirklich Tränen in die Augen getrieben), sind sie beleidigt, ist es unschwer zu erkennen. Das erleichtert das Miteinander ungemein, Missverständnisse was Emotionen angeht, sind selten.

Auch die Verbindung der Haitianer zur Musik ist völlig anders als bei uns. Den Kindern ist es nicht peinlich zu singen, sie singen mit einer Kraft und Freude auch unbekannte Lieder, die ich in Chören bei uns so nie erlebt habe. Bei den Instrumenten sind verschiedene Trommeln in der Überzahl, in einem Gottesdienst waren auch noch Schlagzeug und Gitarren dabei. Der Rhythmus liegt den Menschen im Blut, schon die Kleinsten trommeln oder schwingen ihre Hüften, wie ich es heute noch nicht kann. Ihre Lebensfreude und Begeisterungsfähigkeit ist wirklich ansteckend. Umso trauriger finde ich es, zu wissen, wie wenig all diese Menschen aus ihren Talenten machen können, wie wenig sie gefördert werden können. Die Instrumentenvielfalt und Qualität wie bei uns und ausgebildete Lehrkräfte gibt es einfach nicht.

Die Kinder auf der anderen Seite übernehmen schon deutlich mehr Verantwortung als Kinder bei uns. Schon die Kleinsten wissen, wie man sich um die noch kleineren kümmert, tragen oder wickeln diese mit dem Wissen, was ihnen von den älteren beigebracht wird und so versuche auch ich meine anfängliche Scheu im Umgang mit Babys abzulegen. Hier gibt es keine ständig wachsame Mutter, die nur sehr gut ausgewählte Menschen, nach langer Einweisung in die bevorzugte Art der Pflege und die verwendeten Produkte, an ihren Nachwuchs heranlässt. Man benutzt was es gibt und ist froh um jeden der hilft, hilft auch anderen gerne. Dennoch fehlt aber natürlich einiges an Wissen, was Gesundheit und Schutz der Babys angeht, trotz Anleitung von Dr. Anke Brügmann machen die Menschen es gerne wie gewohnt und das ständige Erinnern an eigentlich schon gesagtes zehrt an den Kräften.

Hat man dann einmal das Verlangen nach Ruhe, Muße und Spiritualität wird einem bewusst, wie selten das anzutreffen ist. In der Kirche ist die Predigt wie die Musik laut und aufrüttelnd, die Leute kehren nicht in sich sondern kommen aus sich heraus. Das Leben ist zwar sehr entschleunigt, dies liegt aber daran, dass vieles einfach nicht schneller geht. Was bei uns eine Aufgabe von Sekunden ist (wie das Auffüllen eines Glases mit sauberem Wasser) kann in Haiti Minuten dauern (einen sauberen Becher finden, je nachdem den Wasserfilter mit einem Eimer auffüllen mit Regenwasser aus Tonnen, die mehr oder weniger weit entfernt sind). All das ist mühsam und hindert einem daran, wichtige Aufgaben schnell zu erledigen. Und dennoch: Aufgaben wie das Waschen von Kleidung oder Befüllen von Pflanzsäckchen mit Erde haben am ehesten noch etwas meditatives.

 

An manchen Abenden zeige ich den Kindern einen Film auf dem Laptop, um den sich dann alle drängen. Meist sind sie so aus dem Häuschen, weil es so etwas Besonderes ist, das man kaum noch etwas versteht. Wenn dann dabei noch etwas zu essen verteilt wird, die Erwachsenen in normaler Lautstärke weiter reden, der Regen mit einer für uns unbekannten Lautstärke auf das Dach trommelt und die Filmsprache französisch ist (für die Kinder ja auch eine Fremdsprache) ist die Konzentration ganz dahin. Trotzdem gibt es Abende, an denen die Kinder dabei zur Ruhe kommen und manche auch schon auf meinem Schoß eingeschlafen sind. Diese Momente waren für mich etwas ganz besonderes und schönes, sie hatten etwas sehr familiäres.

Die Waisenkinder sind wirklich wundervoll! Trotz ihrer Schicksale und den unvorstellbar schlimmen Dingen, die die meisten erlebt haben, sind sie so stark, lebensfroh, rotzfrech, verspielt oder in verschiedenem Maß wissbegierig wie Kinder eben so sind. Wie bei uns haben alle ganz verschiedene Talente und ich finde es sehr schade, wie wenig individuell darauf eingegangen werden kann. Den Betreuerinnen fehlt dazu leider die Ausbildung und der Antrieb und es sind einfach zu viele Kinder. Umso wichtiger, dass freiwillige Helfer versuchen darauf einzugehen und  dass die Kinder über die Schule von Pwojè men kontre eine Perspektive für ihre Zukunft bekommen.

Es ist wirklich schön, den Schulanfang mitzubekommen, wie sich die Kinder aufgeregt richten und freuen. Im Unterricht merkt man allerdings, dass die Atmosphäre viel zu unruhig ist um sich wirklich gut zu konzentrieren. Noch fehlen einige Klassenräume, sodass in der Aula mehrere Klassen parallel untergebracht sind. Dort wird allerdings auch das Essen vorbereitet, was für die Kinder natürlich immer noch ein Highlight darstellt und sie somit ablenkt, genau wie die Größe der Klassen, der Lärm insgesamt und die Hitze. Auch sind die didaktischen Fähigkeiten der Lehrer begrenzt.

An Materialien fehlt es überall: Sobald die Waisenkinder in ihrer Freizeit Stifte und Papier zum  Malen bekommen, (wirklich ihr Lieblingshobby und ich werde wohl ihre Rufe: „Desen, desen!“=“Zeichnung, Zeichnung!“ noch ewig in den Ohren haben) beginnt ein Kampf darum, wer die meisten bekommt, sodass darunter leider oft der eigentliche Sinn dahinter verloren geht. Wer am besten verhandeln und sich am besten behaupten kann, bekommt am meisten. Das ist wohl, was sie eigentlich trainieren und was sicher anders wäre, hätten sie jederzeit Zugriff. So muss man wirklich darauf achten, dass nichts verloren geht. Und trotzdem: meine Haargummis, von denen die Kinder immer ganz fasziniert waren, habe ich immer zurückbekommen ohne danach zu fragen (wenn auch manchmal Tage später). Auf diese Weise kamen mir die Kinder reifer vor, als die Erwachsenen, genauso wenn es um das Wegwerfen von Müll in die Natur geht; ein Zeichen, dass die Arbeit des Vereins Früchte trägt. Denn was die allgemeine Lage in Haiti, wie beispielsweise die Ökologie angeht, gibt es noch viel zu tun, Vermüllung ist ein großes Problem.

Dabei ist die Natur Haitis doch so fantastisch! Die Berge, die Vielfalt uns unbekannter Pflanzen und Insekten (eines der Glühwürmchen beispielsweise war so groß, dass ich es für ein LED Lämpchen gehalten hätte, wüsste ich es nicht besser), die Geräusche, der starke Regen, der atemberaubende Sternenhimmel, der wirklich noch viel heller leuchtet als bei uns, die viel intensiver schmeckenden Früchte und riesigen Avocados. Von letzteren bekommen die Waisenkinder leider auch nicht viel zu sehen. Wieder eine Frage des Geldes und so bekommen die Kinder zur Zeit nur einen frisch gepressten Fruchtsaft in der Woche. Brandrodung durch die Bevölkerung hat leider viele Felder unfruchtbar gemacht. Auch der Müll der Menschen zerstört viel, was mir wieder vor Augen führt, wie wichtig Regeln und Möglichkeiten zur Müllentsorgung und eine Müllabfuhr sind. Es fehlt einfach insgesamt an vielen in unserer Zivilisation mittlerweile für selbstverständlich gehaltenen Errungenschaften.

 

So mangelt es in Haiti noch an vielen anderen einfachen Alltagshilfen, die für uns nicht mehr wegzudenken sind, die man dort allerdings erst einmal einführen muss. Auch das Sauberkeitsbedürfnis der Menschen ist deutlich geringer als bei uns. Ein richtiges Bad gibt es bisher erst im von EWB errichteten Mädchenwohnheim und auch dort ist es schwierig, bei all den kleinen Kindern ohne richtige Putzmittel und geeignete Tücher vor allem bei Regen und dem ansonsten lehmigen Boden das Badezimmer sauber zu halten. Der Geruch nach Urin ist allgegenwärtig und so wird für mich Rauch, der von der Kochstelle oder dem morgens zubereiteten Kaffee (wegen des Preises selten von Betreuerinnen und nie von Waisen getrunken) stammt, zu einem meiner liebsten Gerüche. Was für mich eine Herausforderung darstellt, sind die Menschen dort gewohnt, wieder ein Grund, warum sich alles so langsam ändert. Mit der schlechteren Hygiene gibt es auch deutlich mehr Infektionskrankheiten als bei uns, die Desinfektion von Wunden ist überaus wichtig und auch ich habe mir einen hartnäckigen Racheninfekt eingefangen trotz meines zumindest an deutsche Erreger ansonsten gut angepassten Immunsystems. Auch das Wissen, dass das nächste Krankenhaus (mit nur mangelhafter Versorgung) weit entfernt liegt, ist nicht gerade beruhigend. Die Menschen dort sind damit aufgewachsen, sie sind zäh und machen das Beste aus ihrer Situation. Ich war wirklich erstaunt, als ich das erste Mal einen alten, einbeinigen Mann mit selbst gebauten Krücken einen steilen Berg hinaufeilen sah, um zu einem Gottesdienst zu kommen. Vergleichbar legen hochschwangere Frauen alleine Tagesmärsche zurück, um sich von Dr. Brügmann beraten zu lassen. Gute Medikamente, Materialien und medizinische Geräte sind im Land leider spärlich und Krankenhausaufenthalte für die meisten Menschen nicht erschwinglich. Oft ersuchen Patienten daher auch erst spät Hilfe, wenn Krankheiten schon zu fortgeschritten sind um sie einfach zu behandeln. Jede Hilfe wird gebraucht.

 

Immer wieder bin ich hin und her gerissen: auf der einen Seite bin ich erschöpft, fühle mich vielleicht krank und habe das Gefühl mich viel zu einseitig zu ernähren um alle mir innewohnenden Kräfte mobilisieren zu können und will ich wie bei jeder Reise all die Dinge probieren, die es in diesem Land gibt und die ich von zu Hause nicht kenne. Auf der anderen Seite will ich (vor allem für eine so kurze Zeit) aber auch nicht mehr brauchen, als die Waisenkinder und Haitianer, die schließlich ihr ganzes Leben so verbringen. Meine eigenen Ansprüche an das Leben, die sich hier in Deutschland über die Jahre gebildet haben, kommen mir dekadent vor. Alles, was es für die Waisen abseits des wöchentlichen Speiseplanes gibt, ist auch für sie etwas sehr besonderes, können sie sich nur nicht leisten und die strahlenden, zufriedenen Gesichter zusammen mit dem schmatzenden Geräusch, wenn ich aus Deutschland mitgebrachte Nüsse und Rosinen verteile, oder wenn es Konparèt (ein haitianisches Gebäck mit Ingwer, was etwas an Lebkuchen erinnert, allerdings um einiges härter ist) gibt, werden mich noch lange zum Lächeln bringen. Schon nur 6 Wochen mit dem geringeren Lebensstandard machen mir deutlich mehr zu schaffen, als ich das gerne hätte, für die Haitianer ist dieser normal.

 

Mein Aufenthalt in Haiti hat mich zutiefst spüren lassen, wie zweigeteilt die Welt ist. Wie bei uns die Bettler auf der Straße die Ausnahme bilden, so sind es in Haiti die wohlhabenden Menschen. Diese, die bei uns als völlig normal und durchschnittlich gelten. Das macht mich traurig und wütend, hat doch keiner von uns etwas dafür getan, auf dieser Seite der Welt geboren zu sein. Es ist nur Glück.  Umso wichtiger finde ich es, etwas gegen diese Ungerechtigkeit zu tun und bewundere die Arbeit aller langjährigen Mitarbeiter von Pwojè men kontre oder auch EWB, allen voran Dr. Anke Brügmann, die niemals so effektiv etwas bewirken könnte, würde sie nicht einen Großteil ihres persönlichen Glücks hinten anstellen. Jede für uns kleine Spende hat für die Waisen oder Kranken in Haiti große Auswirkungen und wird mit größter  Achtsamkeit eingesetzt, nichts wird verschwendet.

Politische Situation auf Haiti und Berichte – Dezember 2019

Politische Situation auf Haiti – Dezember 2019

Auf Haiti erschweren die politischen Unruhen das tägliche Leben. Es gibt Demonstrationen, Straßenbarrikaden, Überfälle, geschlossene Geschäfte, Plünderungen, Knappheit von Benzin und bestimmten Lebensmitteln, entsprechend hohe Preise. Die Großimporteure halten gezielt Ware wie z.B. Mehl zurück, um die Preise hochzutreiben. Der Verkehr zwischen den Städten ist immer wieder ganz eingestellt. Entführungen haben in PauP (Port au Prince) wieder zugenommen. Bis Ende November wurden während eines Monats offiziell 49 Todesopfer der Unruhen gezählt, meist sind es Aktivisten. Nur einmal flog eine Handgranate auf einen vollbesetzten Bus, der komplett ausbrannte. Mehrere wichtige Krankenhäuser sind geschlossen, was Verlegungen unmöglich macht. So z.B. das große staatliche Krankenhaus in Les Cayes, das Krankenhaus La Paix in PauP, und das Bonne Fin in Cavaillon, das die wichtigste unfallchirurgische Anlaufstelle war. Ein Beispiel beschreibt Frau Brügmann: „Bei einem Neugeborenen, Sohn eines unserer Lehrer, bei mir entbunden, hatte ich den Verdacht auf eine schwere angeborene Fehlbildung, an der auch in Europa Kinder sterben, nämlich eine Ösophagusatresie, bei der ein Teil der Speiseröhre nur als Bindegewebsstrang angelegt und nicht durchgängig ist. Mit meinen einfachen Mitteln konnte ich natürlich nicht sicher sein. Der Weg nach Les Cayes war wegen der Unruhen nicht befahrbar, und das wichtigste Krankenhaus sowieso zu. Daher hatte ich Hugo gebeten, das Baby auf seiner Wochenendfahrt mit dem Auto seiner Familie mit nach Jeremie mitzunehmen, um erst einmal eine Diagnose zu stellen. Bei der Einfahrt in Jeremie flogen dann Steine auf das Auto, die Insassen haben es am Straßenrand stehen lassen und sind in ein fremdes Haus geflohen. Erst viel später konnten sie ohne Auto zum Krankenhaus durchkommen. Dort haben sie erst einmal mehrere Tage keinen Arzt gesehen, und als dann einer zur Verfügung war, wurde meine Diagnose leider bestätigt. Eine letzte Hoffnung war die Verlegung in ein Kinderkrankenhaus in Tabarre bei PauP, wo Amerikaner arbeiten, die schwierige Fälle auch mal in die USA mitnehmen. Die Inlandflüge waren aber über Wochen ausgebucht und bis wir eine Ambulanz bekommen konnten, war der Kleine tot.“

„Was wir besonders zu spüren bekommen ist, dass alle Ausbildungsstätten in den größeren Städten geschlossen blieben, Schulen, Berufsschulen und Universitäten. Einige Institutionen haben jetzt Ende November angefangen, andere sind weiterhin zu. Auch unsere eigenen Jugendlichen hingen dadurch in der Luft. Sie haben mindestens drei Monate verloren. Andere werden wohl ein Jahr verlieren. In PauP ist es noch schlimmer. Einige wenige Schulen machen dort jetzt auf, aber die Kinder und Studenten müssen unterwegs an Schießereien vorbei,“ berichtet Frau Brügmann.

Die Ingenieure der EWB Karlsruhe konnten nicht nach Haiti kommen. Es wäre sehr schwierig und gefährlich gewesen, eine Gruppe vom Flughafen die 150 km nach Beuamont durch die Barrikaden zu schleusen. Abgesehen davon gab es auch kein Baumaterial zu kaufen.  

Es gab internationale Verhandlungen, Haiti unter ein internationales Protektorat zu stellen. Da aber dabei der jetzige Präsident nominell an der Macht geblieben wäre, hat die Opposition diese Lösung abgelehnt und angekündigt, die Unruhen trotzdem fortzusetzen.  

Ein eindrucksvolles Bild kann man sich machen, wenn man die Reisebeschreibung von Frau Dr. Brügmann liest. Sie berichtet was sie von Beaumont bis zum Flughafen erlebt hat: „An den Tagen vor der Abreise hieß es, im Viertel Martissant werde wieder vermehrt geschossen, ich könne evtuell nicht durchkommen. Schließlich hieß es am Tag davor, es sei wieder ruhiger. Hugo [ein Vorstandsmitglied in Haiti – Anm. der Verf.], brachte mich früh morgens nach Les Cayes, dort war aber kein Bus zu bekommen, auch nicht einer der Kleinbusse, die sonst immer verkehren. Die Erkundigungen  ergaben, dass die Strecke vor Miragoane blockiert sei. Um weiter zu kommen mussten wir auf dem Schwarzmarkt Diesel für den doppelten Preis kaufen, denn alle Tankstellen waren geschlossen. Wir fuhren dann also mit dem eigenen Auto, bis wir bei Fond des Nègres auf die Schlangen von festsitzenden Lastern und Bussen stießen. Dort bin ich dann auf ein Motorradtaxi umgestiegen. Ich habe etwa 20 Barrikaden gezählt. Meist hatten sie einen Laster auf der Straße quergestellt und rechts und links mit Felsbrocken und Baumstämmen ergänzt. Wenn sich hier ein Auto durchzwängt, ist es zwischen den Barrikaden gefangen und man kann es bequem ausnehmen. Manchmal konnte sich das Motorrad vorbeizwängen, manchmal gab es Umwege auf schmalen Pfaden. Während der ganzen Fahrt betonte der Fahrer, dass das ja jetzt viel schwieriger als geplant sei und dass ich noch was auf den gezahlten Preis drauflegen müsse. Weit und breit kein Polizist. In Miragoane habe ich dann einen Kleinbus bekommen, der ziemlich kriminell nach PauP raste, nur noch einmal durch eine Unfallstelle aufgehalten, und Martissant war absolut friedlich. Als mein bestellter Helfer in PauP am Morgen des Abfluges nicht pünktlich kam, wollte ich schon mal loslaufen. Da gab es bei meinen Gastgebern einen Aufschrei, weil gerade an diesem Morgen wieder viele Passanten in diesem Viertel mit Waffen bedroht und ausgeraubt wurden. Als der Helfer dann doch kam, habe ich ihn mit dem Koffer vorauslaufen lassen, so dass nicht zu sehen war, dass wir zusammengehören. Ein Bandit hätte sich dann eher den weißen Passanten ausgesucht und nichts bei mir gefunden.

Aber wir hatten Glück. In der Wartehalle am Flughafen habe ich dann das Gespräch von anderen Reisenden mitbekommen, die sich gegenseitig erzählten, dass sie regelmäßig auf dem Arbeitsweg von bewaffneten Dieben abgefangen werden, und es satt haben, jedes Mal für den Nachhauseweg zu bezahlen. Wer es sich leisten kann, setzt sich ins Ausland ab.    

Neues von der Arbeit vor Ort:  

Landwirtschaft:

Bei der Wiederaufforstung sind Erfolge zu verzeichnen. Letztes Jahr wurden 2000 Setzlinge gepflanzt: Fruchtbäume: Papayas, Stachelannone. Diese Bäume sind sehr wichtig als Erosionsschutz, Feuchtigkeitsspeicher und Umwandler von Kohlenstoffdioxid in Sauerstoff. Außerdem sind ihre Früchte wichtige Nahrungs- und Vitaminquellen.

Das Schwein Flavi wurde im November unruhig und kam auf Frau Brügmann zu. Sie wollte signalisieren, dass sie empfangsbereit sei. Schnell wurde ein Eber geholt und Flavi wurde gedeckt.

Auch bei den Hunden gibt es erfreulichen Zuwachs: zwei Welpen wurden zwischen den Felsen geboren, werden gut versorgt und sind wohlauf. Das Mädchen heißt Mila, der Junge Buki. Buki ist eine Figur aus einem Haitianischen Märchen. Die Hunde sind wichtig als Spielkameraden, aber auch als Wachhunde gegen Einbrecher.

Zwei Katzen wurden gestohlen. Katzen werden gebraucht, weil sie die Ratten bekämpfen. Es sind schon wieder zwei neue Katzen da. Sie heißen Tim und Cinderella. Tim ist nach einer Haitianischen Redensart genannt und Cinderella hat ihren Namen bekommen, weil sie so gerne in der warmen Asche liegt.

Medizin:

Nach wie vor kommen viele, viele Frauen, um zu entbinden oder zur Kontrolle bei Schwangerschaften. Ansonsten kommen vor allem Unfallverletzte und Kranke, die an Infektionskrankheiten leiden.

Es stehen täglich große Menschentrauben vor dem Tor. Bald ist Bürgermeisterwahl. Ein Kandidat meinte: der beste Platz für eine Wahlkampfveranstaltung sei das Tor von menkontre. Da würde man am meisten Menschen erreichen, weil hier immer Trauben von Menschen sich versammeln, die medizinische Hilfe benötigen.  

Schule:

Die Schule ist geöffnet. Wegen der Unruhen können einige Schulen nicht besucht werden.

Kinder und Jugendliche in Schule und Waisenhaus:

Viele Schüler*innen helfen mit: Ein Schüler, der vor dem Abitur steht, hilft z.B. mit Noten bei den Examen in Excel einzugeben. Die Schüler*innen helfen auch viel mit, Dinge zwischen den beiden Standorten hin- und herzutransportieren. Essen wird an einem Standort gekocht und muss auch zum anderen Standort gebracht werden. Samstags sind die Schüler*innen in der Landwirtschaft tätig. Natürlich waschen sie auch ihre Wäsche selbst. Auch die Betreuung von jüngeren Kindern wird oft von älteren mitübernommen. In der Baumschule sind Schüler*innen ebenfalls eingebunden. Manche sammeln auch die Kerne der Tomaten, trocknen sie und geben sie ab, damit man Tomatensetzlinge ziehen kann.  

Bauen:

Sozialwohnungen in der Stadt sind teilrenoviert. Dort leben ehemalige Schüler*innen, um eine Ausbildung zu machen. Kantine: Der Speisesaal ist fast fertig. Es gibt zwar noch keine Möbel, aber Platz! Der Platz bedeutet, eine große Entlastung. Auch die Regale sind in der Kantine eingebaut. Jetzt können Lebensmittel in größeren eingekauft werden, wenn es welche gibt. Es gibt nun genug Lagerkapazität. Momentan wäre es für die Ingenieure aus Karlsruhe aufgrund der Unruhen viel zu gefährlich nach Haiti zu fliegen. Aber es können auch Arbeiten ohne die Ingenieure verrichtet werden. Die Jugendlichen tragen z.B. Geröll vom Aushub in Handarbeit weg. Im kommenden Jahr stehen folgende Arbeiten an, wenn die Ingenieure wieder kommen können: Die Wasserversorgung muss in Angriff genommen werden. Die Zisterne muss fertig gebaut werden. Die Kantine braucht Gasanschlüsse, Gaskocher und die Wasserversorgung. Im Moment wird jemand gesucht, der ein oder mehrere Wohnhäuser in Holzbauweise in Fontrankil, dem zweiten Standort bauen kann. Dort werden dringend Wohnhäuser für die Kinder und Jugendlichen benötigt, die noch am alten, gefährlichen Standort wohnen. gebaut wird.

Zurück aus Haiti

von Stefan Willeitner

Stefan Willeitner ist wieder zurück aus Haiti und hat einige Bilder mitgebracht. Er schreibt dazu:

Es war schön, alle Kinder und Jugendlichen wiederzusehen und mit ihnen
gemeinsam den Alltag zu teilen und etwas zu unternehmen. Der absolute
Renner bei den Spielen ist „Mensch ärgere dich nicht“, das wie bei uns,
aber auch abgewandelt mit zwei Würfeln gleichzeitig, gespielt wird und
das in allen Altersklassen. Die Spielbretter hat die Französische Schule
in Tübingen für uns hergestellt.
Bei den Ausflügen waren die Fahrten an einen kleinen Fluss mit verschie-denen Becken, ans Meer und in eine Tropfsteinhöhle die Höhepunkte.
Ich habe in einem Zimmer auf unserem alten Gelände übernachtet. Dort
bin ich manchmal durch Verkehrslärm oder laute Musik geweckt worden.
Die jetzt geteerte neue Nationalstraße geht direkt an unserem Gelände
vorbei und die Fahrzeuge rasen entsprechend.
Da war es richtig wohltuend auf unserem neuen Gelände ohne Verkehrs-lärm und viel Grün. Daher ist es so wichtig, dass auf dem neuen Gelände die Schulkantine und neue Klassenzimmer gebaut werden. Dann müssen die externen Kinder nicht mehr die gefährliche Nationalstraße entlang zur
Schule laufen.

Spaß mit den neuen Spielen

In der Tropfsteinhöhle

Schwimmen im Meer

Englisch Nachhilfe

Bericht unserer Vorstandsmitglieder Jörg Wulle und Stefan Willeitner vom August 2018 aus Beaumont

Wir haben heute Sonntag den 19.8.2018 und es sind jetzt zweieinhalb Wochen, dass Stefan Willeitner und ich mal wieder in Beaumont angekommen sind. Der Administrator unseres haitianischen Partnervereins Hugo Bazile holte uns, wie bei jedem Haiti-Besuch, zuverlässig am Flughafen ab und es ging sofort aus der Hauptstadt Port-au-Prince heraus auf die ca. 250 km lange Strecke in den Südwesten des Landes.

Nach freudiger Begrüßung durch die Waisenkinder und die Mitarbeiter bezogen wir unsere Zimmer in der nach dem Hurrikan Matthew wiederhergestellten alten Anlage des Waisenhauses im Ortsteil Nan Guinen von Beaumont.

Gleich am nächsten Tag zog es Stefan und mich jedoch zu unserer neuen Anlage im Ortsteil Fontrankil, wo uns unsere Vereinsvorsitzende Dr. Anke Brügmann, wieder mal, oder besser gesagt, wie immer, stark durch medizinische Notfälle in Anspruch genommen, begrüßte. Wir haben den anschließenden Rundgang auf dem Gelände deshalb ohne sie vorgenommen.

Ja, es hat sich da einiges getan seit meinem letzten Haiti-Aufenthalt im Dezember 2017. Die angehenden Bauingenieure vom Verein „Engineers Without Borders“ (EWB) aus Karlsruhe haben für uns weitere Schul- und Vorschulgebäude errichtet. Es stehen jetzt insgesamt fünf dieser Gebäude, in zweien davon fand bislang aber noch kein Unterricht statt.

Und zwar auch deshalb nicht, weil wir im Moment nicht genügend Schulmöbel zur Vefügung haben. Das wird sich aber bald ändern, denn kurz vor der Abreise von Stefan und mir wurde in Wolfach ein weiterer Container unter anderem auch mit Schulmöbeln auf die Reise nach Haiti geschickt. Die Frachtpapiere für den Zoll in Port-au-Prince habe ich nach Beaumont mitgebracht.

Stefans und mein Rundgang führte uns weiter zum ersten Wohnhaus für unsere Waisenkinder auf dem neuen Gelände, das die Ingenieure von EWB zum ganz großen Teil bereits im vergangenen Jahr errichtet hatten. Nachdem zuletzt auch die Fensterläden eingebaut wurden, ist das Haus jetzt bewohnbar und zwei Betreungsgruppen mit 16 Mädchen im Alter von 7 Monaten bis ca. 9 Jahren konnten zu Beginn der Woche dort einziehen. Bezüglich der Fenster muss man wissen, dass in Haiti Glasfenster nicht üblich sind und besonders im Erdgeschoß es deshalb unerlässlich ist, Fensteröffnungen mit festen Läden verschließen zu können.

Ansonsten werden die Bewohnerinnen des neuen Hauses von allen beneidet, weil sie bislang die einzigen sind, die Toiletten und Duschen im Wohnhaus haben. Alle anderen Kinder unseres Waisenhauses und auch das Betreuungspersonal muss dazu mehr oder weniger weit über den Hof gehen. Auch Duschen waren bisher in unserer Anlage nicht bekannt. Man musste und die meisten müssen es immer noch, das Wasser im Eimer an der Wasserstelle holen und es im Sanitärraum mit der Schöpfkelle über sich schütten.

Derzeit sind auch in Haiti Schulferien. Um unseren Waisenkindern etwas Abwechslung zu bieten, hat sich der haitianische Vorstand entschlossen, unseren Betreuungsgruppen im Rahmen eines kleinen Ferienprogramms einen jeweils dreitägigen Aufenthalt in unserem Wohnheim Camp Perrin in der Nähe der größeren Stadt Les Cayes anzubieten. Dort sind das Jahr über ältere Jugendliche untergebracht, die in Les Cayes weiterführende Schulen bzw. eine Ausbildung absolvieren, jetzt aber auch Ferien haben und solange in unserer Anlage in Beaumont wohnen.

Weil wir zu wenige Mitarbeiter mit Führerschein haben, werde ich mich morgen Nachmittag wieder auf die ca. 50 km lange Strecke machen um die nächste Gruppe nach Camp Perrin zu bringen und dort die Jungs-Gruppe abholen, die ich vorgestern hingefahren habe. Zuvor soll jedoch noch auf dem Markt in Beaumont eine kleine Ziege gekauft werden, die einer unserer Mitglieder bzw. dessen Tochter gespendet haben und zwar dadurch, dass die Tochter auf das ihr eigentlich zugedachte Geschenk zum 40. Geburtstag verzichtet hat. Das hilft uns jetzt weiter bei der Ziegenzucht in unserer Landwirtschaft.

Eindrücke

Die Kinder und Jugendlichen spielen gerne in ihrer Freizeit …




In den Ferien wurden Ausflüge gemacht

  • … ans Meer

  • und in unser Wohnheim nach Camp-Perrin

  • Es wurde aber auch gelernt.

    In der Landwirtschaft geht es nach dem Hurrican weiter aufwärts.

  • Die EWB-Studenten aus Karlsruhe bauen weiter für uns und bereiten das Gelände für weitere Baumaßnahmen vor.

  • Tag für Tag

  • Es wurde Kommunion

  • und Firmung gefeiert.

  • Es gab Fortbildungen für Betreuerinnen und Lehrer.

  • Bericht aus Haiti von Stefan Willeitner 15.08.2018

    Auch wenn die EWB aus Karlsruhe noch nicht da sind, gehen bei uns die Bauarbeiten auf dem neuen Gelände trotzdem weiter. Gerade wurde der Pausenhof zwischen den Vorschulgebäuden asphaltiert. Manche Schüler erhalten Zusatzunterricht in Klein- und Großgruppen, um Gelerntes nachzuarbeiten. In der Zyklonzeit fiel ja viel Unterricht aus.

    Stefan Willeitner

    Bericht von Herrn Wulle vom August 2017

    Bericht Waisenhaus Menkontre von Jörg Wulle, Vorstandsmitglied

    August 2017

    Wir haben heute den 14. August 2017 und es liegt jetzt genau zwei Wochen zurück, dass die Vorstandsmitglieder Stefan Willeitner und Jörg Wulle in Beaumont angekommen sind. Ein besonderes Ereignis habe ich zum Anlass genommen, gerade heute diesen Bericht zu schreiben. Es ist die Geburt von zwei Mädchen, also Zwillingen, deren Mutter aus einem sehr entfernten Dorf stammt. Ja, es hat sich weit herumgesprochen, dass unsere Vereinsvorsitzende Dr. Anke Brügmann sich als Medizinerin verantwortlich fühlt, Menschen in medizinischen Notlagen die am Tor des Waisenhauses anklopfen, zu helfen.

    Derzeit haben wir eigentlich genügend anderes zu tun. Zum Beispiel mit dem Bau weiterer Gebäude auf unserem neuen Gelände in Fontrankil (es steht jetzt der Neubau des ersten Kinderwohnhauses für Mädchen kurz bevor, zusätzlich zu der großen Halle und den ersten vier Klassenzimmer-Gebäuden, die bereits im letzten und vorletzen Jahr gebaut wurden), oder mit den Anmeldungen zu unserer Schule. Diese Anträge auf Schulanmeldung haben sich weiter erhöht, auch durch den Zuzug von Familien aus entlegenen Bergdörfern, die durch den Hurrikan Matthew ihr Dach über dem Kopf verloren haben. Eine Ablehnung dieser Anträge hat oft zur Folge, dass die Kinder dieser in der Regel ärmeren Familien aufgrund des deutlich höheren Schulgeldes anderer Schulen überhaupt nicht zu Schule gehen können und ein Leben lang Analphabeten bleiben.

    Wie immer im Sommer geht es bei den aktuellen Sitzungen und Besprechungen zu einem großen Teil um die älteren Waisenkinder, die den Schulbesuch jetzt beendet haben und nun eine Berufsausbildung anstreben. Je nach Neigung, Fähigkeiten und zu erwartenden Lernerfolgen versuchen wir hierbei für die Jugendlichen das Richtige zu finden. Da es in Beaumont selbst nicht viele Ausbildungsplätze gibt, ist das oft nicht ganz einfach.

    Die derzeitigen Ferien werden auch genutzt um mit einem Teil der Kinder Ausflüge zu unternehmen. Stefan und ich fuhren hierbei letzte Woche mit den etwas älteren Jungs an einen tollen Strand an das karibische Meer und mit den kleineren Mädchen an einen flachen Kiesstrand an einem Fluß. Beide Touren haben den Kindern großen Spaß gemacht.

    Jörg Wulle, Vorstandsmitglied

    In weitem Umkreis um Beaumont gibt es keine zweite solche Badestelle für kleine Nichtschwimmer. Zu Fuß geht es schon gar nicht, da kommt man nur mit dem Auto hin. Für sie war es das Highlight der Sommerferien.

    Bericht Waisenhaus Menkontre August 2017

    Bericht Waisenhaus Menkontre

    August 2017

    Wir haben heute den 14. August 2017 und es liegt jetzt genau zwei Wochen zurück, dass Stefan Willeitner und ich in Beaumont angekommen sind. Ein besonderes Ereignis habe ich zum Anlass genommen, gerade heute diesen Bericht zu schreiben. Es ist die Geburt von zwei Mädchen, also Zwillingen, deren Mutter aus einem sehr entfernten Dorf stammt. Ja, es hat sich weit herumgesprochen, dass unsere Vereinsvorsitzende Dr. Anke Brügmann sich als Medizinerin verantwortlich fühlt, Menschen in medizinischen Notlagen die am Tor des Waisenhauses anklopfen, zu helfen.

    Derzeit haben wir eigentlich genügend anderes zu tun. Zum Beispiel mit dem Bau weiterer Gebäude auf unserem neuen Gelände in Fontrankil (es steht jetzt der Neubau des ersten Kinderwohnhauses für Mädchen kurz bevor, zusätzlich zu der großen Halle und den ersten vier Klassenzimmer-Gebäuden, die bereits im letzten und vorletzen Jahr gebaut wurden), oder mit den Anmeldungen zu unserer Schule. Diese Anträge auf Schulanmeldung haben sich weiter erhöht, auch durch den Zuzug von Familien aus entlegenen Bergdörfern, die durch den Hurrikan Matthew ihr Dach über dem Kopf verloren haben. Eine Ablehnung dieser Anträge hat oft zur Folge, dass die Kinder dieser in der Regel ärmeren Familien aufgrund des deutlich höheren Schulgeldes anderer Schulen überhaupt nicht zu Schule gehen können und ein Leben lang Analphabeten bleiben.

    Wie immer im Sommer geht es bei den aktuellen Sitzungen und Besprechungen zu einem großen Teil um die älteren Waisenkinder, die den Schulbesuch jetzt beendet haben und nun eine Berufsausbildung anstreben. Je nach Neigung, Fähigkeiten und zu erwartenden Lernerfolgen versuchen wir hierbei für die Jugendlichen das Richtige zu finden. Da es in Beaumont selbst nicht viele Ausbildungsplätze gibt, ist das oft nicht ganz einfach.

    Die derzeitigen Ferien werden auch genutzt um mit einem Teil der Kinder Ausflüge zu unternehmen. Stefan und ich fuhren hierbei letzte Woche mit den etwas älteren Jungs an einen tollen Strand an das karibische Meer und mit den kleineren Mädchen an einen flachen Kiesstrand an einem Fluß. Beide Touren haben den Kindern großen Spaß gemacht.

    Am Tag ihrer Geburt, dem 14. August 2017 fotografiert: Klara (unten) und Nora haben wir sie mal genannt, zur Welt gekommen auf unserem neuen Gelände in Fontrankil. Da ihre Mutter psychisch behindert und mit der Versorgung der beiden wohl überfordert ist, war bei der Abreise von Stefan Willeitner und mir einige Tage später noch nicht ganz klar, wie sich das mit den beiden weiter entwickelt.